Notebook ohne Tastatur: Acers Iconia Dual Screen Tablet ausprobiert

Acers Iconia Dual Screen ist beides: ein Notebook und ein Tablet mit Windows 7. Trotzdem gehört das Gerät nicht zu den Convertibles, denn ein Gelenk zur Verwandlung fehlt. Acers Verwandlung vom Zwei-Monitor-Tablet zum Notebook geschieht rein virtuell. Die jeweilige Funktion des Geräts wird einfach eingeblendet.

Zu diesen Einblendungen gehört eine virtuelle Tastatur. Mit der virtuellen Tastatur von Windows 7 ist diese aber nicht vergleichbar. Die Acer-Tastatur ist auf den Vollbildschirm ausgelegt und muss nicht mühselig positioniert und vergrößert werden.
Das Display als Handballenablage
Die Tastatur kann über das Startmenü aufgerufen werden, über eine Extrataste links am Displayscharnier oder – besonders pfiffig -, indem der Anwender einfach seine Handballen auf das Display legt. Dann wird der untere Bildschirm zu einer Notebooktastatur samt Touchpad und Mausersatztasten. Die virtuelle Tastatur simuliert sogar typische Notebook-Tastenkombinationen. Wer die Helligkeit verändern möchte, drückt auf die Fn- und eine Pfeiltaste gleichzeitig. Das geht dank der Multitouch-Unterstützung. Das Tippen mit zehn Fingern sollte damit eigentlich funktionieren.





















Beim Ausprobieren des Iconias gelang es uns durchaus, mit zehn Fingern zu schreiben, ohne dabei auf die virtuelle Tastatur zu schauen. Allerdings gelang das nicht sofort. Zum einen war anfangs ein kurzer Orientierungsblick notwendig. Zum anderen war es bei den ersten Tippversuchen schwer, der Versuchung zu widerstehen, nicht doch beim ersten Fehler nach unten zu schauen, um herauszufinden, wie weit die eigenen Finger von den zu treffenden Tasten entfernt sind. Erschwerend kam hinzu, dass das Tastaturlayout des Musters amerikanisch war. Das ist allerdings auch ein Vorteil für mehrsprachige Nutzer oder etwa Programmierer, die gerne diverse Klammerarten als Direkttasten haben wollen.
Beim dritten getippten Satz gelang es schließlich, ohne hinzuschauen falsch Getipptes zu korrigieren – manchmal waren dafür zwei oder drei Versuche nötig, bei denen blind die richtige Taste gesucht wurde. Mit einiger Übung gelang es schließlich, mehrere Wörter hintereinander ohne Tippfehler zu schreiben.
Etwas Eingewöhnung ist notwendig
Mit einigen Stunden Eingewöhnung dürfte das Tippen ohne fühlbare Rückmeldung gut funktionieren. Im Zweifel muss der Anwender doch das ein oder andere Mal auf den Bildschirm schauen, auf den unteren wohlgemerkt. Zwei Huckel auf der F- und J-Taste zur haptischen Orientierung wären trotzdem wünschenswert.
Das Iconia zeigt, dass eine virtuelle Tastatur mit Multitouch-Unterstützung gut funktionieren kann. Vor allem bei Beachtung der Groß- und Kleinschreibung drückt ein Anwender auch auf einer echten Tastatur häufig mehr als nur eine Taste. Das ist bei Acers Gerät problemlos möglich.
Konfiguration der virtuellen Iconia-Tastatur
Die Tastenabstände lassen sich offenbar in Grenzen definieren. Acer hat ein Trainingsprogramm entworfen, das automatisch Anpassungen ermöglicht. Dieses konnte in der Kürze der Zeit jedoch nicht getestet werden. Außerdem ist es möglich, die F-Tasten in normaler Höhe anzeigen zu lassen. In der Voreinstellung von Acer waren sie nur halb so hoch wie die anderen Tasten der Tastatur.
Sehr viel einfacher zu bedienen war das virtuelle Touchpad. Die Virtualisierung dieses Eingabegeräts erscheint zunächst redundant. Beide Bildschirme haben einen Touchscreen und ein Touchpad sollte damit überflüssig werden. Doch präzise Aufgaben sind mit dem virtuellen Touchpad leichter zu lösen als durch das bloße Anfassen des Bildschirms.
Acer hat den Touchpadbereich etwas größer definiert als die Anzeige auf dem Bildschirm. Das ist praktisch, weil dadurch ein Finger, der beim Bewegen das virtuelle Touchpad verlässt, weiterhin registriert wird. Etwas eigenartig wirkten die Mausersatztasten. Sie funktionierten zwar, aber so richtig daran gewöhnen konnten wir uns in der kurzen Zeit nicht. Hier störte am meisten der fehlende fühlbare Klick. Geräusche kann die Tastatur auf Wunsch durchaus machen. Eine seitliche Scrollleiste gibt es übrigens auch in dem virtuellen Touchpad.
Hygienisches Eingabegerät
Einen großen Vorteil hat die virtuelle Tastatur bei der Reinigung. Mit einem Wisch ist alles weg. Das regelmäßige Auseinandernehmen der Tastatur zur Reinigung entfällt.





















Den mangelhaften Touchfähigkeiten von Windows 7 hilft Acer mit eigener Software nach. Es gibt größere Schaltflächen und mit dem Antippen durch alle fünf Finger einer Hand wird ein spezielles Menü aufgerufen. Dabei erkennt Acers Ring genannte Softwarelösung, ob mit der rechten oder linken Hand getippt wurde. So wird das Menü in die richtige Richtung aufgeklappt.
In die Software hat Acer sichtbar viel Energie hineingesteckt. Sie kommt nicht nur beim Iconia Dual-Screen zum Einsatz, sondern auch bei anderen Tablets. Es gibt sogar ein SDK für die Acer-Ring-Software. Acer hat zudem einige Szenarien entwickelt, die abseits der virtuellen Tastatur von dem Dual-Bildschirm Gebrauch machen. Auf dem oberen Display kann etwa ein Video laufen, während im unteren Display der Anwender nach dem nächsten Video stöbert. Auch für soziale Netzwerke kann der untere Bildschirm genutzt werden. Eine neue Twitter-Nachricht sieht der Anwender beim Anschauen eines Filmes auch ohne Taskwechsel. Auch die Möglichkeit, über beide Displays hinweg Inhalte zu lesen, ist gegeben.
Technische Daten und individuelle Gesten
Interessant ist die Möglichkeit individueller Gesten, die allerdings nicht gezeigt wurde. Der Anwender kann etwa Symbole malen und diese Geste mit einem Programm verknüpfen. Zudem gibt es eine Handschrifterkennung. Diese ist der Erkennung von Microsoft nachempfunden. Wir konnten nicht abschließend klären, ob dies eine reine Eigenentwicklung ist, oder ob Acer auch auf Microsoft-Routinen des Tablet-PC Input Panel zugreift. Handschriftliche Notizen mit dem Finger sehen einfach anders aus als mit einem Digitizer eines Tablet-PCs. Allerdings deuteten die Wortvorschläge des Systems an, dass Acer hier etwas anders als Microsoft vorgeht.
Die Hardware ist vor allem bei den Displays etwas Besonderes. Diese arbeiten kapazitiv und können Finger sehr gut erkennen – nicht unbedingt selbstverständlich bei kapazitiven Displays. Bis zu 27 Touchpunkte soll die Software je Display auswerten können. Windows zeigt in der Systemsteuerung allerdings nur zehn Touchpunkte an. Allerdings hat Microsoft auch nicht eingeplant, dass einmal ein Dual-Touchscreen auf den Markt kommen würde. Demzufolge fehlen der Anzeige ohnehin mindestens zehn Touchpunkte.
Die mit einer Gorilla-Glas-Beschichtung geschützten Displays wirkten recht blickwinkelstabil, spiegeln allerdings. Zu dem verwendeten Panel-Typ sagte Acer nichts. Die versprochenen 80-Grad-Einblickwinkel von allen Seiten konnten wir aber nachvollziehen. Das muss auch sein, kann der Anwender doch das Notebook vollständig aufklappen. Das ist vergleichbar mit Lenovos Thinkpads, nur mit dem Unterschied, dass das obere Display bei Acer wirklich auf dem Tisch liegt und nicht halb in der Luft schwebt. Insgesamt hat der Anwender eine Auflösung von 1.366 x 1.536 Pixeln.
Die restliche Hardware ist nichts Besonderes: Intels Core i5-480M ist die Basis, die auf 4 GByte RAM zugreifen kann. Auf der 640-GByte-Festplatte ist Windows 7 Home installiert.
Für ein 14-Zoll-Notebook ungewöhnlich: Auf ein optisches Laufwerk muss der Anwender verzichten. Es gibt allerdings genug Ports. Selbst USB 3.0 hat Acer verbaut. Außerdem gibt es Anschlüsse für VGA, HDMI und Gigabit-LAN. Drahtlos unterstützt Acer Bluetooth 3.0. Schade: Trotz eines hohen Gerätepreises beschränkt sich Acer auf 2,4-GHz-WLAN (802.11b/g/n).
Angesichts der zwei Displays kann der Anwender nicht viel von der Akkulaufzeit erwarten. Dementsprechend sollen wohl auch nur um die drei Stunden netzteilloser Betrieb möglich sein. Es ist damit wohl eher als Desktopersatz anzusehen. Das Gewicht des Doppeldisplaynotebooks gibt Acer mit 2,8 kg an.





















Acer will das Notebook noch Mitte Februar 2011 in den Handel bringen. Es wird zunächst nur die beschriebene Konfiguration geben. Rund 1.500 Euro will Acer für das Iconia Dual Screen haben.
Fazit
Das Konzept von Acer geht auf, wie sich beim Antesten zeigte. Es wurde aber auch deutlich, dass ohne sinnvolle Softwarelösung, die Windows ergänzt, ein solches Notebook nicht möglich ist. Acer hat viel Entwicklungszeit genau in diesen Bereich gesteckt. Es muss sich aber noch in der Praxis zeigen, wie gut die Software funktioniert. Möglich ist, dass das Iconia-Dual-Screen-Tablet nur ein Luxusobjekt bleibt und ein Notebook nicht ersetzen kann – weil eine richtige Tastatur vielleicht eben doch nicht verzichtbar ist.