Wikileaks: Verwirrung um Server in Schweden

Die bisherige schwedische IP-Adresse der Wikileaks-Server ist nicht mehr erreichbar. Stattdessen endet eine Traceroute-Anfrage bei einem Provider in Paris, Frankreich. Der bekannte Webhoster PRQ(öffnet im neuen Fenster) , über dessen IP-Adresse Wikileaks bislang erreichbar war, meldet, dass die Organisation seine Dienste seit einem Monat nicht mehr nutze.
Mikael Viborg, Chef des Webhosters PRQ, klagt, dass Wikileaks ohne Ankündigung auf die Dienste seiner Firma verzichtet habe. Nachdem PRQ bemerkt habe, dass die von Wikileaks angemieteten Server nicht mehr benutzt wurden, hätte sie die Rechner abgeschaltet und eine letzte Rechnung an die Organisation geschickt, sagte Viborg der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter.
Webhoster für den "Geheimdienst für das Volk"
PRQ hatte vor wenigen Wochen bekanntgegeben, dass der erste "Geheimdienst für das Volk" – so Wikileaks über Wikileaks – seit 2008 die Dienste des Webhosters nutze, dessen Server in einem geheimen Keller in einem Stockholmer Vorort stehen. Laut Viborg hatte Wikileaks die Server bei PRQ lediglich für eine Weiterleitung zu verschiedenen unbekannten Servern weltweit genutzt, auf denen die Webseite und vor allem Wikileaks gesammelte geheime Dokumente liegen. Inzwischen hat Wikileaks sämtliche Unterlagen in der verschlüsselten Datei Insurance.aes256 per Download weltweit verbreitet.
Wikileaks nutzt allerdings weiterhin Server in Schweden, um seine Dokumente und seine Webseite zu hosten. Der Webhoster Bahnhof(öffnet im neuen Fenster) bestätigte der schwedischen Nachrichtenwebseite The Local(öffnet im neuen Fenster) , dass die Webseite der Aktivistengruppe sowie Dokumente auf seinen Servern abgelegt sind. Bahnhof unterhält Teile seiner Serverfarm in einem unterirdischen Bunker. Die Firma wirbt damit, dass der Standort auch bei nuklearen Angriffen sicher ist. Die Bunker wurden zuvor als zivile Verteidigungsanlage verwendet und liegen unter der Parkanlage Vita Bergen(öffnet im neuen Fenster) im Stockholmer Stadtteil Södermalm.
Standort mit Quellenschutz
Wikileaks wählte Schweden als Standort, weil das Land einen Quellenschutz per Verfassung garantiert. Journalisten, die Quellen entgegen deren Wünschen preisgeben, können dort strafrechtlich verfolgt werden. Allerdings muss dafür eine spezielle Veröffentlichungslizenz beantragt werden. Ob Wikileaks eine solche Lizenz besitzt, ist unklar.
Anfang November 2010 hatte sich Assange gegenüber dem Schweizer Fernsehsender TSR(öffnet im neuen Fenster) zu einer möglichen Verlegung von Wikileaks in die Schweiz geäußert: "Das ist eine konkrete Möglichkeit, die wir derzeit überprüfen" . Dazu solle eine Schweizer Stiftung eingerichtet werden, die das Projekt tragen könne. Aufgrund des jeweiligen Presserechts gebe es derzeit nur drei Länder, in denen sich Wikileaks sicher fühlen könne: Island, die Schweiz und Kuba. Für die karibische Insel gelte das aber nur, solange Wikileaks nicht über kubanische Angelegenheiten berichte.
Medieninhalte aus Island
Wenige Tage später hatte Wikileaks in Island die Firma Sunshine Press Productions gegründet , die Medieninhalte in Form von Videos und Printprodukten herstellen, veröffentlichen und verbreiten will. Island ist wegen seiner Mediengesetzgebung für Wikileaks attraktiv: Die Mitte 2010 verabschiedete Icelandic Modern Media Initiative (IMMI) bietet weltweit den stärksten Schutz der Pressefreiheit . An der Ausarbeitung der IMMI war Assange beteiligt.
Wikileaks-Gründer Julian Assange wird in Schweden Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorgeworfen. Die Stockholmer Staatsanwaltschaft will die Befragung von Assange per internationalem Haftbefehl erzwingen . Der Wikileaks-Chef hat die Vorwürfe wiederholt vehement zurückgewiesen und spricht von einer Schmutzkampagne gegen ihn. Im Zuge der Vorwürfe hatte Schweden dem Gründer der Enthüllungswebseite Wikileaks, Julian Assange, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis versagt .



