Placebo-Button: Gefühlte Kontrolle ist fast so gut wie echte

Wir leben in einer Welt voller Placebo-Buttons(öffnet im neuen Fenster) – voller Schalterflächen und Knöpfchen, die uns den Eindruck vermitteln, wir könnten irgendwo irgendetwas beeinflussen, hätten Kontrolle. Bei Google Mail und den anderen cloudbasierten Diensten des Konzerns etwa gibt es eine "Jetzt speichern"-Schaltfläche. Zwingend notwendig wäre die nicht mehr. Denn Google speichert ohnehin jede Änderung in Echtzeit.
"Das stellt sicher, dass Nutzer jederzeit Zugriff auf ihre soeben verfasste Nachricht haben – egal, ob beispielsweise der Rechner abstürzt oder das Mobiltelefon ausgeht" , sagt Stefan Keuchel, Pressesprecher Google Deutschland.
Auch Facebook hat so einen Placebo-Button. Wer sein Konto löschen will und dafür den Deaktivieren-Button benutzt, erhält folgende Nachricht: "Du kannst es jederzeit reaktivieren, indem du dich mit deiner alten E-Mail-Adresse und deinem Passwort bei Facebook anmeldest. Du kannst die Seite dann genauso nutzen wie zuvor."
Löschen kann der Facebook-User seinen Account also mit diesem Button nicht, nur deaktivieren. Tatsächlich gelöscht werden Konten nur auf direkte Anfrage an Facebook(öffnet im neuen Fenster) , die Funktion ist schwer zu finden, einen Button gibt es dafür nicht. Aber mit dem Deaktivieren-Button wird dem Nutzer zumindest vorgegaukelt, dass er einfach veranlassen kann, was mit seinen Daten passiert.
Auf der Internetseite des Bundestages(öffnet im neuen Fenster) findet sich auch so ein Knopf: Er versteckt sich hinter "Drucken mit Bildern". Mit der Schaltfläche kann der Nutzer die Druckversion einer Seite anfordern, um sie anschließend auszudrucken. Was unnötig ist. Denn befiehlt der Nutzer seinem Rechner, eine Seite des Bundestages zu drucken, sendet der Server automatisch die Druckversion an den Computer, der Zwischenschritt hat keine Funktion.
Unterschiedliche Situationen, gleiches System. Uns wird Mitbestimmung vorgetäuscht. Denn das tut uns gut. Der Mensch hat gerne das Gefühl von Einfluss, von Macht. "Wir haben im Alltag schon viel Kontrolle. Aber wir wollen noch mehr" , sagt Hans-Werner Bierhoff, Professor für Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Auch wenn das E-Mailprogramm die E-Mails von selbst speichert, möchten viele nicht darauf verzichten, auf das Knöpfchen drücken zu können. Denn es ist egal, ob die Kontrolle nur Illusion ist. Dank der Illusion erleben wir uns als jemanden, der Handlungsmöglichkeiten hat, und das empfinden wir als positiv. Zumindest solange wir keine Fremdbestimmung dahinter entdecken.
Placebo-Buttons helfen auch gegen Schmerzen
In der Medizin ist der Placeboeffekt seit langem bekannt. Wahrgenommene Kontrolle hilft dabei sogar gegen Schmerzen, wie zahlreiche Studien nachgewiesen haben. Bei einer davon beispielsweise wurde Probanden genau drei Sekunden lang ein Elektroschock verpasst. Erzählten die Forscher den Teilnehmern, dass sie die Länge der Schocks durch schnelles Reagieren verkürzen können, empfanden die Probanden den Stromstoß als weniger schmerzhaft, obwohl er genauso lange dauerte.
Bekannt ist die positive Wirkung von Kontrolle nicht erst seit dem Internetzeitalter und auch genutzt wird sie schon eine Weile. Beispielsweise an Ampeln. Oft ist es egal, ob der Fußgänger "Signal anfordern" drückt oder nicht. Denn ein Rechenzentrum der Stadt bestimmt, wann er grün bekommt.
In diversen Städten reagieren viele der Knöpfe beispielsweise nur nachts sofort, am Tage würden sie zu viel Chaos verursachen und sind deswegen in die normalen Grünphasen integriert. Das heißt, sie melden zwar, dass dort jemand steht, derjenige muss aber trotzdem warten, bis es sowieso grün würde. Stuttgart beispielsweise habe seine Anlagen so organisiert, sagt Reinhard Unkhoff, Sachgebietsleiter für Signalsteuerung in Stuttgart.
Auch im Aufzug passiert oft nichts, wenn der "Tür-Schließen"-Knopf betätigt wird. Wann die Türen zu gehen, legt ein Mechanismus fest.
Die Tageszeitung Wall Street Journal deckte auf, dass es in den USA Firmen gibt, die Placebo-Thermostate installieren. So denken die Mitarbeiter, sie könnten die Temperatur im Büro regulieren. Doch das übernimmt ein Computer an der Klimaanlage. Trotzdem sind die Mitarbeiter zufriedener, weil sie glauben, sie hätten Einfluss auf ihre Umgebung. Und es ist energiesparender, als wenn jeder ständig am Temperaturrädchen drehte.
Gerade in solch einfachen Situationen erleben wir das Gefühl von Kontrolle als befriedigend. Dass uns Kontrolle nur vorgespielt wird, ist deshalb nicht schlecht. Denn manchmal kontrolliert und regelt ein Automatismus besser als wir selbst. Und wird es unübersichtlich und chaotisch, sind wir auch gar nicht mehr so scharf darauf, selbst zu regeln und geben Kontrolle gerne mal ab.
Das Ganze ist Betrug am Nutzer? Im Falle von Cloudanwendungen nicht unbedingt. Denn so ganz trauen wir denen ja nicht, technische Systeme können versagen. Da ist es nicht schlecht, ihnen auch noch von Hand befehlen zu können, das wichtige Dokument jetzt zu speichern. Nur um ganz sicherzugehen. [von Nicole Franziska Kögler/ Zeit Online(öffnet im neuen Fenster) ]



