Kernfusion: Forschungsreaktor Iter in Finanznot

Es ist eines der größten und ehrgeizigsten Forschungsprojekte der Welt: Im Fusionsreaktor International Thermonuclear Experimental Reactor(öffnet im neuen Fenster) (Iter), der im südfranzösischen Cadarache entsteht, soll die Energiegewinnung der Zukunft getestet werden: Wasserstoffkerne werden zu Helium fusioniert. Die frei werdende Energie ist immens – der Aufwand auch: Der Wasserstoff muss auf bis zu 200 Millionen Grad aufgeheizt werden, damit die Kerne verschmelzen können.
Magnetfelder halten das Plasma
Der Wasserstoff geht in den Aggregatzustand des Plasmas über. Damit das Plasma nicht die Wand der Reaktorkammer berührt und wieder abkühlt, wird es von starken Magnetfeldern gehalten. Verschmelzen zwei Wasserstoffkerne zu einem Heliumkern, wird Energie freigesetzt. Die soll dazu genutzt werden, Dampf zu erzeugen, um Turbinen anzutreiben. Bei bisherigen Versuchen mit der Kernfusion wurde allerdings mehr Energie hineingesteckt als freigesetzt wurde. Der Iter soll der erste Fusionsreaktor sein, der mehr Energie freisetzt, als zum Heizen gebraucht wird.

Dieser Aufwand spiegelt sich in den Kosten für die Anlage wider: Auf 15 Milliarden Euro werden die Kosten inzwischen geschätzt. Das ist dreimal so viel wie ursprünglich veranschlagt. Um das Geld aufzubringen, hat sich ein Konsortium zusammengefunden; es besteht aus der europäischen Union, China, Indien, Japan, Russland, den USA und Südkorea.
Hohe Kosten für Europa
Der größte Anteil der Kosten bleibt an den Europäern hängen: Sie sollen 7,2 Milliarden Euro beisteuern. Doch in wirtschaftlich schlechten Zeiten sinkt die Bereitschaft der Beteiligten, das Geld aufzubringen. Die Europäer beraten schon seit einiger Zeit, wo sie das Geld hernehmen sollen. Deutschlands Forschungsministerin Annette Schavan stellte kürzlich klar, Deutschland wolle die Fusion nicht um jeden Preis. Der ist in der Tat recht hoch: Deutschland soll allein 1,2 Milliarden Euro bezahlen.


Ein Grund für die Kostenexplosion ist eine ineffiziente Organisation: Das Projekt wird nicht wie beispielsweise beim Bau des Large Hadron Colliders aus einer zentralen Kasse finanziert, in die alle einzahlen. Stattdessen wird jeder Beteiligte Komponenten bauen und nach Frankreich liefern, wo sie dann montiert werden sollen.
Teures Material
Hinzu kommen nationale Befindlichkeiten, die abgegolten werden müssen: So verlangte Japan eine Entschädigung in Form eines eigenen Forschungsreaktors dafür, dass der Iter nicht dort gebaut wird. Und noch ein Grund dafür, dass der Iter so viel teurer wird als geplant, liegt darin, dass die Kosten für die benötigten Materialien, vor allem für Metall, gestiegen sind und dass einige Pläne überarbeitet werden mussten.
Kernfusion braucht Zeit
Manch einer sieht bereits schwarz für die Zukunft des Projekts: "Das ist eine echte Krise" , sagte Stephen Dean, Chef der US-Lobbygruppe für Kernfusion, der Wochenzeitung Zeit(öffnet im neuen Fenster) . Nun stelle sich die Frage, ob die Fusionsenergie überhaupt zu bezahlen sei.
Treffen ohne Ergebnis
Heute ist ein Treffen von Vertretern der sieben Konsortiumsmitglieder im chinesischen Suzhou zu Ende gegangen. Auf der Tagesordnung stand vor allem die Finanzierung. Es ging aber auch um die Organisation des Projekts. Eine Lösung der Probleme fanden sie offensichtlich nicht: Es wurde ein neues Treffen anberaumt, das Ende Juli in Cadarache stattfinden soll. Dann sollen laut Iter alle Delegationen "in der Lage sein, die Diskussionen um die nächsten Projektschritte abzuschließen" .


Am künftigen Standort können sich die Delegierten dann auch gleich vom Beginn der Bauarbeiten überzeugen. Im Juli sollen nämlich laut Iter die Ausschachtungsarbeiten beginnen. Eigentlich hätte der Baubeginn schon 2009 sein sollen. Derzeit ist in Südfrankreich jedoch nur ein planiertes Gelände zu sehen. Entsprechend verschieben sich auch die Voraussagen, wann der Reaktor in Betrieb gehen soll: Geplant war das Jahr 2018. Inzwischen ist die Rede von 2026. Eine kommerzielle Nutzung der Fusionsenergie scheint erst in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts realistisch.
Hybridreaktor als Lösung?
Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, forschen einige der beteiligten Länder, allen voran China, an Hybridreaktoren. Das sind Reaktoren, in denen Kernfusion und -spaltung stattfindet: Bei der Fusion frei werdende Neutronen sollen die Kernspaltung anregen. Als Spaltmaterial könnte dabei niedrig angereichertes Uran, Thorium oder sogar Atommüll dienen. In etwa zehn Jahren will China einen ersten Forschungshybridreaktor in Betrieb nehmen.