Open Data: Forscher sollen ihre Daten teilen
Welche Faktoren machen Jugendliche anfällig für Drogenmissbrauch? Das war eine der Fragen, die eine Berliner Längsschnittstudie beantworten wollte. Sechs Jahre lang wurden dazu die Lebensumstände von 2.000 Jugendlichen beobachtet. Das Team von Rainer K. Silbereisen sammelte dabei einen gewaltigen Berg an Daten. Der steht jetzt auch anderen Forschern zur Verfügung. Bislang ist es nicht üblich, dass Wissenschaftler ihre Rohdaten anderen zur Verfügung stellen. Verschiedene Projekte wollen das ändern.
Psychdata(öffnet im neuen Fenster) ist eines von diesen zahlreichen wissenschaftlichen Datenbankprojekten, das sich dem sogenannten Data Sharing verpflichtet fühlt: Forscher sollen ihre Daten zugänglich machen. Dadurch will man zum einen erreichen, dass Studienergebnisse unabhängig überprüfbar werden – immer wieder ist es in der Vergangenheit vor allem in den Naturwissenschaften zu dreisten Fälschungen gekommen. Die Forschungsförderer – mit der EU und der DFG als treibende Kraft – wollen zudem vermeiden, dass mehrere Gruppen unwissentlich an ähnlichen Projekten arbeiten.
Nutzen vermehren
Und letztlich lautet eine große Hoffnung der modernen Wissensgesellschaft, dass geteilte Informationen den Nutzen vermehren. Was für Open Data und Open Access gilt, sollte also auch für die Forschungsergebnisse gelten: Wer Wissen teilt, verdoppelt es letztlich. Und auch von Transparenz profitieren am Ende alle.
Das klingt erst einmal so gut, dass man sich fragt, warum das nicht schon lange Praxis ist. "Die Fachcommunity ist noch lange nicht vom Data Sharing überzeugt, übrigens quer durch die Disziplinen" , sagt Erich Weichselgartner vom Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation, der an der Universität Trier das Projekt Psychdata vorangetrieben hat. "Man will aus den eigenen Daten das Maximale herausholen, man gönnt anderen nicht potenzielle Entdeckungen mit den Daten, man hat Angst vor Kontrolle und vieles andere mehr" , sagt er.
Deshalb versuchen die Vorkämpfer der transparenten Primärdaten, mit Data Sharing zugleich auch die Kultur in den jeweiligen Fächern zu beeinflussen.
Pilotprojekt
Auch die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) hat jetzt gemeinsam mit der Kieler Christian-Albrechts-Universität ein Pilotprojekt zur Archivierung und Aufbereitung von Forschungsprimärdaten aufgelegt. Olaf Siegert, der an dem Projekt vonseiten der ZBW beteiligt ist, weist auf die besonderen Probleme in den Wirtschaftswissenschaften(öffnet im neuen Fenster) hin: Hier würden die Daten oft gar nicht selbst erhoben, sondern stammten von externen Dienstleistern wie der Börse oder statistischen Ämtern oder Ministerien. Deshalb ergäben sich zum Teil Urheberrechtsprobleme.
Davon abgesehen denkt man bei dem Pilotprojekt nun darüber nach, wie sich die Teilungsfreude der Forscher erhöhen lässt. Eine Idee ist, dass der Wissenschaftsbetrieb das Datensammeln als eigene Leistung anerkennt. Beispielsweise indem neben Publikationen auch gesammelte Daten in die Bewertung einer Laufbahn mit eingehen.
Datensätze aufbereiten
Helge Ewers, der an der ETH Zürich im Bereich Neuronale Zellbiologie forscht, findet den Ansatz zwar nachvollziehbar, fragt sich aber, ob das als Anreiz ausreicht. "Schließlich will man ja für seine intellektuelle Leistung anerkannt werden, und nicht für das Datensammeln" , sagt er.
Seine größte Sorge aber ist, dass zusätzlicher Verwaltungsaufwand auf ihn zukommt. Umfangreiche Datensätze für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sei wesentlich aufwendiger, als die jetzt übliche Archivierung der Rohdaten.
Außerdem hört man aus Forscherkreisen immer wieder, dass viele Wissenschaftler schon bei der Dokumentation ihrer eigenen Forschung scheiterten. Und das, obwohl sie zu einem späteren Zeitpunkt auch selbst noch mehr aus ihren eigenen Daten herausholen könnten. [von Tina Klopp, Zeit Online(öffnet im neuen Fenster) ]



