Starcraft 2 Multiplayer: Fast wie in den guten alten Zeiten

Vor rund zehn Jahren waren Netzwerksessions, so nannten wir das, was heute LAN-Partys sind, in meinem Freundeskreis noch gang und gäbe. Wir waren jung und hatten viel Zeit, um für so eine Spielesession unsere Rechner tagelang in einer Wohnung zu parken. Damals waren wir alle noch willig, schwere Kathodenstrahlröhrenmonitore(öffnet im neuen Fenster) herumzuschleppen. Kombiniert mit dem Herumplagen mit Netzwerkkonfigurationen, versehentlichem Herausreißen der Mehrfachsteckdose mit abruptem Spielabbruch und durchgeknallter Sicherung beim Wiedereinschalten – und dem ungesunden Essen, das typischerweise bei solch einer Runde dazugehörte.

Einen Starcraft-Teil und gerade mal zehn Jahre später sollte es erneut so weit sein. Blizzard hat es mit Wings of Liberty geschafft, dass sich die alten Haudegen aufrafften und ein Wochenende mit dem Echtzeitstrategiespiel in Angriff nahmen.
Am Rechnerpark zeigte sich deutlich, wie sich die Welt zwischen Starcaft und Starcaft 2 weiterentwickelt hat. Statt schwerer Spielemaschinen im Big Tower wurden kleine Zweitrechner angeschleppt. Die Röhre wurde, bis auf eine Ausnahme, durch leichte LCDs ersetzt. Kaum einer von uns konnte sich noch vorstellen, einen der alten Monitore durch halb Berlin zu transportieren. Umso überraschter waren wir, als einer im Kreis mit einer schweren Röhre im 20-Zoll-Bereich ankam, die auch noch eine gerade Glasoberfläche hatte. Praktisch, weil diese weniger spiegeln, unpraktisch, weil sie höllisch schwer war. Ach ja: Spiegeldisplay. Damals waren wir es noch alle gewohnt, uns entsprechend zu positionieren. Heute gibt's moderne matte Displays, außer bei meinem Macbook.
An der anfangs notwendigen Installation solcher Spiele hatte sich erstaunlich wenig geändert. Auf zwei Rechnern war das Spiel noch nicht eingerichtet, und die gut 8 GByte mussten erst einmal von der DVD runter auf den Massenspeicher. Interessant dabei: Ein Rechner war mit einer SSD ausgestattet und die Installation schön schnell.
Problematisch gestaltete sich das Aktualisieren der Starcraft-2-Installation. Auf zwei Rechnern, einem Mac Mini und einem Windows-PC, funktionierte das nicht. Der Blizzard-Updater machte Probleme und beschwerte sich über einen fehlenden Tracker. Wir hatten gleich das Netzwerk im Verdacht – dabei sollte in Zeiten von DHCP in Heimroutern eigentlich nichts dergleichen schiefgehen. Und wenn dennoch etwas nicht funktioniert, sollte man einfach die Patches manuell herunterladen können. Genau das bot Blizzard aber nicht an. Es galt also, den Blizzard-Updater zur Mitarbeit zu bewegen.
Mit Portforwarding gegen den Blizzard-Updater
Der Versuch mit einem UMTS-Stick zeigte, dass es tatsächlich ein Routingproblem gab, und ein bisschen Port-Forwarding zum PC ließ den Updater starten. Der Mac-Client hingegen wollte immer noch nicht. Zwei andere Macs, das Macbook und ein Mac Mini gleicher Generation, hatten allerdings keine Schwierigkeiten. Das Problem lag also woanders. Alle Apple-Rechner der Netzwerksession waren im Inneren praktisch baugleich und besaßen eine Geforce-9400M-Chipsatzgrafik. Einziger signifikanter Unterschied: Sie hatten alle drei unterschiedliche Festplatten. Und genau hier lag die Wurzel des Übels: Besagter Problemrechner war nämlich mit HFS+ in der Einstellung Case Sensitive installiert. Damit kam zwar der Starcraft-2-Installer zurecht, aber der Blizzard-Updater versagte. Ein Problem, das übrigens auch Valves Steam hat .
Die Lösung war aber auch hier einfach: Wir erstellten ein 12-GByte-Disk-Image, das genug Raum für das Spiel und die Patcherei bot. Dieses Image war in HFS+ formatiert, ohne dass der virtuelle Datenträger Groß- und Kleinschreibung (Case Sensitivity) unterscheidet. Die Installation ersparten wir uns, wir haben das Spiel einfach in das eingebundene Image hineinkopiert und dort gestartet. Prompt funktionierte der Updater.


















Keine Netzwerksession ohne kleine technische Probleme. Früher waren es IPX-Konfigurationsorgien und eine sich lockernde 10Base2-Verkabelung(öffnet im neuen Fenster) . Heute machen irgendwelche Updateprogramme und Router Ärger. Aufbau, Fehlersuche und -behebung haben etwa drei Stunden beansprucht – wie in den guten alten Zeiten.
Fehlten nur noch die Starcraft-Accounts für die Mitspieler ohne Starcraft 2. Früher gab es dafür noch extra Netzwerkclients, die man kostenlos installieren durfte. Heute sind es die beiliegenden Gästepässe, die allerdings zeitlich begrenzt sind. Rund sieben Stunden pro Gästepass waren ausreichend für das Wochenende. Unangenehm an den Gästepässen: Wenn sie ablaufen, schmeißt Blizzard den Spieler nach einer Warnung gnadenlos vom Server, auch wenn sich der Nutzer gerade in einem Spiel befindet.
Jetzt war es so weit, alle Rechner waren eingerichtet und das erste Starcraft-Match konnte losgehen. Allerdings mit ungleichen Voraussetzungen: Während die PC-Nutzer wunderschöne Grafik erleben durften, mussten die Mac-Nutzer vor allem wegen der schlechten Mac-Treiber arg herunterschalten. Aber Starcraft 2 war gut spielbar – und besser als das erste Starcraft sieht Teil 2 auch in der niedrigsten Detailstufe noch aus.
Lokales Netzwerkspiel über Internetserver
Obwohl Starcraft-2-Spiele prinzipiell über Blizzard-Server laufen, gab es keine spürbaren Lags. Der fehlende lokale Netzwerkmodus wurde also nicht als Problem empfunden und die 16-MBit-Leitung (Upstream 1 MBit/s) war ausreichend. Einmal bemerkten wir dennoch, dass wir im Internet spielten: Der klassische 24-Stunden-Disconnect von Versatel zerlegte uns Starcraft 2.
In den ersten Spielen spielten wir vor allem zusammen gegen die Computer. Zum einen, um wieder in das Spiel zu kommen und zum anderen, um herauszufinden, wer bei uns wie gut ist und wie eventuelle Teams zusammenzustellen sind. Die Partien gegen den Computer machten durchaus Spaß.
Am ersten Tag war es anfangs noch eine Herausforderung, Gegner im harten Schwierigkeitsgrad zu schlagen, doch irgendwann waren die Strategien entwickelt, um sie zu besiegen. Die Versuche, zu fünft drei Computergegner im schwersten Schwierigkeitsgrad zu bekämpfen, waren dagegen meist ein Desaster. Die Insane-Einstellung (wahnsinnig), die im Deutschen etwas verharmlosend "Extrem" genannt wird, hat uns nach einigen Partien schwer demotiviert. Schon in den ersten Minuten entschied sich das Match und wurde zu einer reinen Verteidigungsschlacht, bei der einer nach dem anderen aufgerieben wurde. Was die drei KI-Gegner im Teamwork hinbekommen, ist beeindruckend. Ein Fehler in den ersten fünf Minuten reicht und das Spiel ist gelaufen.
Am nächsten Tag waren wir nur noch zu viert. Ein Mitspieler konnte aus privaten Gründen nicht und sein Ersatzmann für den zweiten Tag sagte ab. Vor zehn Jahren war so etwas undenkbar.
Wir benötigten also neue, realistische Herausforderungen. Die Suche nach einer guten Tower-Defense-Karte war leider erfolglos. Aufgrund unterschiedlicher Spielerstärken war es zudem schwierig, unter uns passende Teams zu bilden, also wagten wir uns an die 4V4-Liga-Spiele.
Die Gegnerauswahl war teils sehr herausfordernd – um es einmal positiv zu formulieren. Viel Zeit für Vorbereitungen gab es nicht, und dementsprechend war unser Spiel. Der ein oder andere konnte noch von seinen zehn Jahre zurückliegenden "Wir überrennen eine Basis mit tausenden Zergs" -Erinnerungen profitieren oder hatte im Vorfeld wenigstens die Kampagne durchgespielt. Trotzdem: Wir sind ehemals gute Spieler im mittleren Alter mit viel zu wenig Zeit...
Aufgerieben von Profispielern
Die ersten Gegner waren kein Problem. Anfängerporträts, wie bei den meisten von uns, deuteten auf leichte Opfer hin. Mit der alten Überrenntaktik gelang es, den ersten der vier Opponenten schön schnell auszuschalten. Es war den Gegnern anzumerken, dass sie nicht im selben Raum saßen, wie das bei uns der Fall war. Obwohl in unserem Team ein Starcraft-Client im Laufe des Spiels abgestürzt ist, war der Sieg gewiss. Zwei der drei verbliebenen Spieler waren zwar wirklich gut, aber sie sprachen sich nicht ab, was ihnen zusammengeschossene Basen bescherte.
Die Euphorie wurde allerdings schnell zunichtegemacht. Im nächsten Spiel, bei dem wir zehn Minuten auf passende Gegner warten mussten, hatten wir es mit besseren Kontrahenten zu tun. Es war schon beim Ladebildschirm und anhand der Porträts zu erahnen, dass die uns einen nach dem anderen auseinandernehmen würden.
Insgesamt gingen nur zwei der fünf Platzierungsmatches zu unseren Gunsten aus. Aber auch, wenn wir teils haushoch verloren: Es machte sehr viel mehr Spaß als der Kampf gegen die Computergegner, die zwar gut sind, aber nicht menschlich agieren.
Der Onlinespielfluss war meist problemlos. Gelegentlich war zu sehen, dass der ein oder andere Gegner Starcraft 2 auf zu langsamer Hardware oder mit falschen Einstellungen spielte. Meist waren es die Anfänger, die ein Spiel verlangsamten.

Nach der Platzierung landeten wir im unteren Bereich der Bronze-Liga, nahe dem Keller. Gleich in einem der ersten Ligaspiele hatten wir es plötzlich mit einem Profiteam zu tun. Das war so gut eingespielt, dass es durchaus ein Genuss war, auf diese Art und Weise auseinandergenommen zu werden. Wir sind in vorbereitete Fallen gerannt, unsere Arbeiter wurden uns vorzeitig genommen. Uns blieb am Ende – nachdem alle Basen dem Erdboden gleichgemacht waren – nur noch übrig, in einem letzten Schlag zumindest eine Gegnerbasis zu zerstören, was unter Verlust aller Einheiten auch gelang. Dank des Replays schauten wir uns – ziemlich beeindruckt – an, wie wir nach allen Regeln der Kunst vernichtet wurden.
Mit so einem Gegner rechneten wir in unserer Kellerliga nicht. Das hatte Auswirkungen auf die Motivation in den nächsten Onlinekämpfen, bei denen uns selbst mittelprächtige Gegner noch besiegten. Müdigkeit machte sich am zweiten Tag breit – der Kampfeswille war gebrochen. Nach nur zwei Tagen war es also Zeit, wieder abzubauen. Früher spielten wir noch fünf Tage am Stück und Schlaf war zweitrangig.
Starcraft 2 hat sehr viel Spaß gemacht und die kleinen Probleme waren letztendlich unerheblich. Es kam wieder das alte Zockergefühl auf: Schlafmangel, ungesundes Essen und eine eigenartige, kurze Schlafenszeit dazwischen, in der unzählige Zerglinge nichts Besseres zu tun hatten, als meine schöne Protoss-Basis im Traum gleich zweimal zu überrennen. Manche Dinge ändern sich einfach nicht.



