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Test: Lucid Lynx - Ubuntu im neuen Gewand

Ubuntu 10.04 LTS integriert soziale Netzwerke. Das aktuelle Ubuntu 10.04 LTS überrascht mit neuem Aussehen und weitreichender Anbindung an soziale Netzwerke. Die Bildbearbeitung Gimp weicht der Bildverwaltung F-Spot und dem Filmeditor Pitivi. Als LTS-Version veröffentlicht, soll Lucid Lynx drei Jahre lang gepflegt werden.
/ Jörg Thoma
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Ubuntu 10.04 LTS alias Lucid Lynx bringt nicht nur optisch wesentliche Neuerungen. Unter der Haube sorgen Upstart, Plymouth und die Kernel Mode Settings für einen deutlich schnelleren und ruhigeren Systemstart. Das neue Design namens Light überrascht mit einem völlig veränderten Aussehen, sowohl beim Start als auch bei der Benutzeroberfläche. Als LTS-Version (Long Term Support) soll Lucid Lynx in der Desktopvariante mindestens drei Jahre lang mit offiziellen Updates versorgt werden, die Servervariante wird fünf Jahre lang unterstützt. Der in Lucid Lynx verwendete Linux-Kernel 2.6.32 ist auch von den Kernel-Entwicklern als Long-Term-Release deklariert worden und soll länger als sonst üblich gepflegt werden. Als Desktop dient Gnome in der Version 2.30.0

Ubuntu 10.04 - Test
Ubuntu 10.04 - Test (02:06)

Lucid Lynx kennt mehr Hardware

Mit Linux 2.6.32 erhalten Ubuntu-Benutzer einen stabilen Kernel, der vom Kernel-Team länger als üblich gepflegt wird. Die Entwickler bei Canonical haben allerdings einige Komponenten des aktuellen Kernels 2.6.33 zurückportiert, darunter die quelloffenen Nouveau-Treiber für Grafikkarten mit Nvidia-Chipsatz. Die Nouveau-Treiber bieten bislang nur 2D-Unterstützung, für 3D und Video-Overlay benötigen Anwender nach wie vor die proprietären Treiber von Nvidia. Über das bereits in den vorangegangenen Versionen mitgelieferte Werkzeug Jockey-Gtk können fehlende proprietäre Hardwaretreiber aus dem Internet nachgerüstet werden, etwa die von Nvidia oder für Grafikkarten mit Chips von AMD/ATI sowie einige WLAN-Geräte. Jockey-Gtk erkennt dabei etliche Hardwaregeräte automatisch. Allerdings muss zuvor die Aktualisierungsverwaltung des Paketmanagers Apt bemüht werden, damit die Paketliste auf dem aktuellen Stand ist. Die Installation der Treiber erfolgt problemlos und sie stehen nach einem Neustart automatisch zur Verfügung.

Die Kernel-Version 2.6.32 ist seit Dezember 2009 verfügbar und bringt zahlreiche neue Netzwerk-, WLAN- und Soundkartentreiber sowie die Unterstützung zahlreicher Chipsätze für TV-Karten. Damit dürfte unter Ubuntu 10.04 auch exotischere aktuelle Hardware problemlos laufen. Da Ubuntu 10.04 als Live-CD geliefert wird, können Anwender ihren Rechner zunächst davon booten und testen, bevor sie sich für die Installation entscheiden. Das neue Design hat auch vor dem Bootmenü nicht haltgemacht. Standardmäßig startet Ubuntu 10.04 sofort in ein grafisches Auswahlmenü, das wahlweise die Installation startet - oder in den Desktop im Live-Modus gelangt. Das ursprüngliche Grub-Menü mit der Option "Ubuntu testen oder Installieren" erscheint nur nach Betätigung der Esc-Taste.

Beschleunigter Start bei Ubuntu 10.04

Der Bootsplash ist ebenfalls mit einem neuen Design bedacht worden. Für die Grafikausgabe beim Systemstart wanderte Plymouth aus dem Fedora-Projekt in Lucid Lynx und löste Xsplash ab. Plymouth verwendet für die Bildausgabe eine höhere Farbtiefe und Auflösung. Die neuen Kernel Mode Settings (KMS), die mit fast allen Grafikartenchips funktionieren, sorgen schon beim Systemstart für optimale Monitoreinstellungen und übernehmen die Konfiguration des Xserver. Damit fällt das Flackern weg, wenn später der Xserver die grafische Oberfläche startet. Außerdem sorgen die KMS für deutlich stabileres Erwachen aus dem Schlaf- oder Suspend-Modus. Allerdings kann die Konfiguration durch die KMS den Start deutlich verzögern, wenn der Kernel mit unbekannten Grafikkarten oder Monitoren zu kämpfen hat.

Mit Upstart(öffnet im neuen Fenster) hatten Canonical-Entwickler bereits in Ubuntu 9.10 den Systemstart deutlich beschleunigt. Lucid Lynx startet noch ein wenig schneller in den Anmeldebildschirm als sein Vorgänger, denn ab dieser Version verzichtet Ubuntu auf die Konfiguration angeschlossener Hardwaregeräte durch das veraltete und überladene HAL. Stattdessen verwendet Lucid Lynx das modulare Devicekit. Auch das Beenden des Systems dauert nur wenige Sekunden.

Ubuntus neue Kleider

Das neue Design erstreckt sich auch auf den Desktop. Der Desktophintergrund leuchtet nicht mehr in Braun- oder Orangetönen, sondern in einem auffälligen Lila. Das entsprechende Theme heißt Ambiance und verändert auch gleich die Fensterrahmen. Noch auffälliger ist die von Mark Shuttleworth oktroyierte Verlagerung der Fenster-Bedienelemente auf die linke Seite der Titelleiste. Das sorgte bereits bei der Einführung in den Betaversionen von Lucid Lynx für Unmut, lässt sich allerdings schnell wieder rückgängig machen. Im Gconf-Editor im Baum "apps" unter den Einstellungen für den Fenstermanager Metacity können die Icons unter "General" im "button_layout" mit ":minimize,maximize,close" wieder in den alten Zustand versetzt werden.

F-Spot und PtTiVi ersetzen Gimp

Canonical hat zugunsten der Bildverwaltung F-Spot und dem Videoeditor Pitivi auf die Bildbearbeitung Gimp(öffnet im neuen Fenster) verzichtet. F-Spot(öffnet im neuen Fenster) bietet nicht nur Funktionen zur Fotoverwaltung, sondern auch Bearbeitungswerkzeuge und kann mit zusätzlichen Funktionen aus den F-Spot-Repositories erweitert werden. Das Programm hat uns gut gefallen, für den alltäglichen Gebrauch bietet F-Spot wichtige Funktionen wie das Entfernen von roten Pupillen. Für die Videobearbeitung ist ab sofort das neu hinzugekommene, aber etwas funktionsarme Pitivi(öffnet im neuen Fenster) zuständig. Ansonsten liegen der Live-CD wie bisher zahlreiche Programme bei, die der Anwender auf einem Desktop-PC benötigen könnte, vom Browser Firefox 3.6(öffnet im neuen Fenster) bis hin zur Bürosuite Openoffice.org 3.2(öffnet im neuen Fenster) .

Gut gefüllte Repositories

Zusätzliche Software kann mit dem überarbeiteten Softwarecenter aus den üppig ausgestatteten Repositories im Internet nachgerüstet werden. In der Programmverwaltung ist die Software übersichtlich nach Kategorien sortiert und bietet zusätzlich eine detaillierte Beschreibung zu einzelnen Anwendungen samt Lizenz und Preis. Auf die Paketverwaltung Synaptic hat Canonical dennoch nicht verzichtet. Als Paketmanager dient weiterhin Apt im Hintergrund.

Rhythmbox(öffnet im neuen Fenster) - unter Ubuntu standardmäßig für die Musikwiedergabe zuständig - wurde um ein Plugin erweitert, das eine Schnittstelle zum neuen Onlinemusikshop von Canonical bietet. Der Ubuntu One Music Store soll eine breite Auswahl an populärer Musik bieten, die weltweit zur Verfügung steht. Hinter dem Angebot steht das Unternehmen 7digital(öffnet im neuen Fenster) . Die Möglichkeit, Musik vorab zu hören, ist ausgedehnter als bei anderen Anbietern. Die Musik soll im MP3-Format mit 256 KBit/s angeboten werden, ohne jegliche Kopierschutzeinschränkungen. Einmal gekaufte Musikstücke sollen bis zu drei Mal heruntergeladen werden können.

Soziale Netzwerke und MeMenu

Canonical setzt mit Ubuntu 10.04 auf die Anbindung an soziale Netzwerke. Empathy(öffnet im neuen Fenster) , das bereits in die letzte Ubuntu-Ausgabe Einzug hielt, dient als Messaging-Client und kommt mit den gängigen Protokollen, etwa XMPP, ebenso zurecht wie mit Facebook-Accounts. Mit Gwibber(öffnet im neuen Fenster) können Anwender auf die Nachrichtendienste Twitter und Co. zugreifen, aber auch Nachrichten über Facebook senden und empfangen.

Das überarbeitete MeMenu zeigt nicht nur empfangene Messaging-Nachrichten an, sondern bietet auch die Möglichkeit, Twitter-Nachrichten zu versenden, ohne dass Gwibber geöffnet sein muss. Langfristig sollen das MeMenu und das dazugehörige Indikatormenü zu einem zentralen Benachrichtigungsframework ausgebaut werden. Für die nahtlose Anbindung von Ubuntu an Microsofts Exchange-Server sorgt eine neue Version von Groupwise.

Ubuntu in der Wolke

Ubuntu One bleibt mit 2 GByte Speicher für Anwender weiter kostenlos. Der Cloud-Dienst bot ursprünglich lediglich die Möglichkeit, Daten in der von Canonical bereitgestellten Server-Cloud zu speichern. Später erhielten Abonnenten die Möglichkeit, Kontakte über das CouchDB-Framework über Ubuntu One zu synchronisieren. Die in Ubuntu integrierte PIM-Software Evolution bietet die Anbindung an CouchDB per Plugin. Ab Ubuntu 10.04 können per Firefox-Plugin auch Lesezeichen über Canonicals Cloud-Dienst auf mehrere Rechner verteilt werden. Über den Ubuntu-One-Music-Store erworbene Musikstücke werden dort nach einem Einkauf zunächst gespeichert. Damit dürften die bereitgestellten 2 GByte Speicherplatz langfristig zu wenig sein. Für 50 GByte sollen die Anwender monatlich 10 US-Dollar bezahlen.

Serverneuerungen

Canonical will mit der neuen Serverversion 10.04 wieder Geschäfte machen. Dafür wird dort eine aktuelle Version von Eucalyptus(öffnet im neuen Fenster) mitgeliefert, das die Verwaltung von Cloud-Servern erleichtern soll. Neben der Standard-Server-Variante bietet Canonical auch die Ubuntu Enterprise Cloud, die sich über Eucalyptus in Amazons EC2 einbinden lässt oder in einer internen Serverwolke in Unternehmen eingesetzt werden kann. Neue Apparmor-Profile für etliche Dienste und ein gehärteter Kernel sollen für zusätzliche Sicherheit sorgen. Die Firewall Ufw schottet den Server mit Iptables ab. Ufw nimmt übersichtliche Befehle entgegen und ist deutlich einfacher zu konfigurieren als Iptables selbst.

Mit einer neuen Zertifizierung will Canonical auch angehende Administratoren ausbilden. Dabei wird der Schwerpunk auf die Verwaltung der Ubuntu-Server gesetzt, die Ausbildung soll eher praxisorientiert sein und weniger Linux-Kenntnisse voraussetzen. Ubuntu Server 10.04 selbst wird fünf Jahre lang mit Updates und Sicherheitspatches versorgt.

Kubuntu, Xubuntu, Mythbuntu & Co.

Parallel zu Ubuntu 10.04 veröffentlicht Canonical weitere Varianten der Linux-Distribution. Kubuntu(öffnet im neuen Fenster) ist die KDE-Version von Lucid Lynx und bringt die Version 4.4.2 des Plasma-Desktops und der KDE SC 4.4 mit. Kubuntu gibt es auch als Netbook-Version mit einem angepassten Plasma-Desktop. Xubuntu(öffnet im neuen Fenster) bietet den schlankeren XFCE-Desktop. Edubuntu(öffnet im neuen Fenster) hingegen ist vor allem für den Einsatz an Schulen und Universitäten gedacht und bringt zahlreiche wissenschaftliche Programme sowie Lernsoftware mit. Für Multimediafans bietet Mythbuntu(öffnet im neuen Fenster) eine Variante mit Mythtv und mit Ubuntu Studio(öffnet im neuen Fenster) ein Ubuntu mit einer Softwaresammlung für Audio- und Videobearbeitung.

KDE Software Compilation 4.4 - Test
KDE Software Compilation 4.4 - Test (02:30)

Wer mehr Optionen bei der Installation benötigt, etwa um Ubuntu auf einem RAID-Verbund zu installieren, kann auf die ebenfalls angebotene Alternate-Install-Variante zugreifen. Sie startet den von Debian übernommenen Ncurses-Installer, der mehr Optionen bietet als der grafische Installer der Live-Version.

Der Ubuntu Netbook Remix ist für Notebookzwerge mit Atom-Prozessoren optimiert. Gleichzeitig bietet Canonical eine ARM-Variante an. Beide kommen mit einer neuen und optimierten Benutzeroberfläche und starten schneller.

Updates

Benutzer der letzten Ubuntu-Version 9.10 erhalten eine Benachrichtigung über den Update-Manager, dass eine neue Version verfügbar ist. Das Update ist meist problemlos zu bewältigen, allerdings ist Vorsicht geboten, wenn Software aus inoffiziellen Repositories oder direkt installiert worden ist. Unter Umständen läuft das Update schief. Benutzer älterer Version müssen stufenweise aufrüsten, etwa von 9.04 auf 9.10, um dann auf Version 10.04 aufzusteigen.

Fazit: Schick und flott gestartet

Das neue Theme ist optisch attraktiver als das in die Jahre gekommene Human-Theme. Die Einführung der seitenverkehrten Bedienelemente für Fenster in einer LTS ist aber unverständlich, denn eigentlich hat Shuttleworth mit der Fensterverwaltung Weiteres vor . Die Entwickler hätten also eine der nächsten Versionen abwarten können. Auffällig ist die optische Ausrichtung an Mac OS X . Ubuntu 10.04 LTS lässt insgesamt vergessen, dass es sich eigentlich um ein Debian-basiertes Linux-System handelt.

Der deutlich beschleunigte und runde Systemstart ist besonders erfreulich, die Hardwareunterstützung ist dank neuem Kernel aktuell. Das neue MeMenu hat zwar die ein oder andere interessante Funktion, macht aber mangels konsequenter Umsetzung einen noch unfertigen Eindruck.

Insgesamt lohnt sich für Einsteiger ein Blick in Lucid Lynx, Anwender mit einer bereits installierten Version dürften sich auf das Update freuen. Bei den in den Vorabversionen aufgetauchten Fehlern ist jedoch noch ein wenig Geduld angebracht, Mankos tauchen in den frisch erschienenen Versionen meist auch noch auf.

Download

Der Download der aktuellen Version erfolgt über die Server von Canonical unter releases.ubuntu.com(öffnet im neuen Fenster) . Dort stehen ISO-Images für Ubuntu 10.04 in einer 32- und 64-Bit-Version zur Verfügung. Gleichzeitig finden sich dort die Images der Alternate- sowie der einfachen Servervariante und der diversen Netbook-Versionen. Ubuntu Enterprise Cloud wird unter uec-images.ubuntu.com(öffnet im neuen Fenster) angeboten. Kubuntu steht unter releases.ubuntu.com/kubuntu(öffnet im neuen Fenster) zum Download zur Verfügung, während Xubuntu(öffnet im neuen Fenster) , Mythbuntu(öffnet im neuen Fenster) , Edubuntu(öffnet im neuen Fenster) und Ubuntu Studio(öffnet im neuen Fenster) ebenfalls über Webseiten zum Download angeboten werden.


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