Zum Hauptinhalt Zur Navigation

iA Writer: Ein Gegenvorschlag zu Word

Um nichts als ums Schreiben geht es bei Writer von Information Architects (iA). Die erfolgreiche App fürs iPad gibt es ab sofort auch für den Mac. Was Writer so besonders macht, erläutert iA-Gründer Oliver Reichenstein im Interview.
/ Jens Ihlenfeld
250 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Writer im Fokus- und Vollbild-Modus (Bild: Information Architects)
Writer im Fokus- und Vollbild-Modus Bild: Information Architects

Ein Gegenvorschlag zu Word soll iA Writer(öffnet im neuen Fenster) sein. Als "Schreibprogramm, eine digitale Schreibmaschine" umschreibt Oliver Reichenstein sein Programm, dessen iPad-Version viel gelobt wurde und das es jetzt auch für den Mac gibt. "Writing Machine" war ursprünglich als Name dafür vorgesehen. Da dieser Titel für den Homescreen des iPhones zu lang war, wurde er auf "Writer" verkürzt und sagt nun noch knapper, worum es geht: ums Schreiben: "Man spielt nicht mit Worten, man schreibt" , sagt Reichenstein.

Writer - Interview mit Oliver Reichenstein
Writer - Interview mit Oliver Reichenstein (06:13)

Deshalb will er mit seinem Programm alles vermeiden, was davon ablenkt. Der Funktionsumfang traditioneller Textverarbeitungen sei zu groß und der Fokus liege auf dem falschen Punkt, erklärt der Gründer der Information Architects. Word und andere Textverarbeitungen seien keine Schreibprogramme, sondern eher Textformatierungsprogramme. Und das lenke nur ab: "Beim Schreiben sucht man sich die albernsten Ausreden, nur um nicht schreiben zu müssen, man fängt an, Fonts zu verändern oder Text fett zu machen."

Der Nutzer im Würgegriff

Mit Writer soll das nicht passieren, es geht um den Text, nicht um seine Formatierung. Deshalb verzichtet es bewusst auf Einstellmöglichkeiten. Es gibt nur eine Schriftart und Schriftgröße und die ist bewusst gewählt. Die Entwickler nehmen dem Nutzer die Entscheidung ab, treffen nicht nur eine Voreinstellung. Das sei zwar ein regelrechter Würgegriff, aber das "bringt einen dazu, sich genau zu überlegen und intensiv zu testen, was am besten funktioniert" , sagt Reichenstein. Das gefalle nicht allen, aber die Mehrheit wolle eben keine Voreinstellungen verändern und wenn sie es doch täten, dann "oft nicht richtig" .

Zwar könne man sich auch andere Schreibprogramme einrichten, den meisten Menschen fehle es aber an einem bildschirmtypographischen Verständnis, erklärt Reichenstein. Es sei eben keine Geschmacksfrage, welchen Font man mit welcher Größe, mit welchem Zeilenabstand und welchem Durchschuss verwende. Wenn all das stimme, erleichtere es das Lesen und damit auch das Schreiben. Eine Serifenschrift funktioniere beim Schreiben nicht richtig, dann sehe das Geschriebene im Schreibprozess immer schon aus wie gedruckt, wie fertig. Reichensteins Wahl für Writer fiel auf Nitti Light von Bold Monday(öffnet im neuen Fenster) . Die nichtproportionale Schriftart erinnert den Nutzer immer daran, dass er sich im Schreibprozess befindet.

Auch die zahlreichen "Schälterchen" , wie man sie bei Word und anderen Textverarbeitungen zuhauf findet, gibt es bei Writer nicht. Die Titelzeile des Fensters verschwindet beim Schreiben komplett. "Maximaler Output bei minimalem Input" zeichnet laut Reichenstein ein gutes User-Interface-Design aus.

"Word ist ganz schlimm"

Die Idee für Writer stammt aus Reichensteins Studienzeit. Damals verdiente er sein Geld damit, anderen die Bedienung von Microsoft Word beizubringen. "Je länger ich das gemacht habe, je mehr hat mich genervt, dass ich den Leuten all diese Hacks und Kniffe zeigen musste, damit sie Word bedienen können. Word ist ganz schlimm." Und so setzte sich der Gedanke fest, dass man das besser machen kann. "Aber ich habe als Student noch nicht gewusst, wo es klemmt und wie das Interface aussehen muss. Das habe ich erst in den letzten zehn Jahren gelernt."

iA Writer: Konzentration, Orientierung, Typographie

Writer unterscheidet sich von anderen Texteditoren vor allem in drei Punkten: Konzentration, Orientierung und Typographie. Die Software weicht von Standards ab. Im Kern bietet Writer für Mac drei Funktionen: einen Fokus-Modus, bei dem man Satz für Satz schreibt, die Möglichkeit zum Suchen, Finden und Ersetzen sowie Auto-Markdown(öffnet im neuen Fenster) , eine Auszeichnungssprache, die auch als Textdatei gut lesbar ist und Auszeichnungen wie Fett, Listen und Zitate unterstützt.

Der Fokus-Modus lässt große Teile des Textes in den Hintergrund treten. "Das Problem der meisten Schreibprogramme ist meiner Meinung nach, dass man zu viele Zeichen auf dem Bildschirm hat und ständig rumeditiert, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was man jetzt hat" , sagt Reichenstein. Während in der iPad-Version jeweils die drei Zeilen um die aktuelle Cursor-Position hervorgehoben sind, hebt der Fokus-Modus bei Writer für Mac immer den aktuellen Satz hervor. So ist es auch möglich, sich Satz für Satz durch den Text zu bewegen.

Die Idee will sich Reichenstein patentieren lassen. Allerdings nicht, um andere zu verklagen, sondern um sich selbst vor Klagen zu schützen. "Ich freue mich nie über Leute, die mich kopieren, aber über Leute, die das, was ich geschaffen habe, weiterentwickeln." Beim Fokus-Modus sei das aber schwer, hier sei "jede Millisekunde berechnet: Wann wird's ausgeblendet? Wann wird's eingeblendet? Was passiert, wenn man scrollt?" Beispielsweise wird der Text im Fokus-Modus beim Scrollen wieder eingeblendet.

Orientierung

Schon Writer fürs iPad verzichtet auf Seiten- oder Zeilenzahlen, stattdessen zeigt die Software die geschätzte Lesezeit bis zum Cursor an. Und auch der Cursor selbst soll für eine bessere Orientierung sorgen. Zwei Pixel mehr und eine andere Farbe - was einfach klingt, war viel Arbeit, und nach einigen Experimenten herausgekommen ist ein etwas breiterer, senkrechter blauer Strich, ähnlich wie bei iOS.

Seitenzahlen haben beim digitalen Schreiben keine Bedeutung und ihre Abwesenheit erspart dem Schreiber Sätze, die sich über mehrere Seiten erstrecken.

Der Preis ist bei iPad-Apps entscheidend

Writer fürs iPad wurde anfangs für 4,99 US-Dollar verkauft, kostet aber seit geraumer Zeit nur noch 0,99 Cent. Der Preis wurde im Rahmen einer Promoaktion zu Reichensteins Geburtstag gesenkt, woraufhin sich der Absatz vervielfachte und insgesamt mehr Umsatz erzielt wurde. Dennoch würde Reichenstein die Software gern teurer anbieten. Doch das lassen die Vertriebsstrukturen derzeit nicht zu, denn Apps werden primär über den App Store direkt auf dem iPad gekauft, nicht am Rechner. Und um im App Store wahrgenommen zu werden, müsse man es in die Toplisten schaffen, was nur über Preissenkungen gehe, sagt Reichenstein.

"Vielleicht machen wir ja etwas falsch, aber es ist unglaublich schwierig, Writer für iPad über das Internet zu verkaufen" .

Das sei im Übrigen auch der Grund, warum Zeitungen keine Apps verkaufen: Der Weg vom Desktop, wo man von der iPad-App erfährt, zum iPad sei zu weit. "Der einzige Weg, wie man iPad-Applikationen verkauft, ist über den Store selbst. Der ist in sich furchtbar, aber trotzdem scheint das der einzige Weg zu sein, wie man Apps verkauft."

Writer für iPad 80.000-mal verkauft

Bei Writer für Mac hofft Reichenstein, dass die kleinere Distanz zwischen der Werbung im Internet und dem Kauf am PC einen höheren Preis ermöglicht. Writer für Mac wird daher für etwa 20 US-Dollar verkauft. Rund 120.000 Euro hat die Entwicklung der Software gekostet. Reichenstein hofft, von der Mac-Version mehr Exemplare zu verkaufen als von der iPad-Variante. Diese wurde bisher rund 80.000-mal gekauft. Aus den Einnahmen will er die Weiterentwicklung der Software finanzieren und gegebenenfalls auch Support anbieten. "Ich möchte alles, was ich verdiene, in die Weiterentwicklung stecken. Das macht so viel Spaß, dass ich mir damit nichts Lustigeres kaufen kann als eine bessere Version" , so Reichenstein.

Zur künftigen Entwicklung von Writer hält sich Reichenstein bedeckt. Es gebe noch viele Ideen, wie sich der Schreibprozess verbessern lässt, ohne dass Writer dabei mit Funktionen überladen werde. Angedacht ist derzeit noch eine Version fürs iPhone. Danach würde sich Reichenstein gern an Writer für Windows machen, wenn denn die Einnahmen dies zulassen. Und, sofern die Ressourcen vorhanden sind, sei auch eine Version für Android interessant, sagt er.

Sowohl iA Writer für Mac(öffnet im neuen Fenster) als auch iA Writer für iPad(öffnet im neuen Fenster) stehen über Apples App Store zum Download bereit. Die Mac-Version kostet zum Start 14,49 Euro bzw. 17,99 US-Dollar, die iPad-Variante 79 Cent. [Anmerkung: Mit erscheinen der Version 1.3 am 29. Mai 2011 wurde der Preis auf 3,99 Euro erhöht.]

[Die Agentur Information Architects(öffnet im neuen Fenster) (iA) von Oliver Reichenstein ist auch für das neue Webdesign von Golem.de verantwortlich.]


Relevante Themen