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Report: Das Ende der CD

Früher gefeiert, später verramscht, heute fast schon überflüssig: Rund 30 Jahre nach ihrer Entwicklung durch Sony und Philips ist die Compact Disc zwar noch nicht tot, aber weitgehend ersetzt - dabei haben DVD und Blu-ray noch eine entscheidende Schwäche.
/ Peter Steinlechner
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Als die CD Anfang der 1990er endlich ihren Weg in die gute Gamerstube und die PCs schafft, da sind es vor allem mit Full-Motion-Video-Sequenzen angereicherte Spiele, die das Medium salonfähig machen: Frühe Hits für die CD-ROM sind das gemütliche Gruseladventure "The 7th Guest" und Lucas Arts' "Star Wars"-Shooter "Rebel Assault", die immer mehr Spieler davon überzeugen, in ein modernes 'Double Speed'-Laufwerk zu investieren. Beide Spiele bestehen überwiegend aus interaktiv miteinander verquickten, auf Workstations vorgerenderten Videoszenen, viele davon mit Schauspielern kombiniert. In der Regel lassen diese frühen CD-Games wenig Handlungsspielraum: Wie in antiken Textadventures wählt man zwischen Rechts und Links oder klickt ein Element der Hintergrundgrafik an. Das Resultat: Ein neues Filmchen wird eingespielt.

Actionspiele aus dieser Ära funktionieren ähnlich. Bei "Rebel Assault" beharkt der Spieler imperiale Sturmtruppen und TIE-Fighter, die sich allesamt auf vorgeschriebenen Kursen bewegen. Zwar gibt es zu dieser Zeit schon echte 3D-Spiele (zum Beispiel "Ultima Underworld" oder "System Shock"), doch die werden überwiegend auf Diskette ausgeliefert. Für die CD wünschen sich Spieler opulentere, filmähnliche Erlebnisse, die in dieser Form nur auf dem neuen Medium realisierbar sind. Der Grund: Digitalisierte Filme sind enorm speicherhungrig - und damit wie geschaffen für die CD, die mit 650 MByte ein Vielfaches mehr Speicherplatz bietet als eine 3,5-Zoll-Floppy-Disk. Einziges Manko: Für die Sicherung ihrer Daten sind Endverbraucher nach wie vor auf die magnetischen Disketten angewiesen, denn CDs als optisches Medium sind vorerst nicht beschreibbar. Erst ungefähr zu der Zeit der Einführung des Nachfolgemediums DVD werden CD-Brenner auch für Durchschnittsuser erschwinglich - Anfang der 1990er schlägt ein einziger Brenner mit über 20.000 Mark zu Buche. Leider ist das Medium damit auch zum Abschuss durch Schwarzkopierer freigegeben.

Erste Imagekratzer

Paradoxerweise ist die zunehmende Verramschung der einst so teuren Scheiben gleichzeitig für ihren endgültigen Durchbruch verantwortlich: Videospielkonsolen wie Sonys Playstation setzen auf die CD als Datenträger und finden nicht zuletzt deshalb reißenden Absatz, weil findige Bastler die Hardware so austricksen, dass sie statt der schwarz beschichteten Original-CDs auch solche Medien abspielen, die vom Spieler selbst kopiert beziehungsweise "gebrannt" wurden. Für die Musikindustrie indes wird die wachsende Verbreitung der Brenner noch schneller zum Ärgernis als für Spielehersteller: Nahm man die Überspielung von Audio-CD-Inhalten auf klassische MCs (Kassetten) wie zuvor bei Schallplatten noch mit einem Schulterzucken in Kauf, wird selbst das - bei Privatleuten letztlich legale - Überspielen von CD zu CD zunehmend zum Problem.

Denn anders als bei der CD-MC-Schwarzkopie bleiben die bis dato einzigartigen Vorteile der nur im Laden erhältlichen Compact Disc bei diesem Vorgang erhalten. Ursprünglich wurde das Medium bei seiner Markteinführung 1981/1982 vor allem mit der überlegenen Klangqualität sowie seiner Beständigkeit beworben: Während die Nadel eines Schallplattenspielers für Störgeräusche, gelegentliches Hintergrundrauschen und allmähliches Verkratzen des kostbaren Vinyls sorgt, ist die CD als optisches Medium gegen diesen Verschleiß gefeit. Das Auslesen durch einen Laserstrahl garantiert einen sauberen Klang und sorgt dafür, dass die CD nahezu unverwüstlich ist.

Selbst oberflächliche Kratzer auf der Beschichtung seien kein Problem und ließen sich im Zweifelsfall problemlos durch ein Reparaturkit beheben, behaupten die Hersteller im ersten großen CD-Jahrzehnt. Heute wissen wir längst, dass Compact Discs der Schallplatte in vielerlei Hinsicht unterlegen sind, auch mit der Unverwüstlichkeit war es anfangs nicht weit her. Die Beschichtung der CD zersetzte sich allmählich durch eine Reaktion von Lacken und Druckfarben - was inzwischen gelöst sein soll. Scheiben mit dezenter Unwucht wiederum schleifen sich allmählich an den Rändern des CD-Tellers ab. Das Resultat dieser Erkenntnis: Bereits seit über zehn Jahren holen immer mehr Musikliebhaber ihre eingemotteten Plattenspieler wieder aus dem Keller, das Vinyl feiert in Sammlerkreisen ein Comeback.

Genug Platz für Beethoven

Unbestrittener Vorteil der CD, die während der 80er als absolutes Luxus-, Sammler-, Kult- und High-End-Objekt gilt, ist allerdings ihr Fassungsvermögen: 74 Minuten Musik passen auf eine CD, ohne dass die Scheibe dafür umgedreht werden müsste. Das ist genauso lange, wie der berühmte deutsche Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler einst brauchte, um sein Orchester Beethovens Neunte Sinfonie spielen zu lassen. Angeblich war es die Vorliebe des damaligen Sony-Vizepräsidenten Norio Ohga (selbst ausgebildeter Opernsänger) für diese Sinfonie, die dazu führte, dass eine Audio-CD zu dieser Zeit exakt 74 Minuten Musik fasste.

Dabei taugten die ersten CD-Prototypen, mit denen Philips und Sony bereits Anfang der 1970er auf Messen vorstellig wurden, für weit mehr als Hörvergnügen: Tatsächlich hatten diese ersten (und daher so gar nicht kompakten) Medien die Größe einer Schallplatte - und wurden nicht als Audio-, sondern als Filmmedium konzipiert. Obwohl die CD später auf handlichere zwölf Zentimeter schrumpfte, blieb der Typ mit LP-Dimensionen (30 cm) erhalten - und zwar in Form der Laserdiscs oder Bildplatten, die bis Ende der 90er für Filmfans das Nonplusultra darstellten und die wie die Schallplatte ein analoges Medium waren, denn sie litten nicht unter dem mit Datenkompression einhergehenden Verlust bei Bild- beziehungsweise Tonqualität.

Warum die CD nicht als 30-cm-Monster erschien? Philips und Sony als Erfinder der CD gingen wohl davon aus, dass weit über 100 Minuten Musik mit dem Konzept der Musikbranche nicht zu vereinbaren wären, denn auf einem durchschnittlichen Album gibt es selten mehr als eine Dreiviertelstunde Musik.

So viel zu Geschichte und Entstehung des Mediums, das uns drei Jahrzehnte begleitet hat. Aber wie ist es um seine Zukunftsaussichten bestellt? Nach anfänglichen Einbrüchen durch CD-Schwarzkopien und digitale Songverbreitung hat sich der CD-Absatz der Musikbranche zumindest hierzulande halbwegs stabilisiert. In der Filmbranche dagegen konnte das Medium nie Fuß fassen - die Versuche von Philips, mit seinem CDi-Multimedia-Player die Video-CD zu etablieren, scheiterten bereits am grauenvollen, artefaktverseuchten Bild. VHS-Kassette und Laserdisc wurden von der DVD abgelöst, aktuell sind Blu-ray und Filmdownload auf dem Vormarsch.

Eine gewichtige Rolle spielte die Compact Disc dagegen auf dem Softwaresektor: Weil bis vor drei, vier Jahren noch immer viele PC-User kein DVD-Laufwerk ihr Eigen nannten, haben besonders Unternehmen wie Langenscheidt oder Bertelsmann, aber auch aufs Gamesgeschäft fokussierte Unternehmen à la Electronic Arts ihre Produkte noch immer auf CD ausgeliefert. Ein Unterfangen, das umso bizarrer anmutet, da auf Videospielkonsolen DVDs schon seit rund zehn Jahren Standard sind - aber die kommen eben vom Werk aus mit einem entsprechenden Laufwerk. Was bedeuten die Verschiebungen auf dem Markt digitaler Speichermedien aber für diejenigen, die von ihrer Herstellung leben? Hierzu befragen wir Thomas Moss, Vertriebsleiter OK Media(öffnet im neuen Fenster) , das zu Europas erfahrensten Dienstleistern in Sachen CD- beziehungsweise DVD-Produktion zählt.

Kein Presswerk lebt mehr von CDs allein

Welche Bedeutung hat die in der Publikums- und Herstellergunst gesunkene CD heute für das Unternehmen? "Wir bezeichnen uns als eines der größten unabhängigen Presswerke und Fulfillment-Dienstleister in Europa. 'Unabhängig', weil wir kein eigenes Musiklabel im Hintergrund haben, das uns einen Großteil der Kapazität füllt. Wir müssen unsere Qualität - also Pünktlichkeit, Flexibilität, Zuverlässigkeit sowie marktgerechte Preise - jeden Tag neu unter Beweis stellen und können keine hohen 'Intercompany'-Preise erzielen, um andere Aufträge zum Beispiel damit zu subventionieren. 'Presswerk', weil natürlich die CD-Produktion im Vordergrund steht, wir aber auch alle dazugehörigen Produkte bereitstellen, also Booklets, Handbücher, Schachteln oder auch DVD-Boxen, Jewel Cases usw. Wir verpacken diese Produkte auch maschinell oder per Handkonfektionierung - dafür steht 'Fulfillment'. Insofern ist die CD Dreh- und Angelpunkt, trotzdem haben sich die Aufgaben in den letzten zehn Jahren verschoben. Mit einer CD-Produktion alleine kann ein Presswerk unserer Größe nicht mehr wirtschaftlich arbeiten" , erklärt Moss die Aufstellung seiner Firma.

Aber wer braucht sie heute noch, die CD? Moss: "Games, Info-Edutainment, Hörbücher, Musik, Dienstleister und Markenartikler, große und kleine Kunden, Einsteiger, Aufsteiger und Marktführer: Wir beliefern die gesamte Bandbreite. Selten fertigen wir noch Covermountings, also eine reine CD oder auch DVD, die als Zeitschriftenbeilage mitgeliefert wird. Hier sind die Preise in den letzten Jahren zu stark unter Druck geraten, hier lässt sich kaum noch kostendeckend arbeiten. Für Videos und aufwendige Games wird vor allem die DVD genutzt, für sehr vieles reicht allerdings noch immer die CD - für Musik, Casual-Games, PC-Anwendungen, Sicherheitssoftware. Hier sind die Datenmengen nicht so gewaltig, dass eine teurere DVD erforderlich ist."

Eine teurere DVD? Ist die preisliche Diskrepanz zwischen CD und DVD also immer noch ein Faktor - nach all der Zeit? "Ja!" , sagt Moss. "Für eine DVD müssen vom Presswerk Lizenzen gezahlt werden, unter anderem an Philips, Toshiba und MPEG L.A. Daher ist eine DVD immer deutlich teurer als eine CD, der Unterschied kann je nach Dollarkurs bis zu zehn Cent pro Scheibe betragen. Bei der Compact Disc ist die Lizenzpflicht seit einigen Jahren ausgelaufen. Die Lizenzgeber gehen gegen nicht korrekt abrechnende Presswerke inzwischen rechtlich vor, daher wurden in der Vergangenheit bereits einige Wettbewerber verklagt, und manch einer ist durch die Nachzahlungen wahrscheinlich in die Insolvenz gegangen. Die Kosten für eine Blu-ray sind noch wesentlich höher, weil die Presswerke natürlich noch die hohen Anschaffungskosten für die entsprechenden Maschinen decken müssen. Trotzdem ist selbst bei der Blu-ray in den letzten zwei Jahren ein erheblicher Preisverfall zu beobachten, weil es auch hier Überkapazitäten gibt, der Markt also nicht so schnell gewachsen ist, wie von den Werken erhofft."

Überlebensfähig?

Aber laut Moss ist die CD nicht nur wegen der geringeren Kosten für die Musikbranche noch immer am besten: "Technisch wäre das auch mit DVDs machbar, nur ist die CD aus der Historie heraus der erste Nachfolger der Schallplatte und daher für Musik, Hörbücher usw. nach wie vor erste Wahl. Der CD-Player ist eine gelernte Hardware für Musik, der DVD-Player für Videos." Gelernte Hardware? Fakt ist aber, dass vor allem das Lernen das ist, was von der Industrie mit viel Marketingmacht unterstützt wird - sonst würden heute weit mehr Kunden als nur ein paar Sammler den Schallplattenteller rotieren lassen. Zugegeben: Der Vollumstieg auf Blu-ray beziehungsweise digitale Distribution vollzieht sich längst nicht so schnell, wie von vielen erhofft - aber trotzdem dürfte er auf Dauer unausweichlich sein.

Wie sieht Moss die Zukunft der CD? Wie lange können OK Media & Co. noch von ihr leben? "Der Schwerpunkt unserer Produktionskapazität von 370.000 Scheiben täglich liegt eindeutig noch bei der CD, und das wird sicherlich viele Jahre so bleiben. Viele Branchenexperten schätzen, dass die benötigte Kapazität rund zehn bis 15 Prozent jährlich zurückgehen wird. Nicht kostendeckend arbeitende Presswerke bekommen schon jetzt massive Probleme und werden verdrängt, so dass anderen wiederum einige Jahre mehr bleiben, bis die CD vielleicht in 15 Jahren vollständig vom Markt verschwinden und durch digitale Distribution ersetzt wird" , sagt Moss und betont, das sei nur eine vorsichtige Prognose.

Konkurrenz durch Onlinespeicher

Trotzdem glaubt Moss daran, dass physische Medien nie gänzlich verschwinden werden: "Die Wertschätzung der Endkunden für ein Onlineprodukt ist eine andere. Online ist schnell gekauft, aber auch schnell wieder gelöscht und ersetzt. Insofern glauben wir daran, dass es auch langfristig immer einen Markt für haptische Produkte wie Games oder Hörbücher in hochwertiger Verpackung geben wird. Die unteren Preisklassen werden eher verschwinden, aber Special Editions, edle Box-Produkte mit Addons usw., werden noch lange leben. Ein Jewel Case, eine Box oder Schachtel kann ich im Regal aufbewahren und zeigen, mich über meine Sammlung freuen. Auch das Verschenken macht mehr Spaß als bei Gutscheinkarten mit Downloadcode."

Stellt sich nur die Frage: Gilt das auch für die Kundengeneration, die mit iPad, Smartphone & Co. aufwächst? Besteht die Gefahr, dass Platten und CDs zusammen mit ihrer jeweiligen Kundengeneration sterben? Überleben werden beide Medien so lange, wie es Liebhaber und Sammler gibt, die Anfassen und Ins-Regal-stellen über die virtuelle Verramschung stellen. Auf dem Softwaresektor sind die Tage der CD gezählt, aber in der Musikbranche wird sie sich vermutlich ähnlich hartnäckig halten wie die schon lange totgesagte Schallplatte, denn die Etablierung eines neuen physischen Musikmediums ist in den Tagen der MP3-Player mehr als unwahrscheinlich.

Die CD war nur so lange etwas Besonderes, wie sie die damals noch stärker verbreitete Schallplatte durch ihre vermeintliche Überlegenheit ausbooten konnte. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. In die Geschichte eingehen wird sie als das Speichermedium, das die Ära magnetisierter Bänder beendete und das Zeitalter der 12-cm-Discs einläutete. [von Robert Bannert. Dieser Artikel erschien in Ausgabe 6/2011 unseres Partnermagazins IGM ( International Games Magazine(öffnet im neuen Fenster) )]


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