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IMHO: Sind DDoS-Attacken für Wikileaks gerechtfertigt?

Die DDos-Attacken von Wikileaks-Unterstützern sind grober Vandalismus, sagt Golem-Redakteur Nico Ernst. Kollege Achim Sawall hält sie für virtuelle Sitzstreiks zum Schutz der Meinungsfreiheit. Beide stellten nach hitziger Diskussion überrascht fest: Sie kommen mit völlig verschiedenen Argumenten zum selben Ergebnis.
/ Achim Sawall
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Das Logo der DoS-Waffe LOIC
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"Große Konzerne mit Zugriff auf zentrale Schnittstellen im World Wide Web und gerichtsfesten Geschäftsbedingungen können offensichtlich entscheiden, wer seine Inhalte verbreiten darf und wer nicht. Hieraus erklärt sich auch der virtuelle Sitzstreik, der sich im Netz anonym organisiert und zeitweise die Internetseiten von Mastercard und Visa stillgelegt hat" , schreibt Christian Ahrendt, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, heute im Hamburger Abendblatt(öffnet im neuen Fenster) . Doch wer handelt richtig? Die Justiz, die in den Niederlanden zwei junge Männer wegen ihrer Beteiligung an den illegalen Angriffen festgenommen hat? Die Wikileaks-Unterstützer? Oder keiner von beiden?

Achim Sawall: Viele Menschen protestieren derzeit für Wikileaks, weil die Whistleblower-Plattform sich mit der Enthüllung von Kriegsverbrechen im Irak und in Afghanistan und von arroganten Aussprüchen der US-Diplomatie Ansehen erworben hat.

Schon 2007 wurden von Wikileaks Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo offengelegt. 2009 folgten Interna zur isländischen Kaupthing-Bank, die staatliche Milliardenkredite ohne eine echte Prüfung bekommen hatte. Im September 2009 legte Wikileaks offen, wie Giftmüll des Schweizer Konzerns Trafigura an der Elfenbeinküste landete. 2009 folgte die Veröffentlichung der für die Betreiber sehr vorteilhaft abgefassten Toll-Collect-Verträge mit deutschen Regierungsstellen. Im Dezember 2009 legte Wikileaks mit einem Feldjägerbericht zu der Bombardierung der Tanklaster in Afghanistan offen, dass der Regierung früher als behauptet bekannt war, dass dabei Zivilisten getötet wurden. Im April 2010 veröffentlichte Wikileaks Videoaufnahmen zur Tötung von Zivilisten und Journalisten durch US-Militärs in Bagdad aus US-Hubschraubern. Im Juni 2010 folgten geheime Bilder des Angriffs auf Garani in Afghanistan durch die US-Luftwaffe mit vielen Toten. Wegen dieser Enthüllungen steht Wikileaks derzeit unter Druck.

Nico Ernst: Wikileaks' Erfolge bei der Aufdeckung von Missständen sind unbestritten. Wer nun aber als Sympathisant meint, DDoS-Attacken auf große US-Unternehmen würden der Idee, anonym geheime Informationen zu veröffentlichen, in irgendeiner Weise nutzen, liegt weit daneben.

DDoS macht den Gegner mundtot

Sawall: Den Druck üben doch vor allem Regierungen und große IT-Unternehmen aus. So stellte Amazon die Hostingdienstleistungen für Wikileaks ein, die Domain Wikileaks.org wurde von der Firma EveryDNS abgeschaltet. Verschiedene Zahlungsabwickler wie Paypal verweigern die Weiterleitung von Spenden. In den USA wird gefordert, Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange wegen Spionage und ähnlicher Anschuldigungen anzuklagen. Dagegen protestieren viele Menschen. Tausende haben am Wochenende in verschiedenen Ländern für die Freilassung von Assange demonstriert, der in Schweden wegen Sexualdelikten angeklagt wird. Gewiss müssen solche Vorwürfe ernst genommen werden, doch der Protest zielt in eine andere Richtung: Viele Demonstranten halten die Anschuldigen für einen Teil des Planes, Wikileaks mundtot zu machen. Sie befürchten, dass hier international koordiniert gegen die Freiheit der Meinungsäußerung vorgegangen wird.

Ernst: Und deshalb machen sie mit der Operation Payback, zu der die Gruppe Anonymous aufgerufen hat, genau das: den Gegner mundtot? Das ist es doch vor allem, was eine Denial-of-Service-Attacke(öffnet im neuen Fenster) erreicht; sie bringt den Gegner für eine kurze Zeit zum Schweigen. Das ist aber das Ende einer konstruktiven Auseinandersetzung. Also ist DDoS durchaus destruktiv. Mit gleichem Ansatz könnte man mit einem Lastwagen eine Telefonzelle umfahren und das als Protest gegen hohe Roaminggebühren deklarieren – hohe Preise für Gespräche schränken ja auch die Meinungsfreiheit ein.

Sawall: Dein Beispiel beschreibt eine sinnlose Zerstörung eines öffentlichen Fernsprechers. Das hat nichts mit politischem Protest gegen ein Unternehmen zu tun. Im Fall der DDoS-Attacken ist das Vorgehen der Jugendlichen verständlich: Sie sehen ein Unrecht, gegen das sie protestieren wollen. Dabei versuchen sie, Unternehmen zu treffen, die Wikileaks behindern.

Ernst: DDos-Attacken sind aber auch eine Form des Vandalismus, es entsteht ein realer Schaden. Wer einmal eine DDoS-Attacke auf das eigene Unternehmen miterlebt hat, weiß, wie viele Überstunden der Administratoren das kostet, um Logfiles auszuwerten, Routen und Adressen umzubauen und im schlimmsten Fall ganze Systeme neu aufzusetzen. Von den real entgangenen Umsätzen, etwa bei Amazon im Weihnachtsgeschäft, ganz zu schweigen. Gleichzeitig schaffen sich die Wikileaks-Unterstützer mit ihren Angriffen auf Unternehmen, die sich auf die Seite der Regierung stellen, mächtige Gegner, die ihnen technisch teils auch überlegen sind, wie die jüngsten Verhaftungen zeigen.

Nichtlegale Protestformen können notwendig sein

Sawall: Diese Form des Protestes, die eine hohe Last auf den Servern erzeugt, ist in vielen Ländern illegal. Den juristischen Aspekt hat Jens Ferner(öffnet im neuen Fenster) hinreichend beleuchtet. Illegal sind Streiks gegen Arbeitsplatzabbau mit Torblockaden wie bei Opel in Bochum im Oktober 2004 oder die aktuellen Blockaden von Atommülltransporten jedoch auch. Auch wenn ein demokratisches Gut wie die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, kann es notwendig werden, zu nichtlegalen Protestformen zu greifen.

Ernst: Wer auf diese Weise protestiert, wirft die Debatte um Meinungsfreiheit zurück, er behindert einen konstruktiven Diskurs und schadet mit reinem Vandalismus dem Image der Wikileaks-Unterstützer. Ein Blick in die von der lose organisierten Gruppe Anonymous frequentierten Foren legt den Verdacht nahe, dass hier solche Onlinevandalen am Werk sind, denen es auch Spaß macht, Bilder aus Facebook-Accounts zu klauen, um sich über die Personen lustig zu machen – und das sind eher die harmlosen Fälle. Dieses Klischee von Jugendlichen, die per Internet ein bisschen Gott mit der Welt spielen, ist genau das, was Kritikern von Onlinefreiheit und Wikileaks in die Hände spielt: Seht her, können sie sagen, diese Anarchisten sind die Unterstützer von Wikileaks – und die sollen wir ernst nehmen?

Außerdem zeigen bei einem Sitzstreik die Protestierenden Gesicht – wie viele Menschen dagegen sind, erkennen selbst Politiker dann im Fernsehen. Eine DDoS-Attacke zeigt nur das Ergebnis einer Protestbewegung. Wie viele Angreifer nötig sind, verschweigen die betroffenen Unternehmen wohlweislich. Doch es gibt Anzeichen für einen Strategiewechel bei den Protestierenden: Wie Frank Patalong von Spiegel Online so schön festgestellt hat(öffnet im neuen Fenster) , folgt auf das primitive Werkzeug der DDoS-Attacke nun echte Protestarbeit: Die Operation Leakspin, bei der es um die Verbreitung von Wikileaks-Inhalten geht, erfordert mehr, als nur auf einen Knopf zu drücken. Das ist Protest, der auch wahrgenommen wird und nicht nur nach Vandalismus aussieht.

Sawall: Ja, ob die DDoS-Attacken der Wikileaks-Unterstützer gegenwärtig wirklich nützlich sind, ist tatsächlich fraglich.

Es gibt viele Formen des Protests, mit denen Wikileaks unterstützt werden kann, zum Beispiel das Spiegeln von Servern oder das Unterzeichnen von Appellen. Und mit offenem Protest auf der Straße könnten die Wikileaks-Unterstützer ihr Anliegen wirksamer in die Öffentlichkeit bringen. Wenn sie bei winterlichen Temperaturen zusammen mit Freunden und Arbeitskollegen auf den Straßen für Wikileaks demonstrieren und blockieren, zeigen sie, dass sie bereit sind, mehr Engagement für ihr Anliegen aufzubringen, als nur die Server von Amazon, Paypal, Visa oder Moneybookers eine Zeit lang zu überlasten.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


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