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Spieletest Starcraft 2: Mehr Einzelspielerstrategie geht nicht

Jetzt sind die Terraner dran: In der Kampagne von Starcraft 2 tritt der Spieler als oberster Kriegsherr über die interstellare Armee der Erdlinge an - und folgt einer epischen, größtenteils hervorragend in Szene gesetzten Handlung um Macht, Liebe, Verrat, Protoss und Zerg.
/ Peter Steinlechner
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Ein paar harte Drinks helfen vielleicht, die Sache mit dem Strafzettel wegen Falschparkens zu vergessen. Wer aber die entscheidende Rolle in einem galaktischen Krieg gespielt hat, es vom hochdekorierten Marshall zum Staatsfeind gebracht und die Liebe seines Lebens an eine außerirdische Schleimmonsterrasse verloren hat, der braucht etwas anderes - zum Beispiel eine neue Aufgabe. Jim Raynor geht es so, eine der Hauptfiguren des 1998 veröffentlichten Echtzeit-Strategiespiels Starcraft. Auch in Blizzards frisch an den Start gegangenem Starcraft 2 steht Raynor im Mittelpunkt, ein großer Teil der Kampagne mit ihren 26 Missionen folgt seinem Schicksal beim Kampf gegen die schier übermächtigen Aliens vom Volk der Zerg und das Hightech-Volk der Protoss. Wie es nach dem letzten Einsatz mit der Handlung weitergeht, sollen zwei Erweiterungen erst aus Sicht der Zerg und dann aus Sicht der Protoss erzählen, die nach Angaben von Blizzard voraussichtlich 2011 und 2012 erscheinen.

Starcraft 2 - Test mit Grafikvergleich
Starcraft 2 - Test mit Grafikvergleich (04:44)

Wer noch nie Starcraft gespielt hat, kann sich in einem kurzen Tutorial über die grundlegende Steuerung informieren und dürfte dann kaum noch Schwierigkeiten haben, die ersten Missionen zu überstehen. Die Designer bei Blizzard haben dafür gesorgt, dass der Einstieg in Starcraft 2 sehr einfach ausfällt - selbst in einem höheren der vier Schwierigkeitsgrade, die in der Kampagne außerhalb von Missionen jederzeit neu gewählt werden können. Bei Einsatz fünf oder sechs zieht das Niveau allerdings spürbar an, gegen Mitte bis Ende dürften sich auch erfahrene Strategen nicht unterfordert fühlen.

Eines der Glanzlichter von Starcraft 2 ist das Missionsdesign: Die Entwickler haben für erstaunlich viel Abwechslung gesorgt. Neben klassischen Einsätzen wie dem Verteidigen einer Basis gegen Zerglinge oder dem Erobern gegnerischer Stellungen muss der Spieler im Wettrennen gegen Protoss an bestimmten Altären ein heiliges Gas einsammeln oder intergalaktischen Gütertransport abfangen. An einigen wenigen Stellen scheint sich Blizzard übrigens zum Zeitschinden entschlossen zu haben: So muss der Spieler rund 140 infizierte Gebäude vernichten und dabei im Tag- und Nachtwechsel angreifen beziehungsweise seine Basis verteidigen. Wer kapiert hat, wie das geht, schafft die Mission auf jeden Fall, benötigt aber unnötig lange dafür.

Unter dem Strich jedoch sind die allermeisten Einsätze spannend aufgebaut und spürbar aufwendig von Blizzard auf spielerische Bugs durchgetestet worden. Sie bieten eine gute Mischung aus Bewährtem und frischen Ideen, ohne dass der Spieler sich - wie in einigen Einsätzen der letzten Command & Conquer - mit übertrieben schrägen Möchtegern-Innovationen herumschlagen muss. Nett: Vor einigen Einsätzen darf der Spieler wählen, wie er sie bewältigen möchte. So kann er auf einem Planeten die möglicherweise von einem Zergvirus infizierten Bewohner retten, oder sie im Auftrag der Protoss vernichten. Alles in allem dürften die meisten Spieler zwischen 20 und 30 Stunden für die gesamte Kampagne benötigen.

Nach und nach mehr Einheiten

Eine Handvoll Spacemarines - sehr viel mehr steuert der Spieler im ersten Einsatz der Kampagne nicht. Nach und nach kommen dann immer weitere Einheiten dazu. Erst Infanterie, wie die granatwerfenden Marodeure; dann kommen erste Fahrzeuge, etwa die leichten Hellion-Vehikel mit ihren Flammenwerfern. Etwas später bekommt der Spieler den Befehl über fliegende Einheiten wie die Viking-Jäger, die sowohl in der Luft als auch auf dem Boden agieren können. Ein Großteil der Truppen ist schon aus dem ersten Starcraft bekannt und verwendet beim Klick sogar deren Sprachsamples.

Wer traut sich, in einem Echtzeitstrategiespiel seine Einheiten mit einem Klick auf der Minimap von ganz rechts oben nach links unten zu schicken - und sie dann auf eigene Faust marschieren zu lassen? In dem meisten Spielen bleiben die Truppen irgendwo hängen, verlaufen sich oder nehmen den dümmstmöglichen Weg. In Starcraft 2 haben wir meist andere Erfahrungen gemacht. Die künstliche Intelligenz der Terraner ist unter dem Strich gelungen. Die Wegfindung funktioniert bis auf ganz wenige Ausnahmen sehr gut, auch die Reaktion auf Standardsituationen wie plötzlich auftauchende Gegner. Probleme gab es dann, wenn etwa ein Spacemarine aus der Ferne unter Beschuss genommen wird - da weiß der arme Kerl schlicht nicht, wie er reagieren soll.

Zwischen den Missionen erzählt Starcraft 2 die Handlung rund um Raynor in Zwischensequenzen fort. Die meisten sind aufwendig in der Grafikengine erstellt, ein paar besonders spektakulär vorgerendert. Außerdem muss der Spieler zwischen den Einsätzen jede Menge Entscheidungen treffen: Er kann das Geld, das er auf dem Schlachtfeld verdient hat, in dauerhaft wirksame Verbesserungen für seine Truppen stecken und etwa deren Kampfkraft oder Rüstungswerte verbessern. Und er kann im Labor mit sogenannten Zerg- oder Protoss-Punkten neue Einheiten erforschen und so etwa Zugriff auf den Infernoturm bekommen, der besonders effektiv bei der Verteidigung gegen größere Zerggruppen hilft. Nett: In einer Ecke der Schiffsmesse steht ein Spielautomat, auf dem ein toll gemachtes, spielbares Arcade-Weltraumgeballer läuft. Das trägt übrigens den Namen Lost Viking - fast wie das erste, inhaltlich allerdings ganz anders gelagerte Spiel von Blizzard (das sich damals noch Silicon & Synapse nannte).

Es gibt noch mehr derart netten Kleinkram, den der Spieler jenseits der Missionen erledigen kann. So kann er sich in der Jukebox durch eine Reihe von lizenzierten Musikklassikern hören oder seine Erfolge begutachten. Diese virtuellen Medaillen gibt es übrigens nicht nur für Heldentaten auf dem Schlachtfeld, sondern gelegentlich auch, wenn man etwa im Gespräch etwas über einen der zahlreichen Begleiter von Raynor herausfindet. Dann ist Starcraft 2 sogar fast ein Mini-Adventure.

Dunkelheit und Sand über Dünen

Grafisch erfindet Blizzard das Universum nicht neu - weder bietet Starcraft 2 superfein aufgelöste Texturen, noch irrsinnig polygonreiche Einheiten oder spektakuläre neue Effekte. Trotzdem sieht das Spiel gut aus: sauber animiert und sehr liebevoll in Szene gesetzt. In fast jeder Mission gibt es neue Landschaften zu entdecken, die Palette reicht vom rotglühenden Lavaplaneten bis zur lauschigen Dschungelwelt. Erst wer länger spielt, bekommt die vielen sehenswerten Details zu Gesicht, etwa wie sich in der einen Mission ganz langsam nächtliche Dunkelheit breitmacht, oder wie woanders Sand vom Wind über Dünen geweht wird.

Die Windows-Version von Starcraft 2 benötigt XP, Vista oder 7 und DirectX 9.0c. Als Prozessor muss mindestens ein Intel Pentium 4 oder AMD Athlon mit 2,6 GHz vorhanden sein, Blizzard empfiehlt für bestmöglichen Spielspaß einen Zwei-Kern-Prozessor mit 2,4 GHz. Die Grafikkarte muss über 128 MByte Speicher und PCI-Express verfügen, als Beispiele empfehlen die Entwickler eine Nvidia Geforce 6600 GT oder ATI Radeon 9800 Pro. Wer alle Details sehen will, sollte eine Grafikkarte mit 512 MByte Speicher besitzen - mindestens eine Nvidia Geforce 8800 GTX oder ATI Radeon HD 3870. Unter Windows XP genügt 1 GByte RAM, unter Vista und 7 müssen es 1,5 GByte Arbeitsspeicher sein. Für das Optimum empfiehlt Blizzard 2 GByte. Auf ATI-Karten unterstützt Starcraft 2 noch keine Kantenglättung - ATI arbeitet an einer entsprechend erweiterten Version seiner Treiber.

Mac-User müssen über Mac OS X 10.5.8, 10.6.2 oder eine neuere Version verfügen, bei der Grafikkarte muss es sich mindestens um eine Nvidia Geforce 8600M GT oder eine ATI Radeon X1600 handeln. Der Prozessor sollte ein Intel Core 2 Duo sein, an Arbeitsspeicher müssen mindestens 4 GByte RAM bereitstehen. Als optimale Grafikkarte empfiehlt Blizzard etwa eine Nvidia Geforce 9600M GT oder eine ATI Radeon HD 4670. Dazu kommen unter Windows ebenso wie unter Mac OS rund 12 GByte freier Festplattenplatz sowie eine Breitband-Onlineverbindung.

Einen Kopierschutz im engeren Sinne verwendet Starcraft 2 nicht, die DVD kann gleich nach der Installation wieder raus aus dem Laufwerk. Stattdessen muss der Spieler über einen Battle.net-Account verfügen und dort den Code aus der Verpackung eingeben, der fest mit dem Nutzerkonto verbunden wird - ein Weiterverkauf des Spiels ist anschließend unmöglich. Ohne Internetverbindung kann der Spieler ausschließlich im Einzelspielermodus antreten. Speicherstände legt Starcraft 2 auf der lokalen Festplatte ab, den Fortschritt in der Kampagne - also welche Missionen bewältigt sind und welche als Nächstes anstehen - auch im Internet. Es ist also möglich, den Client auf einem anderen Rechner oder unter einem anderen Betriebssystem einzurichten und dort mit dem nächsten noch nicht bewältigten Einsatz fortzufahren.

US-Stimmen klingen kerniger

Die deutsche Version enthält eine nur teilweise gut lokalisierte Sprachausgabe - sogar die Texte in allen Zwischensequenzen hat Blizzard aufwendig übersetzt. Allerdings klingen einige der Stimmen im US-Original deutlich lebendiger. Wer mag, kann sich auch hierzulande über das Battle.net die rund 7 GByte große englische Fassung auf seinen Rechner laden.

Starcraft 2 Mitternachtsverkauf, Berlin - Reportage
Starcraft 2 Mitternachtsverkauf, Berlin - Reportage (03:31)

Starcraft 2 lief im Test auf unterschiedlichsten Rechnern äußerst stabil, eine kleine Liste mit Bugs hat Blizzard(öffnet im neuen Fenster) selbst veröffentlicht. Hinzufügen möchten wir, dass das Spiel bei unterbrochener Datenleitung zum Battle.net keine Warnung anzeigt und der automatisch angelegte Kampagnenfortschritt möglicherweise nicht korrekt eingetragen wird - sprich: Der Spieler muss schlimmstenfalls eine oder mehrere Missionen wiederholen; regelmäßiges manuelles Speichern löst das Problem. Blizzard hat für das Programm eine unverbindliche Preisempfehlung von knapp 60 Euro ausgegeben, die meisten Händler verlangen aber nur 40 Euro. Die USK hat eine Freigabe ab zwölf Jahren erteilt; Schnitte sind nicht vorhanden.

Neben der Kampagne verfügt Starcraft 2 über einen extrem umfangreichen Multiplayermodus, in dem Spieler auf 61 Maps antreten und weitere mit Hilfe des Editors basteln können. Über die Feinheiten der Mehrspielerschlachten plant Golem.de einen separaten Artikel.

Fazit

Man könnte Blizzard den Vorwurf machen, dass Starcraft 2 das Echtzeit-Strategiespielgenre nicht neu erfindet oder dass die Grafik keine neuen Maßstäbe setzt. Aber mal ganz ehrlich: Die Designer waren gut beraten, hier einen etwas konservativen Ansatz zu wählen. Das Programm spielt und steuert sich im Großen und Ganzen wie der Vorgänger - gut so, denn der ist zu Recht ein Klassiker. Für Aha-Effekte sorgen vor allem die Handlung und der viele Kleinkram zwischen den Einsätzen, für Abwechslung im Spiel und langfristige Motivation sind die Missionen zuständig. Was Blizzard sich an Szenarien und Aufgaben ausgedacht hat, macht richtig Spaß - meistens jedenfalls, an einigen wenigen Stellen hätten die Designer das Ganze ruhig straffen können.

Schön auch, dass nur der Anfang der Kampagne einsteigerkompatibel ist und später selbst erfahrene Strategen ganz schön gefordert werden, insbesondere auf den höheren Schwierigkeitsgraden. Wer also überlegt, ob sich die Anschaffung von Starcraft 2 aus Einzelspielersicht lohnt: Ja, die Abenteuer im All machen richtig Spaß. Und dann ist da ja noch der Multiplayermodus...


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