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Yahoo-Chefin: "Es gibt bei uns noch einiges zu verbessern"

"Die meisten Apps verschwinden bald irgendwo im digitalen Nowhere.". Von Ahnungslosen wird sie Internet-Oma genannt, in Wahrheit ist sie die wohl härteste Managerin der IT-Branche: Drumherumgerede war noch nie die Art von Yahoo-Chefin Carol Bartz . Im Handelsblatt spricht die 61-Jährige Klartext über die Zukunft des Webs, Apps und Apple.
/ Jens Ihlenfeld
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Carol Bartz kam am 29. August 1948 in Winona/Minnesota zur Welt. Schon in der High School gehörte Mathematik zu Bartz' Stärken. Sie studierte Computerwissenschaften an der Universität von Wisconsin in Madison und schloss das Studium 1971 mit einem Bachelor ab. Ihr Studium finanzierte sie sich zum Teil mit Jobs als Kellnerin.

Ihre Laufbahn startete Bartz beim US-Industrie-Konglomerat 3M. Als ihr dort das Management bedeutete, dass Frauen im Hauptquartier des Unternehmens nichts verloren hätten, ging sie in die Computerindustrie und arbeitete in mehreren Unternehmen der Branche in verschiedenen Positionen. Dazu gehören Intel, BEA Systems und Cisco. Von 1983 bis 1992 arbeitete Bartz bei Sun Mcrosystems und wechselte dann zu Autodesk, das sie auch als CEO führte. Im Januar 2009 zog Bartz in den Vorstand von Yahoo ein. Im April 2009 wurde sie Präsidentin und CEO von Yahoo . Handelsblatt: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Frau Bartz. Und danke, dass Sie mich gar nicht gefragt haben, ob ich nicht vielleicht ein Arschloch bin.

Carol Bartz: (Fängt laut an zu lachen) Ach du meine Güte. Das wissen Sie auch? Ich hätte es doch lieber nie erzählen sollen.

Handelsblatt: Sie waren schon immer als sehr direkte Managerin bekannt und für ihre klare Aussprache. Aber fragen Sie wirklich Leute, die Sie zum ersten Mal treffen, ob sie Arschlöcher seien, weil Sie nämlich keine Lust hätten, mit solchen Menschen zu arbeiten?

Bartz : Oh ja, das mache ich öfters. Meistens bei Interviewern. Da gibt es zwei Arten von Reaktionen: Die einen sagen so was wie, "Na, das trifft sich doch prächtig. Ich habe nämlich auch keine Lust, solche Typen zu interviewen." Andere sind schlicht beleidigt oder haben einen Gesichtsausdruck der Art "Was glaubt die eigentlich, mit wem sie da redet?" Das ist interessant.

Handelsblatt: Dann reden wir mal genauso offen über Yahoo. Sie haben sich als Zeugnisnote ein "B-" für ihr erstes Jahr als CEO gegeben. Wofür das B und wofür das Minus?

Bartz : Es gab drei Kernprobleme zu lösen. Erstens, ein neues Management finden. Zweitens, entscheiden, ob wir den Deal mit Microsoft machen und drittens die Reorganisation der Unternehmensstruktur. Alles hat länger gedauert, als ich geplant hatte. Darum "B". Und als Folge war es schwieriger, neue Projekte anzuschieben und vorwärtszuschauen. Dafür noch ein Minus.

Handelsblatt: Ihr Aufsichtsratschef hat Ihnen ein "A-" gegeben. Warum?

Bartz : Da müssen Sie ihn fragen. Vielleicht kann ich einfach besser benoten.

Handelsblatt: Hat Yahoo den Turnaround geschafft?

Bartz : Yahoo ist eigentlich kein klassischer Turnaround-Kandidat, eher so was wie ein mentaler Turnaround.

Handelsblatt: Ähhhh, mental?

Bartz : Ja, Yahoo ist noch immer angeschlagen von der unseligen Microsoft-Geschichte (Anmerkung: der gescheiterte Übernahmeversuch durch Microsoft 2008). Yahoo selbst ist noch immer in vielen Bereichen, Newsseiten, Sportinhalte, Unterhaltung, Marktführer im Web. Das braucht alles seine Zeit.

Handelsblatt: Wie viel Zeit?

Bartz : Erinnern Sie sich an Steve Jobs? Der kam 1997 zurück zu Apple. Über ein Jahr lang hat sich der Börsenwert von Apple gar nicht bewegt, und erst mit dem iPod, also vier Jahre später, ging es bergauf. Und Jobs kannte die DNA von Apple wie kein anderer.

Eine unglaublich komplexe Transaktion

Handelsblatt: Also brauchen sie vier Jahre?

Bartz : Wenn man aus so einer Wirtschaftskrise kommt, sind drei bis vier Jahre schon das Minimum.

Handelsblatt: Sie sind angetreten mit dem Credo "Dieses Unternehmen braucht mal ein wenig Management" . Haben Sie das erreicht?

Bartz : Ja, ich habe ein komplett neues Top-Managementteam angeheuert. Mit Ausnahme von zwei Positionen ist alles neu besetzt und mit Blake Irving als Chief Product Officer wird eine weitere Topposition gerade neu besetzt.

Handelsblatt: Blake Irving war federführend bei der Entwicklung der Microsoft Windows Live Services. Wollen Sie jetzt auch so etwas von ihm?

Bartz : Nein, niemand nimmt einen neuen Job an, um den alten zu kopieren. Blake hat Erfahrung mit großen Projekten, viel Energie und ein großes Interesse, für Yahoo zu arbeiten. Das war der Grund.

Handelsblatt: Was war die schwerste Entscheidung, die sie bei Yahoo bislang treffen mussten?

Bartz : Ganz klar die tatsächliche Umsetzung des Microsoft-Suchmaschinen-Vertrags. Es war eine unglaublich komplexe Transaktion.

Handelsblatt: Sie haben einen Ruf als hervorragende Managerin, aber sind Sie mit einem Alter von über 60 auch noch eine Visionärin, wie sie das jugendbetonte Silicon Valley braucht, um neue Ideen, das Web 3.0, hervorzubringen?

Bartz : Ich glaube, in meinem Job zuvor als CEO von Autodesk war ich schon Visionärin und außerdem ist es nicht richtig, dass das Web nur etwas für junge Leute sein soll.

Handelsblatt: Ganze sechs Wochen, nachdem Sie Anfang 2009 bei Yahoo angefangen hatten, haben Sie erklärt, sie hätten die "alten Silos" aufgebrochen, die die Firmenstruktur charakterisiert hatten, wo alle nebeneinanderher statt miteinander gearbeitet hätten. So schnell? Andere brauchen Jahre.

Bartz : Nach sechs Wochen war nur die Struktur aufgebrochen, die wirkliche Neustrukturierung dauerte bis in den Sommer 2009.

Handelsblatt: Was hat sich zum Besseren gewendet? Zum Beispiel für die Nutzer, die Kunden?

Bartz : Zunächst für unsere Anzeigenkunden: Wir haben aus dem Anzeigenverkauf viel Bürokratie rausgeschnitten. Da waren zu viele Leute, die das Gleiche entschieden haben. Alles geht jetzt reibungsloser, das hören wir immer wieder. Auf der Nutzerseite hatten wir einen unbefriedigenden Support. Jeder hatte seine eigenen Hilfe-Dokumente zusammengebastelt, niemand hatte sich das mal übergreifend angeschaut, aus Kundensicht. Das machen wir jetzt. Aber es gibt auch noch einiges zu verbessern: Als ich hier in London ankam und unsere Seiten aufgerufen habe, fand ich einen Aufmacher, der 17 Stunden alt war. So geht das nicht.

Social Media monetarisieren, nicht besitzen

Handelsblatt: Stichwort Management. Sie sind ein Gegner der typischen amerikanischen jährlichen Mitabeiterbeurteilungen. Warum?

Bartz : Es nützt nichts, jemandem zu sagen, "schau mal, was vor einem halben Jahr falsch war" . Sie müssen das sofort machen, direkt reden.

Handelsblatt: Lebt Yahoo das bereits?

Bartz : Wir starten damit dieses Jahr. Sie können meine Inbox anschauen. Da sind viele E-Mails von Mitarbeitern direkt an mich.

Handelsblatt: Wie sieht es mit Social Networking bei Yahoo aus? Sind sie über den Erfolg von Facebook besorgt?

Bartz : Ende des Jahres werden die Nutzer mehr Zeit pro Tag auf Facebook verbringen als auf Yahoo oder Google. Aber das ist nicht das Problem. Es wird genug Geschäft geben für Yahoo. Es gibt so viel, was sie nicht von ihren Freunden an Informationen bekommen. Es ist für uns wichtig, Social Media zu monetarisieren, nicht es zu besitzen.

Handelsblatt: Es gibt Gerüchte, Yahoo ist an der Social-Media-Plattform Foursquare interessiert?

Bartz : Wir haben immer betont, dass wir auch wieder akquirieren werden, wenn etwas zu uns passt. Aber es kommt immer darauf an, ob es passt und wie viel es kostet.

Handelsblatt: Firmen wie Microsoft und Google drängen in den Hardwarebereich. Muss Yahoo dem folgen?

Bartz : Nein. Das ist ein komplett anderes Geschäft. Ich glaube, dass es nur wichtig ist, was auf der Hardware läuft. Darum haben wir Apps und so weiter, auch für Android. Google macht noch keinen relevanten Umsatz mit Nexus One, Microsoft ist immer noch zu 99,99 Prozent Software. In den Hardwarebereich einzusteigen kann sich als fataler Irrtum erweisen.

Handelsblatt: Aber wenn ich etwa mein Android-Smartphone starte, muss ich eine Google-ID haben, keine Yahoo-ID. Beunruhigt Sie das nicht?

Bartz : Doch. Darum haben wir auch Kooperationen mit Telefónica oder aktuell Samsung. Nicht jeder Hardwarehersteller oder Mobilfunkprovider ist glücklich, wenn er Google reicher machen darf. Wir konkurrieren nicht mit unseren Kunden.

Nur auf dem iPad zu sein ist nicht genug

Handelsblatt: Beispiel Samsung: Wird man die Yahoo-Dienste einfach nur wählen können, oder wird es eine tiefe Integration geben?

Bartz : Yahoo wird mit dem Start des Geräts hochfahren, mit dem kompletten Angebot. Es wird eine tiefe Integration mit Adressbüchern und allem geben. Und gehen Sie davon aus, dass man es auch auf anderen Smartphones sehen wird.

Handelsblatt: Haben Sie keine Angst, dass Apples iPad Sie aus der Medien- und Verlagsindustrie rausdrängen wird? Sie wollen doch der größte Inhalteanbieter des Webs werden und machen erhebliche Umsätze mit Verlagen, TV und Videos.

Bartz : Nur auf dem iPad zu sein ist nicht genug. Das wissen auch die Verlage. Wir haben über 600 Millionen Nutzer jeden Monat, das sehen auch die Werbetreibenden.

Handelsblatt: Wir sehen derzeit eine Art Krieg zwischen dem offenen Web und der geschlossenen, kontrollierten App-Welt. Sind wir auf dem Weg zurück in eine Welt wie bei AOL damals, sozusagen eine geschlossene Veranstaltung?

Bartz : Die Gefahr besteht durchaus. Ich bin aber nicht so sicher, dass es passieren wird. Heute ist unheimlich viel Hype um Apps und viele programmieren Apps, weil es so einfach erscheint. Ist es aber nicht.

Handelsblatt: In Apples App Store sind mehr als 180.000 Apps ...

Bartz : Ja, und in der ersten Woche sind sie alle unheimlich cool. Aber was meinen Sie, wie viele auch langfristig fortgeführt werden und cool bleiben?

Handelsblatt: Ich weiß es nicht, wie viele?

Bartz : Nicht viele, glauben Sie mir. Die meisten verschwinden bald irgendwo im digitalen Nowhere.

Handelsblatt: Also bleiben Sie auf die Webseite fokussiert?

Bartz : Das ist das, wo die Masse des Geschäfts ist. Apps sind eine Kombination aus Webseiten. Sie sind dafür da, Inhalte von Webseiten auf kleine Bildschirme zu übertragen. Sie sind eine Ergänzung. Laptops und Desktop werden nicht über Nacht verschwinden.

Handelsblatt: Steve Jobs sieht das Ganze etwas anders ...

Bartz : Ich weiß.

[ Das Interview führte Axel Postinett / Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) ]


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