Datenschutz: Die Google-Erklärerin

Es hilft nicht unbedingt, als Datenkrake zu gelten(öffnet im neuen Fenster) , wenn persönliche Daten der wichtigste Rohstoff des Geschäftsmodells sind. Google hat dieses Problem. Je größer der Konzern wurde, je mehr Märkte er sich erschloss und beherrschte, desto mehr begannen die Nutzer, ihn zu fürchten.
Alma Whitten soll das ändern.
Sie wurde im Oktober zum Privacy Director for Product and Engineering ernannt, also zur obersten Datenschutzbeauftragten Googles, zuständig für die beiden Firmenbereiche Entwicklung und Produkte. Whitten beteuert seitdem, wie entscheidend es für Google sei, die Daten der Nutzer zu schützen. Ihr Job sei es, dafür zu sorgen, "dass keine üblen Dinge mehr passieren" .
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| Video: Alma Whitten von Google über "privacy" |
Damit meint sie Dinge wie das WiFi-Gate genannte Mitschneiden von WLAN-Daten(öffnet im neuen Fenster) . Auch intern wird die Aktion inzwischen als ein Supergau betrachtet und Google hat sich mehrfach dafür entschuldigt. Doch Entschuldigungen genügen längst nicht mehr. Nutzer müssten vertrauen können, und für dieses Vertrauen will Whitten sorgen.
Sie ist klein, hat blond gefärbte Locken, trägt ein dunkles Kostüm und ist durch und durch Nerd. Whitten hat Informatik an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh studiert und schrieb ihre Doktorarbeit(öffnet im neuen Fenster) über den menschlichen Faktor bei der E-Mail-Verschlüsselung. Vor sieben Jahren ging sie direkt nach dem Studium zu Google und beschäftigt sich seitdem damit, dass "Datensicherheit bei der Entwicklung berücksichtigt wird" , wie sie sagt.
Alma Whitten ist wie Google: technisch, schlau und schwer durchschaubar.
Ihre Logik jedoch ist einfach: "Wenn die Menschen kein sicheres Gefühl haben, während sie unsere Dienste nutzen, werden sie sie nicht mehr verwenden wollen. Das wäre auch unser Ende."
Nicht ganz zufällig ist Whittens Büro in London und nicht in Mountain View in Kalifornien, dem Hauptsitz des Konzerns. Beim Thema Nutzerdaten ist die europäische Sicht inzwischen wichtig. Zwar wird intern die Aufregung um Street View für völlig verrückt gehalten. Bedenken jedoch werden grundsätzlich ernst genommen.
Wie aber kann Google ein Gefühl von Sicherheit vermitteln? Durch "Transparenz und Kontrolle" , sagt Whitten. Sie will daher verständlich machen, welche Daten Google verarbeitet und welche Kontrolle dabei möglich ist. Sie wolle "das Geheimnis lüften" , wie sie es nennt. Was bestätigt, dass Google lange reichlich geheimnisvoll war.
Um das zu tun, reist sie unter anderem durch Europa und hält Vorträge. Dort spricht sie dann über Cookies(öffnet im neuen Fenster) und was sie speichern, über Server-Logfiles, non-transactional-informations und über aggregierte Daten. Vor allem aber darüber, dass Google diese Daten niemals hergeben würde und alles tue, um sie zu sichern.
Verhaltensmuster, nicht Personen interessieren Google
Doch solche Rohdaten sind nur der eine Teil des Problems. Der andere sind die Informationen, die das Unternehmen daraus generiert, die Profile. Dabei geht es nicht um persönliche Beschreibungen nach dem Muster Anna A. liebt Autoseiten und Arztserien. Die Profile sind anonym und Google interessiert sich auch nicht für die Menschen dahinter. Interessant für das Unternehmen sind die Verhaltensmuster – wer die Seiten A und B ansurft, kauft gern bei C ein und informiert sich bei D über seine Lieblingsthemen. Solche Muster sucht der Konzern. Anschließend kann er jeden Nutzer in sie einsortieren und ihm auf ihn zugeschnittene Werbung präsentieren.
Das genügt vielen bereits für das Gefühl, überwacht zu werden. Auch dieses Problem soll Whitten lösen. Ihr Weg dazu ist sehr amerikanisch, "checks and balances" nennt sie ihn, was sich grob übersetzen lässt mit gegenseitiger Kontrolle, um verschiedene Interessen zu tarieren. Gewaltenteilung würde man im Deutschen wohl sagen. Allerdings sind die Gewalten im Netz ungleich verteilt: Konzerne wie Google haben dank vieler Informationen viel Macht, der einzelne Nutzer jedoch eher wenig.
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| Video: Alma Whitten von Google |
Whitten sieht das anders. Einerseits seien die Daten der Nutzer eine Notwendigkeit. Ohne sie könne beispielsweise Spam nicht aus den E-Mails gefiltert werden. Ein notwendiger Schutz vor Gefahren funktioniere nun einmal nicht ohne das Wissen um IP-Adressen und Verhaltensprofile.
Andererseits sind Informationen für Whitten ein Deal, ein Geschäft – "cooperative use of data" , wie sie es nennt: Der Nutzer tausche seine persönlichen Daten gegen Produkte.
Wichtig dabei sei die Möglichkeit, wählen zu können, sagt sie. Wer nicht wolle, dass GMail entscheide, welche der ankommenden Mails wichtig seien und welche nicht, müsse die Priority Inbox ja nicht nutzen. In den Einstellungen lasse sich der Filter ausschalten.
Doch genügt das? Ist eine solche Kontrolle nicht eine Illusion? Sind die meisten unserer persönlichen Daten nicht sowieso längst von irgendwem irgendwo gespeichert? Scott McNealy, einer der Gründer von Sun Microsystems, formulierte das einst mit dem Satz: "You have zero privacy anyway. Get over it." Privatsphäre gebe es sowieso nicht mehr, wir sollten sie vergessen. Hat er damit recht?
Nein, sagt Whitten. Privatsphäre sei ein fundamentaler Teil des Menschseins. Allerdings verändere sich das Verständnis dieses Konzeptes immer dann, wenn neue Technologien aufkämen. Telefon, Fotografie – sie alle hätten Einfluss darauf gehabt, wo wir die Grenzen der Privatsphäre zögen. Die Gesellschaft müsse eben aushandeln, wie viel Offenheit sie wolle und wie viel Schutz. [ von Kai Biermann / Zeit Online(öffnet im neuen Fenster) ]



