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Seagate Momentus XT: SSD-Tempo zum Preis einer Festplatte?

Die Hybrid-Festplatten sind wieder da: Seagate kombiniert in seinem 2,5-Zoll-Laufwerk "Momentus XT" bis zu 500 GByte Festplattenplatz mit 4 GByte schnellem SLC-Flashspeicher. Die Laufwerke, die bereits ab rund 100 Euro erhältlich sein sollen, kommen nahe an die Geschwindigkeit einer SSD der Mittelklasse heran.
/ Nico Ernst
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Nachdem die ersten Hybrid-Festplatten 2007 wegen zu geringer Leistungsvorteile gescheitert waren, wagt Seagate nun als erster Hersteller einen neuen Versuch. Das Konzept ist jedoch deutlich anders als bei den ersten Hybriden, die für Notebooks mit Windows Vista sogar zum Standard werden sollten.

Seagates Hybrid-Festplatte Momentus XT im Vergleich
Seagates Hybrid-Festplatte Momentus XT im Vergleich (00:54)

Bei diesen Geräten stand das Stromsparen im Vordergrund – nur waren die maximal 256 MByte Flash-Speicher so klein, dass die Laufwerke mit Windows Vista ihren Motor fast nie abschalten konnten. Die Einsparungen und die Geschwindigkeitsvorteile bewegten sich bei diesen ersten Hybrid-Festplatten im Rahmen der Messtoleranzen. Zudem wurden die Laufwerke von Vista über den Readydrive-Mechanismus gesteuert.

Nicht viel besser erging es auch Intels " Turbo Memory ", das den gleichen Effekt mit einem Flash-Modul (Codename: Robson) auf dem Notebook erreichen sollte. Das sah in Demos immer gut aus, kaum ein Notebookhersteller verbaute die bis zu 1 GByte großen Module aber, weil sie für ihren Aufpreis zu wenige Vorteile boten.

Für jedes Betriebssystem transparent soll nun Seagates "Adaptive Memory" arbeiten, die Technik ist daher auch nicht auf Treiber angewiesen. Für das OS verhält sich die Momentus XT wie eine herkömmliche Festplatte mit SATA-Schnittstelle (3 GBit/s). Ein eigener Algorithmus speichert aber häufig gelesene Daten nicht nur auf den Magnetscheiben, sondern auch in einem 4 GByte großen Flash-Speicher. Dieser besteht aus SLC-Bausteinen, wie sie auch auf sehr schnellen SSD wie Intels Extreme-Serie zum Einsatz kommen.

Single-Level-Cells sind teurer in der Herstellung, aber beim Lesen und Schreiben schneller als die günstigeren Multi-Level-Cells. Zudem sind sie langlebiger, die Flash-Hersteller geben typischerweise 100.000 Schreibvorgänge pro Zelle an. Durch Wear-Levelling-Algorithmen nutzt sich SLC-Flash kaum ab. Seagates Marketingmanager Mark Wojtasiak erklärte bei der Vorstellung der Momentus XT in München, beim täglichen Schreiben von 250 GByte sollen die Laufwerke mindestens fünf Jahre durchhalten. So lange läuft auch die Garantie von Seagate für diese Geräte.

Adaptive Memory: selbst lernender Cache

Das Adaptive Memory funktioniert auf der Ebene der Blöcke der Festplatte: Was häufig gelesen wird, landet im Flash. Die Algorithmen brauchen dafür aber etwas Training, beim ersten Bootvorgang eines frisch auf die Momentus XT kopierten Windows-Images stellt sich noch keine Beschleunigung ein, spätestens aber nach dem dritten Neustart des Systems. Gleiches gilt laut Seagate auch für Anwendungen, die nach einigen Tagen deutlich schneller starten sollen.

Ein anderer Seagate-Mitarbeiter berichtete, sein mit Autostartprogrammen vollgestopftes Windows XP brauchte nach dem Wechsel auf das neue Laufwerk zum Starten nur noch 2,5 statt vorher 5 Minuten. Durch diesen Lerneffekt sind auch übliche Benchmarks auf der Momentus XT erst nach mehreren Durchläufen schneller, blockweises Lesen von kleinen Dateien fängt der Flash-Speicher sogar vollständig ab, so dass sich dabei praxisferne Werte ergeben.

Besser zeigen den Lerneffekt von Adaptive Memory laut Seagate Benchmarks, die tatsächlich mit Dateien des Betriebssystems und den Anwendungen umgehen. Ein solcher ist die HDD Suite aus PCMark Vantage, die vom Booten über das Starten von Programmen reproduzierbar das tut, was auch der Anwender macht. Auf Seagates Testnotebook stieg der Wert des Tests von unter 4.000 auf knapp 7.000 Punkte – allerdings erst nach vier Durchläufen; bereits beim zweiten Test gab es aber die größte Steigerung auf über 6.000 Punkte.

Seagate führte die Momentus XT im Vergleich mit Intels SSD X25-M (Postville) und einer hauseigenen Momentus 7200.4 auch mit einem Skript vor. Dieses wurde direkt nach dem Booten von Windows 7 auf sonst identischen Asus-Notebooks aus der Serie G73 per Autostart ausgeführt. Das Skript startete danach mehrere Anwendungen wie Adobe Premiere Elements, Crysis Warhead und iTunes. Der Rechner mit der SSD war damit nach rund zweieinhalb Minuten fertig.

Nur gut 20 Sekunden länger brauchte das Notebook mit der Hybrid-Festplatte, der Rechner mit der Festplatte ohne Flash-Cache war erst nach knapp vier Minuten fertig. Damit ist die Momentus XT nur wenig langsamer als eine Mittelklasse-SSD, aber in etwa ein Drittel schneller als Notebookfestplatten mit 7.200 U/Min.

Kein Eingriff durch den Anwender möglich

Seagates Vorführung erinnerte zwar sehr an Intels Demos von Turbo-Memory, beim anschließenden manuellen Start von Programmen zeigte die Momentus XT aber tatsächlich ein Verhalten, wie es von SSDs gewohnt ist: Die Anwendungen wurden blitzschnell geladen. Zumindest mit häufig verwendeten Programmen sollte sich so in der Praxis ein echter Vorteil ergeben.

Der größte Nachteil von Adaptive Memory ist nach bisherigem Stand nämlich, dass der Anwender keinerlei Einfluss darauf hat, was in den Flash-Cache geschrieben wird und was nicht. Ein Programm, um etwa selten benötigte, aber große Programme wie Videoschnitt-Tools in die 4 GByte zu zwingen, stellt Seagate nicht zur Verfügung. Auch große Brocken wie die Auslagerungsdatei aus dem Cache zu verbannen, um Platz für anderes zu schaffen, ist nicht möglich.

Wie Mark Wojtasiak im Gespräch mit Golem.de erklärte, sollen solche Einflussmöglichkeiten erst mit der nächsten Generation von Seagates Hybrid-Festplatten in Erwägung gezogen werden. Für den Datenschutz gibt es schon einen Workaround: Wenn eine gebrauchte Momentus XT vor einem Verkauf mit den Seatools low-level-formatiert wird, ist anschließend auch der Inhalt des Flashspeichers gelöscht.

Beim Schreiben hilft der Flash-Speicher nicht. Da die Magnetscheiben der Momentus XT aber mit 7.200 Umdrehungen pro Minute rotieren und der Cache gegenüber Seagates früheren 7200-U/Min.-Festplatten auf 32 MByte verdoppelt wurde, verspricht sich der Hersteller eine höhere Leistung als bei der Vorgängergeneration Momentus 7200.4. In den Außenbereichen der Festplatte sollen Lesen und Schreiben mit rund 100 MByte pro Sekunde möglich sein.

Bei der Leistungsaufnahme liegen auch schnelle Notebookfestplatten inzwischen nicht mehr weit über älteren Laufwerken mit geringerer Drehzahl. So gibt auch Seagate 0,8 Watt im Ruhezustand bei eingeschaltetem Motor an, beim Lesen oder Schreiben sollen es um 1,5 Watt sein. Das liegt im Bereich mancher aktueller Festplatten mit 5.400 U/Min., es gibt aber auch deutlich sparsamere Geräte wie die Spinpoint M7 von Samsung. Obwohl die Momentus XT damit nichts für Mobilrechner ist, die besonders lange laufen sollen, passt sie dennoch auch in besonders kompakte Geräte: Die Bauhöhe liegt bei den üblichen 9,5 Millimetern. Für Subnotebooks gibt es auch Slim-Festplatten mit 7 Millimetern, dies aber bisher nur mit 250 GByte Kapazität.

30 bis 40 Euro teurer

Für unabhängige Tests hat Seagate das neue Laufwerk bisher nur einigen US-Medien zur Verfügung gestellt, darunter Anandtech(öffnet im neuen Fenster) und Toms Hardware(öffnet im neuen Fenster) . Die Ergebnisse hängen von der Art des Benchmarks ab: Bei Low-Level-Tests ist die Momentus XT so schnell wie andere 7.200-U/Min.-Festplatten oder liefert aus dem Flash-Cache viel zu hohe Werte. Mit PCMark Vantage und praktischen Aufgaben liegt sie im Rahmen der Erwartungen und reicht bisweilen knapp an SSDs heran.

Da Seagate mit seinen neuen Hybriden die Vorteile von SSDs zum Preis von Festplatten anbieten will, spielen die Kosten eine besondere Rolle. Für die drei Kapazitäten von 250, 320 und 500 GByte gibt Seagate bisher nur US-Preisempfehlungen von 113, 122 und 165 Dollar an. Einige deutsche Händler listen die Laufwerke bereits, sie kosten im Schnitt rund 95, 100 und 130 Euro.

Damit lässt sich Seagate, gemessen an der Kapazität herkömmlicher Laufwerke mit 7.200 U/Min., die höhere Geschwindigkeit mit Aufpreisen von 30 bis 40 Euro bezahlen. Das erscheint zunächst wie ein hoher Zuschlag, relativiert sich aber beim Vergleich mit Mittelklasse-SSDs: Bei praxisgerechten Größen von 64 bis 80 GByte, auf die Betriebssystem, Anwendungen und einige Nutzdaten passen, sind SSDs erst ab rund 150 Euro erhältlich, größere und schnellere Laufwerke kosten ein Mehrfaches. 250 GByte SSD-Platz gibt es erst ab rund 700 Euro und damit für den siebenfachen Preis der gleich großen Momentus XT.

Wenn das Konzept der Hybrid-Festplatte im zweiten Versuch erfolgreich ist, will Seagate es auch für 3,5-Zoll-Laufwerke anbieten. Für Notebooks erschien dem Hersteller das Konzept bisher am wichtigsten: Diese Geräte lassen sich vom Anwender nicht immer ohne weiteres aufrüsten, und zudem wächst der Markt für Notebooks schon seit Jahren stärker als der für Desktop-PCs. Als bisher einziger Hersteller hat Asus bereits angekündigt, die Momentus XT in seinem mobilen Gaming-Rechner G73 verbauen zu wollen.


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