Spieletest Alan Wake: Übersinnliche Thriller-Erfahrung
Eigentlich wollte der erfolgreiche Schriftsteller Alan Wake nur Urlaub machen: raus aus der Großstadt, rein ins verschlafene Nest. Kraft und Ideen für den neuen Roman sammeln. Doch entspannend verläuft der Ausflug nicht. Es beginnt schon damit, dass die Bewohner des Feriendomizils Bright Falls allesamt ein wenig merkwürdig und eigen sind. Und die dichten Wälder und die malerische Natur wirken bei genauem Hinsehen eher unheimlich als erholsam. Richtig brenzlig wird die Lage, als Alans Ehefrau nach einem Streit verschwindet – offenbar ist sie entführt worden. Ihre Hilfeschreie hört er noch, danach verliert sich ihre Spur, ohne dass Alan wüsste, wer dahinterstecken könnte.

Die Serie von Problemen reißt auch danach nicht ab: Wake kann sich an die Geschehnisse seit der Entführung nicht erinnern. Nach dem Verschwinden seiner Frau erwacht er selbst im Wrack seines Autos tief im Wald, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Zu allem Überfluss tauchen nach und nach immer weitere Kapitel seines neuen Buches auf, verstreut in der Umgebung. Dumm nur, dass Wake bisher keine einzige Seite getippt hat. Auf mysteriöse Weise wird aus dem geschriebenen Wort blutiger Ernst. Was Wake eben noch wie ein unheimlicher Albtraum erschien, ist ein paar Minuten später düstere Realität.
Im Gegensatz zu anderen Horror- und Gruseltiteln setzt Alan Wake auf ein eher moderates Tempo und reduzierte Schockeffekte. Eine durchgängig bedrohliche Stimmung mit düsteren Nachtspaziergängen, eine sich verengende Wahrnehmung, viele stimmungsfördernde Details wie im Hintergrund laufende und Wake betreffende Radio- und TV-Sendungen und seltsame Naturphänomene waren Remedy wichtiger als einzelne überraschende Momente. Der Spieler soll sich lieber kontinuierlich unwohl fühlen, als durch punktuelle Adrenalinstöße aus dem Trott gerissen zu werden.
Das Spiel erinnert darin an verschiedene TV-Serien. Vor allem an Twin Peaks mit seinen trügerisch schönen Naturbildern oder seinem Diner, der von seltsamen, oft mysteriöse Dinge vor sich hinbrabbelnden Menschen besucht ist. Auch Akte X mit ihren immer wieder überraschenden übersinnlichen Phänomenen lieferte offensichtlich Input für das Spiel. Nicht zu vergessen eine gute Prise Stephen King: Wer Shining oder Stark gelesen hat, wird sich daran erinnert fühlen, zumal Wake in seinen im Spiel immer wieder vertonten Gedanken selbst King zitiert.
Gezielte Lichtkegellähmung
Auch spielerisch hat sich Remedy bemüht, keine Einheitskost zu liefern. Dank dem genreprägenden Max Payne mit seiner Bullet Time waren die Erwartungen an das seit Jahren in Entwicklung befindliche Alan Wake hoch. Diesmal haben sich die Entwickler entschieden, dem Licht eine ganz besondere Bedeutung zukommen zu lassen. Ein Großteil der Spielzeit findet nachts statt – und die Dunkelheit ist Wakes größter Feind.
Aus der finsteren Nacht stürmen die Gegner auf ihn ein, im schwarzen Nichts lauern übersinnliche Gefahren, oder Gegenstände bis hin zu Maschinen und Traktoren, die sich wie von Geisterhand auf ihn stürzen. Einzige Rettung ist das Licht – einerseits in Form von hellen Punkten und Lichtquellen, die Wake immer wieder den Weg durch die Level zeigen, andererseits vor allem in Form seiner Taschenlampe, mit der er Gefahren erfassen und bannen kann, die aber auch versteckte Symbole und Wegweiser sichtbar macht.
Batterien sammeln
Leuchtet er Gegner für ein paar Sekunden an, verlieren sie ihre Kraft. Sie können nach gezielter Lichtkegellähmung mit der Pistole oder mit anderen Schusswaffen ausgeschaltet werden, sofern Munition und Taschenlampenbatterien ausreichen. Die Lampe lädt sich nach einiger Zeit zwar selbst wieder auf, aber vor allem in Situationen, in denen mehrere Kontrahenten den Spieler attackieren, sind vorab in den Welten eingesammelte Batteriepackungen die einzige Rettung. Besonders nützlich sind Extras wie Leuchtfackeln, die eine verheerende Wirkung auf die Gegner haben, leider aber nur begrenzt verfügbar sind.
Allerdings offenbaren die Actionpassagen von Alan Wake auch eine der größten Schwachstellen des Spiels – kleine technische Fehler machen die Gefechte immer wieder zum Geduldsspiel. So passiert es häufig, dass der Spieler völlig aus dem Nichts attackiert wird und sich kaum dagegen wehren kann, da der Angreifer aus dem Dunkel aus einer völlig unerwarteten Richtung kam. Ärgerlich wird das, wenn sich Wake einer Übermacht gegenübersieht und dann plötzlich zusätzlich aus einer weiteren Richtung angegriffen wird. Einige Passagen müssen daher auch auf dem mittleren der drei Schwierigkeitsgrade mehrfach gespielt werden, weil beim ersten Mal einfach nicht abzusehen ist, wo die Gefahr lauert. Auch die Kollisionsabfrage hat Macken: Da verkeilen sich Objekte ineinander oder Wake bleibt an bestimmten Stellen einfach hängen.
Lineares Spiel
Überhaupt ist die Technik nicht die große Stärke des Spiels. Alan Wake wirkt zwar nicht antiquiert, kann aber an manchen Stellen nicht verbergen, dass der Titel lange in der Entwicklung war. Wunderschöne Zwischensequenzen, in denen beeindruckende Naturbilder zu sehen sind und die neue Standards auf der Xbox 360 setzen, kontrastieren mit Actionpassagen, in denen die Texturen detailarm und die Animationen ungelenk wirken. Hinzu kommt eine gewisse spielerische Monotonie: Gerade bei der Vielfalt der Gegner wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert gewesen. Dunkle Gesellen mit Axt gibt es zum Beispiel einfach viel zu viele. Die Effekte und die Soundkulisse sorgen zwar immer wieder für Gänsehaut, doch leider ist die deutsche Synchronisation nicht immer überzeugend.
Auch bei den Rätseln wollte Remedy offensichtlich niemanden überfordern: Schalter umlegen, im richtigen Moment die richtige Taste drücken, gern auch mehrfach im Takt – mehr ist meist nicht zu tun, um Generatoren zu aktivieren, Licht anzuschalten oder neue Bereiche zugänglich zu machen. Auch spielerische Freiheit wird nicht großgeschrieben. Um die Geschichte spannend zu halten, läuft das Spiel sehr stringent und linear ab. Die Kampagne ist problemlos in weniger als zehn Stunden zu absolvieren. Ohne zu viel über den Verlauf zu verraten: Es ist offensichtlich, dass Remedy einen zweiten Teil bereits im Kopf hatte, denn vieles bleibt nach dem Spielende verworren und offen.
Alan Wake ist ab 14. Mai 2010 exklusiv für die Xbox 360 verfügbar, es hat eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten und kostet 60 Euro. Zusätzlich ist eine Limited Edition für etwa 70 Euro verfügbar, die dann unter anderem mit Xbox Live Downloadcode für die erste Zusatzepisode, Audio Disc inklusive Soundtrack und Filmmusik sowie dem Buch Die Alan Wake Akte aufwartet.
Fazit
Spannend, düster, unheimlich und mit wahnsinnig viel Liebe zum Detail: Story und Atmosphäre von Alan Wake sind vorbildlich. Kaum ein Videospielort führte je so ein glaubwürdiges und unheimliches Eigenleben wie Bright Falls. Der Titel nimmt von der ersten Minute an gefangen und lässt den Spieler bis zur – nicht ganz befriedigenden – Schlusssequenz nicht mehr los. So dicht und faszinierend sind nur wenige Actiontitel. Erkauft wird diese Intensität allerdings mit viel Linearität und einer nicht immer abwechslungsreichen Spielmechanik. Zum perfekten Spiel fehlen Remedy mehr Gegnertypen, eine bessere Übersicht in den Kämpfen und mehr taktische Tiefe.
Ein Xbox-360-Leckerbissen ist das Spiel trotzdem, wie der Debütroman eines Thriller-Autoren. Anfängerfehler gibt es zwar, dem großartigen Gesamteindruck können sie jedoch nicht viel anhaben.
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