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Spieletest Alpha Protocol: Agentenkrimi für Entscheider

Rollenspiel funktioniert auch ohne Fantasy und Science-Fiction: In Alpha Protocol soll der Spieler die Drahtzieher eines Terrorangriffs finden und ausschalten. Mit seinen Entscheidungen kann er die Handlung stärker bestimmen als in den meisten anderen Spielen.
/ Peter Steinlechner
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Jage ich dem arabischen Terroristen eine Kugel in den Kopf, oder höre ich mir seine Version der Geschichte an und verbünde mich dann mit ihm? Schleiche ich mich durch die CIA-Niederlassung in Rom, oder erschieße ich die Wachleute? Flirte ich mit meiner bildhübschen Vorgesetzten Mina, oder halte ich professionelle Distanz und erledige einfach nur den Job? Vor solchen Entscheidungen steht der Spieler im Rollenspiel Alpha Protocol regelmäßig. Nur das große Ziel scheint klar: Nach einem Anschlag auf ein Passagierflugzeug muss Agent Michael Thorton die Attentäter finden und unschädlich machen.

Alpha Protocol – Test von Golem.de
Alpha Protocol – Test von Golem.de (04:29)

Das Actionrollenspiel Alpha Protocol, von Obsidian Entertainment für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC produziert, erinnert spielerisch an Titel wie Mass Effect – zumindest anfangs. Der Spieler erstellt direkt nach dem Start seinen Charakter, dann erzählen Zwischensequenzen und interaktive Dialoge die Handlung. In den eigentlichen Einsätzen steuert der Spieler sein Alter Ego aus der Schulterperspektive durch lineare Levels. Dort legt er sich mit Wachleuten, Agenten und gelegentlich einem Oberboss an, beispielsweise einem Schützenpanzer.

Die meiste Zeit verbringt der Spieler in Alpha Protocol in Missionen, die unter anderem im arabischen Raum, in Rom und in Taipeh stattfinden. Als Thornton kann er meist entscheiden, ob er im Nahkampf antritt, sich mit Waffengewalt den Weg durch Gegnerscharen ballert oder ob er versucht, sich an Wachleuten oder Videokameras vorbeizuschleichen. Thornton verfügt dazu über ein paar Spezialfähigkeiten: Insbesondere die Möglichkeit, die Position von Feinden auch durch Türen und Wände zu sehen, entpuppt sich als sehr hilfreich.

Grafik für Kontaktlinsenträger

Für weniger Freude sorgen ein paar Designmängel: So existieren zu wenig Speicherpunkte, und die sind auch noch ungünstig positioniert; sogar in der PC-Version ist kein manuelles Speichern möglich. Um außerdem mit Pistole, Schrotflinte oder Sturmgewehr zu zielen, muss der Spieler seinen Protagonisten gelegentlich gegen jede Intuition positionieren. Und wer – beispielsweise um seine Gesundheit wieder aufzufüllen – versehentlich einen Levelabschnitt verlässt, findet bei der Rückkehr alle Gegner putzmunter wieder neu vor.

Die größte Stärke von Alpha Protocol fällt anfangs kaum auf, im Verlauf dann aber immer mehr: Mike Thornton beeinflusst mit seinen Entscheidungen den Fortgang der Geschehnisse stärker als in vergleichbaren Titeln. Das macht er vor allem im Dialogsystem: Während die Unterhaltungen – harmlose Plaudereien ebenso wie Verhöre mit vorgehaltener Waffe – ablaufen, kann der Spieler immer wieder das Verhalten von Thornton beeinflussen. Unter Zeitdruck bestimmt er durch Knopfdruck, dass sich der Agent aggressiv verhält, neugierig nachfragt, Witze reißt oder ablehnend reagiert – und gelegentlich sogar, dass er sein Gegenüber spontan exekutiert.

Der überwiegende Rest des Rollenspielsystems entspricht den Genrestandards: Nach und nach lassen sich die Fertigkeiten von Thornton ausbauen, etwa der Umgang mit bestimmten Schießprügeln oder seine Schleich- und Tarnfähigkeiten. Außerdem gibt es ein sehr umfangreiches Waffen- und Zubehörsystem: Mit genug Kleingeld lässt sich auch eine einfache Pistole zur Hightech-Knarre aufrüsten.

Grafisch macht Alpha Protocol trotz Unreal-Engine keine allzu gute Figur. Die Zwischensequenzen sehen okay aus und sind gut animiert und geschnitten. In den Missionen selbst geben aber oft matschige Texturen, künstliche Farben und Umgebungen mit sehr wenigen Details den Ton an. Fast schon lächerlich unglaubwürdig wirkt die Tiefenunschärfe: Wenn das Programm den Fokus von nah auf fern wechselt, wirkt das, als ob sich Thornton mitten im Einsatz mit verrutschenden Kontaktlinsen herumärgern muss.

Kopierschutz kein Problem für Agenten

Die PC-Fassung hat ein paar besondere Probleme: Die Steuerung per Maus und Tastatur ist miserabel angepasst, was das Knacken von Computern und Schlössern angeht. Zwar lässt sich ein Xbox-360-Controller anschließen, mit dem verzichtet der Spieler aber auf die bessere Kampfsteuerung – und ständig hin- und herwechseln macht auch wenig Spaß. Immerhin sind die Hardwareanforderungen nicht allzu hoch: Ein PC mit einer 2,6-GHz-CPU und 1 GByte RAM unter Windows XP oder 2 unter Vista oder 7 plus einer Grafikkarte ab Geforce 6800 GT oder ATI 1300 XT reichen aus. Auf der Festplatte belegt das Programm 12 GByte.

Als Kopierschutz hat sich Publisher Sega für das Unicok-DRM-System entschieden. Das Spiel muss einmalig online aktiviert werden, dann ist keine Verbindung zum Internet mehr nötig. Es kann gleichzeitig auf fünf Rechnern eingerichtet sein, einzelne Installationen lassen sich deaktivieren.

Alpha Protocol kostet für Xbox 360 und Playstation 3 rund 50 Euro, die Windows-Version ist für rund 40 Euro zu haben. Auch die deutsche Version enthält ausschließlich die – sehr gute – englische Sprachausgabe und blendet dazu – nur mäßig gut anpasste – Untertitel ein. Die USK hat das Spiel ohne Schnitte ab 16 Jahren freigegeben.

Fazit

Alpha Protocol hat ein paar magische Momente, in denen der Spieler mit offenem Mund vor dem Monitor sitzt und staunt: "Wow, dass so was möglich ist in einem Spiel..." Allerdings haben diese Momente fast ausschließlich mit Entscheidungen innerhalb der Handlung und mit dem innovativen Dialogsystem zu tun – und leider so gut wie nie mit dem Kern des Spiels, den eigentlichen Einsätzen. Die bieten leider meist nur lineare, nicht besonders spannend inszenierte und grafisch veraltete Schleich- und Schießaction. Das sorgt dafür, dass Alpha Protocol seltsam unausgewogen wirkt: klasse Story und Rollenspiel – und bestenfalls mäßige Missionen.


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