Netzsprache: Lol-Speak wird offizielles Englisch
Das Oxford English Dictionary (OED) bezeichnet sich selbst als "definitive record of the English language" , als das Standardwerk also. Es gilt als Wächter der englischen Sprache, nur Worte, die in ihm aufgeführt sind, gelten als offiziell. Und nur Worte, die sich über Jahre im allgemeinen Sprachgebrauch bewährt haben, werden aufgenommen.
Insofern kann das, was gerade geschehen ist, als Zeichen gelten, dass das Internet in der Wahrnehmung der Gesellschaft ankommt: Unter den rund 600.000 Einträgen des Wörterbuches finden sich künftig auch die Initialwörter Lol (laughing out loud) und OMG (oh my god). Sie seien eng mit der elektronischen Kommunikation verknüpft und hätten ihren Weg in gedruckte Medien und in die gesprochene Sprache gefunden, schreibt der Redaktionsleiter des OED, Graeme Diamond, im offiziellen Blog(öffnet im neuen Fenster) .
Noch eine erstaunliche Neuerung gibt es. Zum ersten Mal fand ein Ausdruck, der sein Leben auf T-Shirts und Aufklebern begann, Eingang ins OED, das Herz nämlich, wenn es verwendet wird als Wortersatz im Sinne von etwas mögen. Wie in "I (heart) NY" , in elektronischer Kommunikation – noch nicht aber im OED – gern dargestellt als seitlich liegendes Herz: ᐸ3.
Die Entscheidung ist gut begründet, ist das Herz nach Angaben der Lexikographen doch schon "seit dem 12. Jahrhundert das Symbol für Liebe und Zuneigung" .
Der Werdegang des Lol ist da deutlich kürzer. In seiner jetzigen Bedeutung wurde es zum ersten Mal offiziell im Juni 1990 in einer Newsgroup im Usenet gesichtet. Der Durchbruch gelang dem Ausdruck allerdings erst in den letzten zehn Jahren mit dem Aufstieg von Handys und Chatprogrammen.
Für viele Traditionalisten ist das noch lange kein Grund, im OED zu stehen. Nur jugendlicher Slang, nicht allgemein gebräuchlich, sagen die einen. Nichts als eine Abkürzung, argumentieren die anderen.
Dem OED aber genügen andere Kriterien. Um aufgenommen zu werden, muss ein Wort gebräuchlich sein und von der Allgemeinheit verstanden werden. Außerdem muss es schon eine Weile existieren. Die minimale Lebensspanne, die nötig sei, seien ungefähr fünf Jahre, sagte Diamond in einem Interview mit dem Onlinemagazin Slate(öffnet im neuen Fenster) . "Ein Wort sollte schon ein bisschen gelebt haben, bevor wir seine Biografie aufzeichnen."
Sprachwandel, nicht Sprachverrohung
Und gelebt hat beispielsweise das Lol reichlich. Wer virtuell "lollt" , sitzt bekanntlich eher selten laut lachend vor dem Bildschirm. Die Leistung des Begriffs besteht vielmehr darin, dass es uns zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Und darin ist es erstaunlich vielseitig. Es erlaubt, sowohl allgemeine Heiterkeit zu vermitteln (lol!), als auch Verwunderung (lol?) oder Ironie (lol ey....). Und es dient in virtuellen Unterhaltungen gleichzeitig als sogenannte Interjektion, ähnlich einem "hm" oder "ok" .
Die Komplexität des Wortes wurde auch vom OED anerkannt. Initialwörter – Worte also, die wie laughing out loud aus ihren Initialen zusammengesetzt sind wie Lol und OMG seien mehr als bloße Abkürzungen. Sie würden vielmehr "mit der Absicht verwendet, eine zwanglose, geschwätzige Ausdrucksweise zu signalisieren und möglicherweise auch unbedachten Enthusiasmus oder Übertreibung zu parodieren" , heißt es in der offiziellen Erklärung.
Im Netz hat es der Ausdruck längst zu eigenen Meme(öffnet im neuen Fenster) gebracht, das heißt zu eigenständigen populären Begriffen oder Konzepten, den Lol-cats(öffnet im neuen Fenster) und der Lol-speak(öffnet im neuen Fenster) . In den deutschen Duden hat er es auch schon gebracht, zumindest ins Abkürzungsverzeichnis.
Doch damit nicht genug; Lol hat sich längst von Foren, Chatrooms und Kurznachrichten emanzipiert. Für manche mag es befremdlich wirken, aber der Begriff findet gerade bei Jüngeren inzwischen den Weg in Gespräche(öffnet im neuen Fenster) , meistens ironisierend. Für Einige ist Lol gar Ausdruck einer Gefühlsregung, die sich nur noch umständlich mit anderen Worten beschreiben lässt.
Laut sprachwissenschaftlicher Studien(öffnet im neuen Fenster) nimmt der Gebrauch von Lol in Textnachrichten mit dem Alter ab. Doch die steigende Popularität des Ausdrucks könnte in einigen Jahrzehnten dazu führen, dass er ebenso allgemein gebräuchlich sein wird wie beispielsweise "cool" . Auch dieses Wort musste in seiner jetzigen Form erst von allen Gesellschaftsschichten akzeptiert werden. Und auch dieses Wort war kein Zeichen sprachlicher Verrohung, sondern normalen Sprachwandels. Und eben den will das Oxford-Wörterbuch dokumentieren, einmal darin aufgenommene Begriffe werden nicht mehr daraus gelöscht.
In diesem Sinne, liebe Traditionalisten: Lol? I ᐸ3 it. [ von Eike Kühl / Zeit Online(öffnet im neuen Fenster) ]
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