Spieletest F1 2010: Tolle erste Runde
Die letzten guten Formel-1-Spiele sind ganz schön alt: Nach den goldenen Jahren mit Geoff Crammond's Grand Prix 2 (1995), Psygnosis' Formel 1 (1998) oder Ubisofts Racing Simulation 2 (1999) haben sich Anhänger der Rennsportserie auf Modifikationen verlassen müssen. Eine lange Durststrecke, die mit F1 2010 ein Ende hat.

Die Rennserie Dirt ist bei Codemasters zuständig für alles auf staubigen Offroadpisten, während Grid für den gesamten Asphaltrennsport stehen soll. Wenn sich Codemasters treu bliebe, hätte es die Formel 1 in das nächste Grid integrieren müssen. Aber auch die englischen Entwickler wissen genau: Die Formel 1 ist eine Klasse für sich – und eines eigenen Spieles würdig.
F1 2010 deckt den kompletten Rennkalender der aktuellen Saison ab. Alle derzeit angestellten Piloten (abgesehen von Nick Heidfeld) treten auf 19 Kursen gegeneinander an. Das neue Reglement ist den Umständen entsprechend integriert – F1 2010 ist nämlich keine hundertprozentige Simulation.
Unter anderem fehlt ein detailliertes Schadensmodell. Dadurch gibt es keine echten Gelb- oder Safetycar-Phasen, keine Motorplatzer und kein Öl auf der Fahrbahn – viel mehr als Front- oder Heckflügel gehen nicht kaputt. Das eigene Auto ist zudem belastbarer als die Boliden der Konkurrenten. Wenn Spieler es geschickt anstellen, schaffen sie es, alle anderen Autos zu lädieren, während das eigene tiptop in Ordnung bleibt. Dieser Teil von F1 2010 hat sehr wenig mit echtem Rennzirkus zu tun.
Zappelige KI
Die feinfühlige Steuerung ist eingängig und gelingt mit einem Gamepad und ein paar Fahrhilfen zufriedenstellend. Mit dem passenden Force-Feedback-Lenkrad sind kontrollierte, präzise Manöver und schnellere Runden möglich. Das Fahrgefühl ist in jeder der fünf wählbaren Kameraperspektiven authentisch.
Die künstliche Intelligenz der Mitstreiter reicht für spannende Positionswechsel aus. Die Gegner zucken aber öfter hektisch von ihrer Fahrlinie, was befremdlich wirkt. Auch wenn Formel-1-Autos sehr direkt auf Lenkmanöver reagieren: So fährt niemand. Spätestens nach zwei kompletten Saisons, bei guter Streckenkenntnis auch früher, wissen Spieler, an welcher Kurve die KI patzt und Sekunden liegen lässt oder Raum zum Überholen bietet.
Um etwas Formel-1-Atmosphäre zu vermitteln, werden Spieler im bis zu sieben Saisons langen Karrieremodus vor ein paar Entscheidungen gestellt. In Pressekonferenzen und Interviews kann der potenzielle Weltmeister sein Schicksal durch die Wahl passender Multiple-Choice-Antworten mitbestimmen.

Ein Highlight von F1 2010 ist das dynamische Wettersystem. Das Spiel sieht dank der verwendeten Ego-Grafikengine sowieso gut aus. Regenrennen sind aber ein besonderer Hingucker: Realistisch wirkende Pfützen, Spiegelungen und aufwirbelnde Gischt machen es Spielern schwer, sich auf die Strecke zu konzentrieren und buhlen darum, in Ruhe betrachtet zu werden, was glücklicherweise durch die komfortable Replayfunktion möglich ist. Das Zurückspulen von Fahrfehlern, bekannt aus Grid und Dirt, ist ebenfalls enthalten. Besonders spektakuläre Wiederholungen abzuspeichern, ist nicht möglich.
Frust in der Box
Der Mehrspielermodus von F1 2010 unterstützt bis zu zwölf menschliche Piloten. Das Fahrerfeld wird auf Wunsch mit einem Dutzend weiteren KI-Kontrahenten aufgestockt. Online nervt vor allem das automatisierte Boxenstopp-System, das auch im Solospiel für Verwirrung sorgen kann. Autos, die nahe beieinander gleichzeitig in die Boxengasse einbiegen, werden transparent und fahren ein paar Meter ineinander, bevor sie zum Reifenwechsel anhalten. Die Dauer von Boxenstopps variiert nach dem Zufallsprinzip. Das sorgt für Frust, denn so fallen Spieler nach Aufholjagden oder hart erarbeiteten Positionen unverdient wieder zurück.
F1 2010 ist für Playstation 3, Xbox 360 und Windows-PC erschienen. Die PC-Version setzt mindestens einen Zweikernprozessor mit 2,4 GHz, 1 GByte RAM und eine Geforce 7800 oder Radeon X1800 voraus. Für den Multiplayermodus ist je nach Plattform eine Games-for-Windows-Live-, Xbox-Live- oder Playstation-Network-Mitgliedschaft erforderlich.
Fazit
Mit F1 2010 hat Codemasters das Fundament für eine erstklassige Videospielzukunft der Formel 1 gelegt. Die Grafik ist gut, das Fahrgefühl toll und Spieler sind immer wieder motiviert, noch ein paar Hundertstel auf den abwechslungsreichen Strecken herauszuholen. Auch der Solomodus kann beim ersten Durchspielen überzeugen.
Für die Pole Position reicht es aber noch nicht: Je mehr Zeit Spieler mit F1 2010 verbringen, desto stärker treten die Macken in den Vordergrund. Wieso falle ich nach Boxenstopps immer so weit zurück? Warum kann ich in Interviews ständig nur das Gleiche sagen, und weswegen kommen regelmäßig alle Autos ins Ziel? Hier würde ausnahmsweise mehr Realismus zu mehr Spielspaß führen.
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