Revolution in Ägypten

Das Netz und die Propaganda

re:publica 2011 Das Netz diente nicht nur dem Austausch von Informationen während der Revolution in Ägypten, sondern auch, um die Menschen aufzuklären und gleichzeitig zu motivieren, das Regime zu stürzen. Nun soll es auch als kollektives Gedächtnis dienen.

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Die ägyptische Bloggerin Noha Atef auf der re:publica 2011
Die ägyptische Bloggerin Noha Atef auf der re:publica 2011

Die Journalistin Noha Atef setzt sich seit mehreren Jahren für die Folteropfer in Ägypten ein. Das Internet sei ein idealer Ort, um Täter zu enttarnen und für immer an den Pranger zu stellen, sagt sie. Aber auch Propaganda in den Medien lässt sich entlarven und weltweit über Youtube verbreiten. Die über das Internet verteilten Informationen habe die Menschen in Ägypten nicht nur über die Machenschaften des Regimes aufgeklärt, sondern dienten letztlich auch dazu, sie zu motivieren, auf die Straße zu gehen, sagte Atef.

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Die lange Vorlaufzeit zur Revolution in Ägypten war unter anderem geprägt durch teils massive Streiks und Protestmärsche. Die von Atef initiierte Webseite tortureinegypt.net dokumentierte bekanntgewordene Fälle von Folter und Misshandlungen, aber auch die meist brutalen Eingriffe der gefürchteten Polizei bei solchen Anlässen. Opfer wie Khaled Said, dessen Tod am Rande einer Demonstration auch auf Facebook betrauert wurde, sorgten im Netz dafür, dass die Wut der ägyptischen Bürger immer weiter wuchs, sagte Atef.

Ägypter schon vor der Revolution im Netz

Atef widerspricht auch einer gängigen Behauptung, dass die Ägypter erst während der Revolution das Internet entdeckten: Von 80 Millionen Bürgern wählten sich bereits vor der Revolution etwa 21 Millionen Ägypter durchschnittlich 900 Minuten im Monat ins Netz. Vor dem Umbruch zählten die Ägypter mit 4,5 Millionen bereits die meisten Facebook-Nutzer im arabischsprachigen Raum. Fast jedes Dorf hat zumindest ein Internetcafé, sagt Atef. Mit durchschnittlich einem ägyptischen Pfund pro Stunde (etwa 10 Cent bei einem Durchschnittslohn von etwa 500 Pfund) sei der Zugang zum Netz selbst dort erschwinglich. Die Welt im Netz sei für viele ein Zufluchtsort, sagte Atef.

Verpuffte Propaganda

Im Netz klärten Aktivisten auch über regierungstreue Propaganda auf, die das Regime und besonders Mubarak immer besonders hervorhoben. Als Beispiel zeigte Atef ein durch die ägyptische Tageszeitung Al-Ahram bearbeitetes Foto, das Mubarak bei Friedensverhandlungen in Washington abbildete. In der Version für die ägyptischen Medien schreitet der gestürzte Präsident der Gruppe weit voran - im Original ist er hinter Barack Obama und Benjamin Netanjahu zu sehen. Der ägyptische Blogger Wael Khalil entdeckte die Fälschung und wies auf seiner Webseite darauf hin.

Auch während der Revolution griffen vermeintliche Anhänger Mubaraks zu teils bizarren Mitteln, um die Regimegegner zu diskreditieren, sagte Atef. In einem Anruf bei dem staatlichen Fernsehsender beschuldigte ein Mann englisch sprechende Ausländer, die Menschen daran zu hindern, den Tahrirplatz zu verlassen und sie zu zwingen, Flugblätter zu machen.

 
Video: Nachrichten und Propagada am Beispiel Ägypten

Graffiti, SMS, Al Jazeera und Twitter

Neben Graffiti und SMS, die auch auf die Informationsquellen im Netz verwiesen, informierten sich die Ägypter während der Tage der Proteste also über Facebook, Al Jazeera, Twitter und Co. Anfangs hatten viele Ägypter die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz über das Internet verfolgt. Als die Bildschirme plötzlich schwarz wurden, befürchteten sie, es werde etwas Schreckliches passieren, und zogen in Scharen zum Platz, um das zu verhindern, mutmaßt Amira Al Hussaini, Bloggerin aus Bahrain.

Nach der Revolution beginnt Ägypten mit der Aufarbeitung seiner jüngsten Geschichte. Um vermeintliche Täter zu identifizieren, greifen auch hier Aktivisten wie Atef auf das Internet zurück: Unter den Namen piggipedia werden auf Flickr Fotos von mutmaßlichen Tätern veröffentlicht.

Atef erzählt auch, wie sie selbst Fotos machte - ein nicht ungefährliches Unterfangen: "Ich lächelte und er lächelte zurück. Und ich lächelte weiter, als ich ihn fotografierte." [Von Andreas Sebayang und Jörg Thoma]

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