Micropayment: Wie Kachingle mit Kleingeld die Welt verändern will

Man hatte sie gewarnt, in Deutschland brauchten die Dinge im Internet immer sehr viel Zeit. "Stimmt gar nicht!" , sagt die US-Amerikanerin Cynthia Typaldos bei ihrem Besuch bei Golem.de. Sie ist Gründerin des Micropaymentdienstes Kachingle(öffnet im neuen Fenster) , der seine Basis im Silicon Valley hat. Kachingle gibt es seit Ende vergangenen Jahres, die Betaphase ist mittlerweile abgeschlossen und ausgerechnet besonders viel Deutsche interessieren sich dafür.

Von den 219 Top-Sites(öffnet im neuen Fenster) , die schon einen Kachingle-Button haben und Geld über den Dienst bekommen, liegt das deutsche Blog Carta.info(öffnet im neuen Fenster) mit etwa 70 Unterstützern auf Platz eins. "Von unseren erfahrenen Mitarbeitern haben vier europäische Wurzeln, drei davon sind ursprünglich aus Deutschland" , erzählt Typaldos, als könnte das die deutsche Vorreiterrolle erklären. Doch sie vermutet noch einen anderen Grund: "Den Amerikanern geht es immer nur darum, das große Geld zu machen" .
Das kleine Geld machen
Zwar geht es bei Kachingle durchaus darum, Geld zu machen, doch es ist eher das kleine Geld. Wer mitmachen will, zahlt unterschiedslos fünf US-Dollar pro Monat für eine Art Abonnement. Dieses Geld wird anschließend an die Internetangebote verteilt, auf denen der Nutzer einen Kachingle-Button aktiviert, weil ihm etwas gefällt. Wie viel eine Seite von den fünf Dollar bekommt, hängt davon ab, an wie vielen Tagen der Nutzer wiederkommt. "Ein einfacher Algorithmus, der auf Besuchstagen basiert" , beschreibt Typaldos. Carta hat immerhin knapp über 200 US-Dollar eingenommen, wie – Transparenz muss sein – "auf den Penny genau" öffentlich nachzulesen ist.
Kachingle versus Flattr
Kachingle ist also ein Mikrobezahlsystem, das Flattr(öffnet im neuen Fenster) sehr ähnlich ist. Flattr hat der The-Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde erfunden und auf der diesjährigen Re:publica in Deutschland vorgestellt. Die beiden Angebote unterscheiden sich in praktischen Details: Bei Flattr lässt sich jeder einzelne Artikel mit einer kleinen Summe bedenken – bis hin zum Facebook-Eintrag. Bei Kachingle hingegen wird eine Seite, die der Nutzer wiederholt besucht, als Ganzes unterstützt.

Typaldos ist dieser Unterschied wichtig, weil ihr Dienst einen gesellschaftlichen Aspekt haben soll. Denn wenn ein Nutzer über Kachingle Geld verteilt, kann er das zwar anonym tun, aber eigentlich soll er allen anderen zeigen, wen er unterstützt. Er arbeitet also so an seinem Image, "eine Onlinepersönlichkeit aufzubauen" , nennt Typaldos das. Er präsentiert sich nicht nur als ideeller Unterstützer, sondern teilt "der Welt" mit, dass er sogar bereit ist, freiwillig Geld auszugeben; wenn er will, kann er das auch über Twitter und Facebook verbreiten. Das wiederum, so die Logik, regt andere dazu an, es ihm nachzutun. "Am Ende wollen das alle überall auf der Welt tun" , glaubt sie.
Beide Systeme behalten übrigens von dem Geld, das der Nutzer einzahlt, "Transaktionskosten" . Bei Flattr sind es derzeit zehn Prozent, bei Kachingle 15 Prozent, die hier zwischen dem Betreiber und Paypal aufgeteilt werden.
Freiwilligkeit statt Bezahlschranken
Beim Prinzip der Freiwilligkeit sind sich Flattr-Gründer Sunde und Kachingle-Erfinderin Typaldos aber ganz einig. Von spannenden Inhalten, die hinter Bezahlschranken versteckt werden, halten sie nichts. "Für die meisten wird das nicht funktionieren" , sagt Typaldos mit Blick auf Verleger, die verstärkt über Bezahlinhalte nachdenken. Der Traffic sinke, die Werbeeinnahmen ebenso, kurz: "Die meisten werden es bereuen" .
Ihrer Auffassung nach werden die Mikrobezahlsysteme die Werbefinanzierung im Internet zwar nicht ersetzen, aber zumindest ergänzen. "Investigativer Journalismus lässt sich zum Beispiel nur schlecht durch Werbung für Kühlschränke bezahlen" , sagt sie. Doch da die Nutzer solche Inhalte lesen wollten, könnten sie durch ihre Beiträge zur Finanzierung von Reportern beitragen.
Zunächst aber muss der Markt für freiwillige Mikrobezahlsysteme überhaupt etabliert werden. Deswegen heißt Typaldos Konkurrenten wie Flattr als Mitstreiter durchaus willkommen. Der Schwede Sunde hatte im April zu seinen Erfolgsaussichten Golem.de gesagt: "Ob es klappt oder nicht, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, es überhaupt zu versuchen" . Typaldos formuliert es mit typisch amerikanischer Bescheidenheit ein wenig anders: "Kachingle kann genutzt werden, um die Welt zu verändern" .