Blog: Euroweb lässt Nerdcore abschalten (Update)
René Walter führt mit Nerdcore eines der bekanntesten deutschen Blogs – eigentlich, denn derzeit ist das Blog nicht erreichbar. Der Internetdienstleister Euroweb ließ die Domain pfänden, nachdem Walter auf eine Abmahnung nicht reagiert hatte, wie Walter Netzpolitik sagte(öffnet im neuen Fenster) .
Euroweb machte bereits in der Vergangenheit Schlagzeilen, unter anderem wegen Abmahnungen gegen Blogs, die Johnny Haeusler in Spreeblick zusammenfasst(öffnet im neuen Fenster) . Vor einiger Zeit hatte auch der WDR über Euroweb(öffnet im neuen Fenster) berichtet. Die Abschaltung von Nerdcore nun veranlasste diverse Berichte ( Basicthinking(öffnet im neuen Fenster) , Spreeblick(öffnet im neuen Fenster) , Krautgaming(öffnet im neuen Fenster) , Intro(öffnet im neuen Fenster) , Pantoffelpunk(öffnet im neuen Fenster) ) und kritische Kommentare auf der Facebook-Seite von Euroweb, die mittlerweile wieder gelöscht sind – versehentlich, wie Euroweb angibt.
Walter droht Euroweb
Walters Blog ist zunächst auf der Ausweichdomain crackajack.de(öffnet im neuen Fenster) zu finden, auf Twitter können seine Beiträge weiterhin unter @nerdcoreblog(öffnet im neuen Fenster) gelesen werden. Hier kündigt er seinerseits an, gegen Euroweb vorzugehen. Unter anderem schreibt Walter(öffnet im neuen Fenster) : "Das Geile ist ja, dass Euroweb und ihre Anwälte keine Ahnung haben, wie viel die Domain Nerdcore.de wert ist. Das wird noch *sehr*sehr* geil..." . Darüber hinaus verrät Walter wenig und verlegt sich eher auf Drohungen(öffnet im neuen Fenster) .
In einer auf nerdcore.de(öffnet im neuen Fenster) veröffentlichten Stellungnahme kündigte Euroweb-Geschäftsführer Christoph Preuß an, die Rechte an der Domain Nerdcore.de in Kürze bei eBay für einen gemeinnützigen Zweck zu versteigern. Die Einnahmen sollen zur 50 Prozent an Wikipedia und zu 50 Prozent an den Verein Freischreiber gehen, in dem freie Journalisten organisiert sind.
Die Pfändung der Domain begründet er damit, dass die "Kosten eines gegen Euroweb verlorenen Prozesses durch den Kostenschuldner nicht innerhalb angemessener Frist erstattet wurden" . Walter habe Euroweb in einer Art diffamiert, die nicht akzeptabel gewesen sei, verteidigt Euroweb-Chef Preuß die Domainpfändung im Gespräch mit Golem.de. Man habe Walter zuvor gebeten, die Inhalte aus dem Blog zu nehmen, wodurch ihm keine Kosten entstanden wären. Da Walter nicht reagiert habe, sei die Sache vor Gericht gegangen, wo Walter nicht erschienen sei, so Preuß. Auch die Beschlüsse des Gerichts habe Walter offenbar ignoriert, weshalb Euroweb letztendlich die Domain pfänden lassen habe.
Preuß sagte, er wolle damit die Interessen seines Unternehmens und seiner Mitarbeiter wahren und er lasse sich "nicht auf der Nase herumtanzen" . Er gehe nicht davon aus, dass diese "unpopuläre" Maßnahme Euroweb mehr schaden als nutzen werde. Es sei nicht sein Ziel, Walter mundtot zu machen, er halte das auch gar nicht für möglich, sagte Preuß weiter.
Nachtrag vom 18. Januar 2011, 22:10 Uhr
Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung(öffnet im neuen Fenster) nannte Walter das Ausbleiben einer Reaktion auf die Schreiben von Euroweb und die Gerichtsbeschlüsse einen "Fehler mit privatem Hintergrund. Um seine erkrankte Mutter zu pflegen, habe er Monate im Elternhaus verbracht und eingehende Post ignoriert" . Er habe erst durch seinen Hauswart Ende 2010 vom Pfändungsbescheid erfahren. Und während Euroweb angibt, die strittige Summe sei bis zum vergangenen Montag nicht vollständig bezahlt worden, versichert Walter der Süddeutschen, er habe "im Laufe des vergangenen Wochenendes eine letzte Teilzahlung geleistet" .
Rechtsanwalt Udo Vetter weist darauf hin(öffnet im neuen Fenster) , dass die Pfändung der Domain zwar legal ist, Euroweb aber keineswegs über den gesamten Erlös, den die angekündigte Versteigerung der Domain einbringt, verfügen darf: "Alles vom Erlös, das über die Schulden hinausgeht, steht dem früheren Domain-Inhaber zu." Allerdings sieht Vetter für die "Verwertung der Domain ab dem Augenblick keinen Grund mehr, in dem die Forderung und alle Vollstreckungskosten beglichen sind" , was laut Walter mittlerweile ja der Fall ist. In diesem Fall, so Vetter, "müsste die Domain zurückgegeben werden" .
Bei Wikipedia und den Freischreibern, denen Euroweb das Geld aus der Versteigerung der Domain nach eigener Ankündigung zukommen lassen will, regt sich Widerstand: So gibt es bei Wikipedia eine Reihe von Nutzern(öffnet im neuen Fenster) , die die Annahme der Spende verweigern wollen. Die Freischreiber machen in einer Stellungnahme deutlich(öffnet im neuen Fenster) , dass auch sie kein Geld von Euroweb annehmen wollen: "Könnte die Firma Euroweb das Geld aus dem Erlös der Versteigerung der Nerdcore-Domain tatsächlich spenden, so bräuchte sie dafür einen Empfänger, der das Geld auch annimmt. Wir aber haben das Gefühl, dass hier mit ziemlich dicken Kanonen auf zierliche Spatzen geschossen wird. Und davon möchten wir nicht profitieren. Und wir möchten auch nicht, dass sich der Kanonier mit einer Spende an Freischreiber ein moralisches Mäntelchen für eine klassische Überreaktion umhängen kann."



