Spieletest Enslaved: Hauen im Dienst der Herrin
"Wenn ich sterbe, stirbst du", sagt die bildhübsche Trip kurz nach dem Start des Actionspiels Enslaved: Odyssey to the West zu ihrem Begleiter Monkey. Die Dame meint das nicht romantisch, sondern wörtlich: Sie hat dem muskelbepackten Haudrauf ein Sklavenstirnband verpasst, und fortan sind die Schicksale der beiden aneinander gebunden. Der Spieler steuert Monkey, der bereits zuvor in Sklavendiensten stand, und muss mit ihm Gefahren für Trip beiseite räumen. Das Ganze geschieht in einer größtenteils idyllischen Dschungelwelt, die seit vielen Jahren über den Ruinen der offenbar völlig zerstörten USA wuchert.

Der erste Abschnitt, in dem Monkey auf einem fliegenden Sklaventransporter unterwegs ist, erinnert mit einer ungewöhnlich spannend geskripteten Flucht an einige Momente aus Uncharted 2. Später steuert der Spieler Monkey in klassischer Actionmanier aus der Schulterperspektive durch linear angelegte Umgebungen. Normalerweise läuft Enslaved so ab, dass Trip und Monkey einen großen Abschnitt betreten. Dann zeigt die Kamera den Ausgang sowie Feinde, Hindernisse und Besonderheiten. Aufgabe des Spielers ist es, einen Weg bis zum Ziel zu finden – und zwar so, dass auch seine Freundin, die wesentlich empfindlicher ist und nicht so gut klettern kann, mitkommt.
Trip folgt ihm, solange der Weg nicht versperrt oder zu gefährlich ist, automatisch – aber die Interaktion zwischen den beiden ist es, die Enslaved ungewöhlich macht. So muss der Spieler gelegentlich überlegen, wie er Trip so über Vorsprünge katapultiert, dass sie ihm eine Leiter herablassen kann. Mit einem Kreismenü kann Monkey zum einen die Kamera jederzeit auf Trip ausrichten, ihr zum anderen Befehle erteilen: etwa, dass sie weiterläuft oder ihm eine heilende Spritze verpasst.
Je nach Umgebung muss Monkey gelegentlich Feinde oder das Feuer von stationären Geschützen durch lautes Rufen in seine Richtung locken, um von Trip abzulenken. Oder er erteilt ihr den Befehl, das Gleiche für ihn zu tun – dann hat er ein paar Sekunden, um sich von Deckung zu Deckung bis ans Ziel vorzuarbeiten. Der Spieler muss mit Monkey oft und teils lange klettern, was zumindest am Anfang fast zu einfach geraten ist: Stellen, an denen der Held sich festhalten kann, leuchten gut sichtbar auf, abstürzen kann er nicht. Erst später muss es schnell gehen, weil etwa lockere Haken nach ein paar Augenblicken aus der Wand brechen.
Unkompliziertes Kampfsystem
Wichtigste Waffe im Kampf gegen die Scharen feindlicher Roboter ist ein Stab, den Monkey bei sich trägt. Damit kann er die Stahlwesen zum einen vermöbeln, zum anderen kann er sie aus der Ferne mit Energiestrahlen aufs Korn nehmen. Das Kampfsystem ist vergleichsweise einfach, Kombos und Extraangriffe spielen eine große Rolle, aber zur Not hilft auch schnelles Knöpfchendrücken. Am Ende der Abschnitte muss sich der Spieler mit Obermonstern prügeln, bei denen weniger schnelle Reflexe als nach Zelda-Art die richtige Taktik gefragt ist. Die muss er jeweils herausfinden. Hilfreich: Monkey kann seine Lebensenergie, Schildstärke oder Angriffswerte von Zeit zu Zeit durch Trip verbessern lassen.
Das Entwicklerteam Ninja Theory hat sich bei Enslaved für die Unreal Engine 3 entschieden. Die ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, trotzdem sieht das Spiel gut aus: Die meisten Level sind mit viel Gestrüpp, Dschungel und Bäumen sehr farbenfroh und oft ein bisschen herbstlich, was nicht so oft in Spielen zu sehen ist. Überdurchschnittlich aufwendig sind auch die Animationen. Wenn Monkey sich von Plattform zu Pfosten schwingt, sieht das meist klasse aus.
Enslaved: Odyssey to the West ist ab dem 8. Oktober 2010 für Xbox 360 und Playstation 3 verfügbar, der Preis liegt bei knapp 60 Euro; eine Collector's Edition ist für rund 10 Euro mehr erhältlich. Die USK hat dem Titel eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erteilt.
Fazit
Auf den ersten Blick wirkt Enslaved wie Action-Dutzendware. Wer sich dann aber mit Monkey und Trip durch die Endzeitwelt abenteuert, der stellt fest: macht richtig Spaß! Auf der Habenseite verbucht das Programm vor allem die toll inszenierte Beziehung zwischen den beiden Helden. So gut gelungen wie hier ist das selten, und zwar nicht wegen der Handlung, sondern auch wegen der Aktionen direkt im Spiel.
Schön ist auch die stimmige Endzeitwelt, die düster und trotzdem idyllisch wirkt – das muss man erst mal hinbekommen. Nicht ganz so gelungen ist das Kampfsystem. Die meist allzu einfachen Kletterpassagen machen zwar Spaß, aber eine Herausforderung sind sie selten. Wer Action mit starken Charakteren mag, wird von Enslaved dennoch erstklassig unterhalten.