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IMHO: Ein Vulkan, ein Bus und viele Akkus

Eine Reise ohne Flugzeug – von Barcelona nach Berlin. Was täte ein Golem-Redakteur ohne Notebook und Netzwerk? Vermutlich hockte er noch in Spanien, gestrandet nach einer Presseveranstaltung. Doch die IT-Ausrüstung machte das Luftfahrtchaos, das durch die Aschewolke von Islands Eyjafjallajökull-Vulkan(öffnet im neuen Fenster) ausgelöst wurde, handhabbar.
/ Andreas Sebayang
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Nicht das erste Mal hat es mich in ein Luftverkehrschaos gezogen: Vergangenes Jahr durfte ich live miterleben, was passiert, wenn die Lufthansa ihre Server aktualisiert , dieses Jahr saß ich in Spanien nach einer Toshiba-Presseveranstaltung fest.

Kurz nach der Veranstaltung deutete sich ein Problem an: Ein Inselstaat, der Spieler mit Eve Online beglückt hat und bald vielleicht ein sicherer Datenhafen wird , erfreut die Luftfahrtindustrie und hunderttausende Reisende mit einer riesigen Aschewolke aus einem Vulkan. Island. Dank eines Internetzugangs, der in den Hotels von Barcelona oft selbstverständlich ist, wusste ich immer, was los war. Am Freitag verbreitete ich über soziale Netzwerke, dass der Rückflug in Gefahr ist.

Mein Flug sollte Sonntagfrüh gehen, 6:10 Uhr. Angesichts dieser Zeit verzichtete ich an diesem Tag auf ein Hotelzimmer. In Barcelona waren zwei Messen gleichzeitig, die hohen Hotelkosten wollte ich sparen. Ich schaute gebannt und regelmäßig auf diverse Onlineportale. Vor ein paar Jahren wäre ich vielleicht noch zum Bahnhof gegangen, hätte die Tagespresse gesichtet oder die sehr kurzen Beiträge von Fernsehsendern als Grundlage für eine Lageeinschätzung genommen.

Ungewissheit

Doch am Samstag um 12:00 Uhr musste ich auschecken – damit war ich ohne Internet. Zu diesem Zeitpunkt war für die Lufthansa noch unklar, ob mein Flug annulliert wird. Ich hatte aber längst auf Worst-Case-Denken umgeschaltet. Im Laufe des Tages konnte ich eine SIM-Karte des spanischen Providers Yoigo ergattern. Welche Datentarife im Ausland gebraucht werden, erfährt der Internetnutzer in Foren wie Telefon-Treff(öffnet im neuen Fenster) . Dort hatte ich vor Jahren erfahren, das Yoigo günstiges Internet per Prepaid erlaubt.

Mit dem Rechner gegen die Vulkanasche

Mein Tablet-PC HP Compaq 2710p inklusive UMTS-Modem und Mediabase hält dank Akkuslice eine Weile durch. Und mit MWConn war ich ohne großen Konfigurationsaufwand über Yoigo online.

Mit Offmaps(öffnet im neuen Fenster) fürs iPhone hatte ich auch Kartenmaterial meines Lieblingsprojekts dabei, denn die Anwendung macht die Karten von OpenStreetMap offline zugänglich, lästiges Auf- und Zufalten von Papierkarten entfällt.

Ich machte mich auf zum Flughafen von Barcelona (Aeroport de Barcelona, BCN/LEBL), um zu erfahren, was ich praktisch schon wusste: Mein Flug wurde annulliert, canceled, cancelado. Da ich eintraf, als die meisten Beförderungsfälle schon wieder enttäuscht vom Flughafen abgezogen waren, konnte ich ohne große Wartezeit Informationen erhaschen: drei Tage Warteliste fürs Umbuchen – oder ein Bus, den die Lufthansa für Sonntag 8:00 Uhr organisiert hatte. Dafür entschied ich mich. Auf solche Möglichkeiten weist die Lufthansa im Internet nicht hin. Dort heißt es nur: Bitte nicht zum Flughafen kommen. Aber was dann?

1.300 Kilometer auf der Straße

Mit dem Wissen um einen Sitzplatz in einem Bus nach Frankfurt am Main begab ich mich wieder in die Innenstadt. Das Gepäck war in einem Bahnhofsschließfach der Estació de Barcelona Sants. Bis 5:00 Uhr am Sonntagmorgen war ich auf den Ramblas, am Strand und auf der Plaça d'Espanya unterwegs – und kam pünktlich am Flughafen an, um in den Bus zu steigen. Einziges Problem: keine Steckdosen. So musste ich sparsam mit meinem Akku umgehen, alle paar Stunden Internetzugang war ok. Zwischenzeitlich stellte ich fest, dass der AppleSyncNotifier meinen Akku frisst, weil er einen Kern komplett auslastet. Warum zeigt Windows eigentlich nicht an, dass ein Prozess Amok läuft? Nachdem ich die Apple-Software abgeschossen und gut eine Stunde Akku verloren hatte, war alles wieder im Lot.

Mit zwei Stunden Verspätung fuhr der Bus vom Flughafen ab. Eingepfercht im Sitz war ich froh, einen Tablet-PC zu besitzen. Aufklappen ging nur mit Mühe und so wurde das Nötigste im Slate-PC-Modus erledigt. Wenn ein Mac-Anwender noch einen Grund für Windows sucht: Hier ist er. Ohne Handschrift- und Stifterkennung will ich nicht mehr arbeiten. Allerdings wäre die Akkulaufzeit eines iPads praktisch gewesen. Immerhin schleppe ich 2,5 kg plus Netzteil herum und komme im UMTS-Betrieb und bei Tageslicht trotzdem nur auf 5 bis 6 Stunden.

Frankreich ohne Internetzugang

Ab den Pyrenäen war erst einmal Schluss mit dem Internetzugang. Datenroaming wollte ich nicht, weil die Kosten schnell überhand nehmen. Allein die Option zu haben, beruhigte mich aber ungemein, denn die beiden Fahrer des Busses schienen nicht gerade ortskundig. Mit ein wenig Pech wäre ich in Frankreich steckengeblieben.

Kurz nach Mitternacht, am Montag also, überquerte der Bus bei Strasbourg die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland. Was tat ich als Erstes? Das iPhone zücken, Netzbetreiber auswählen und mit Google Maps die Position verfolgen. Dabei stellte sich heraus, dass die Busfahrer trotz allem eine sinnvolle Strecke fuhren.

Schlafen auf der Handballenablage

In Frankfurt am Main (Fraport, FRA/EDDF) angekommen, wieder einen deutschen Netzbetreiber per Notebook nutzend, informierte ich mich bei der Deutschen Bahn über meine Möglichkeiten. Den Nacht-ICE hatte ich verpasst, ab 04:32 Uhr gab es wieder eine Verbindung. Die Deutsche Bahn lässt angeblich alles rollen, was rollen kann – und nicht wegen Wartungsmängeln und Sparmaßnahmen in der Werkstatt steckt. Mein ICE fuhr gut gefüllt ab. Das Beste war der Zugang zu einer Steckdose und der Mobilfunkverstärkerwagen. Ich hatte also ein wenig Beschäftigung mit dem Internet, zumindest wenn ich nicht gerade mit Armen und Kopf schlafend auf der Handballenauflage lag. Mein Notebook war die beste Schlafunterlage der vergangenen 48 Stunden – bis ich dann am Montag um 10:00 Uhr morgens in mein Bett fiel.

Die Lehre: Für alle Fälle vorbereitet zu sein lohnt sich. Mit moderner Technik wird manches Reiseproblem erträglich. Sie ersparte mir einigen Stress, der anderen Reisenden und den Flughafenmitarbeitern anzusehen war. Eine Busfahrt durch die wunderschönen Pyrenäen entschädigt im Übrigen für vieles.

Was es für das nächste Luftverkehrschaos braucht: mehr Akkulaufzeit, günstige Roamingkosten für Datentarife und eines dieser schicken Reisenetzteile(öffnet im neuen Fenster) .

Alles in allem säße ich ohne IT-Equipment vermutlich immer noch in Barcelona.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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