Wie Blogger die Zensur umgehen

Immer mehr Länder regulieren das Internet. In ihrem Jahresbericht 2009 klassifizierte die Organisation Reporter ohne Grenzen zwölf Staaten als Feinde des Internets. Eine Reihe weiterer steht unter Beobachtung, weil sie Maßnahmen ergreifen, die zur Zensur führen können, darunter auch demokratische Länder wie Australien . Gerade Blogger, die anders als Journalisten keine große Organisation hinter sich haben, sind von solchen Maßnahmen betroffen. Bei der re:publica 2010 berichtete der in den Niederlanden lebende Tunesier Sami Ben Gharbia über die Situation.
Blogbeobachtung
Ben Gharbia arbeitet für die Bürgerrechtsorganisation Global Voices Online, die die internationale Bloggerszene beobachtet. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt Bloggern in Ländern, in denen die Redefreiheit eingeschränkt ist. Einen Überblick über die Situation gibt das Angebot Threatened Voices(öffnet im neuen Fenster) , das dokumentiert, in welchen Ländern Blogger diskriminiert oder inhaftiert werden.
Ben Gharbia zählte in seinem Vortrag verschiedene Formen von Repressalien auf, denen sich die Blogger ausgesetzt sehen. Da sei zum einen die Zensur: Blogs werden von den Behörden geschlossen. Kommt Filterung per Deep Packet Inspection ins Spiel, werden die Maßnahmen ausgefeilter: Nicht ein ganzes Angebot wird gesperrt, sondern bestimmte Inhalte werden gefiltert. Das gehe nicht nur bei Webseiten, erzählte Ben Gharbia. Die Regierung seines Landes etwa manipuliere auch E-Mails: So wurden aus einem Newsletter einer Zeitung gezielt politische Inhalte herausgefiltert - und durch Spamnachrichten wie etwa Werbung für Penisverlängerung ersetzt.
Und das Blog?
Wenn die Behörden ein Blog schließen, kann das unterschiedliche Auswirkungen haben. In vielen Fällen erscheint die Meldung, die aufgerufene Seite sei nicht erreichbar. In andere Fällen werden die Seiten aber auch verändert: Wer etwa das geschlossene Blog einer verhafteten iranischen Bloggerin aufruft, bekommt das Foto einer freundlich lächelnden jungen Frau angezeigt.
Wie im Falle der Mails zeigen sich die tunesischen Behörden auch im Umgang mit geschlossenen Blogs kreativ: Die Seite der Ligue Tunisienne des Droits de l'Homme (Tunesischen Liga der Menschenrechte, LTDH), auf der früher Inhalte in Arabisch, Englisch und Französisch zu lesen waren, bietet heute ausschließlich Texte in Chinesisch an. Auf der Seite des Conseil National pour les Libertés en Tunisie (Nationalrat für die Freiheiten in Tunesien, CNLT) hingegen erscheint statt der Inhalte eine Seite mit Werbung.
Hacken und lahmlegen
Sind unliebsame Webangebote dem Zugriff der Behörden entzogen, weil sie sich nicht im eigenen Land befinden, werden diese auch gehackt oder mit Distributed-Denial-of-Service-Attacken lahmgelegt. Zu diesem Mittel etwa griffen die Behörden von Myanmar zum ersten Jahrestag der niedergeschlagenen Proteste vom September 2007.
Kreativ gegen Zensur
Eine andere Möglichkeit, Blogger mundtot zu machen, ist, sie zu verhaften und zu verurteilen. In Zusammenhang damit steht die Schaffung eines Klimas der Angst. Dem beugen sich viele und praktizieren Selbstzensur: Entweder sie hörten ganz auf zu bloggen, oder sie flüchteten sich in unbedenkliche Themen, berichtet Ben Gharbia.
Was tun gegen Zensur?
Blogger, die sich der staatlichen Gewalt nicht beugen wollen, nutzen verschiedene Möglichkeiten, die Zensur zu umgehen. Die einfachste Möglichkeit, nach der Schließung weiterzumachen, ist ein Neustart, also die Einrichtung eines neuen Blogs. Nachteil dieser Maßnahme ist jedoch, dass sie Pagerank und Links auf ihr Angebot verlieren - die Währung in der Aufmerksamkeitsökonomie.
Sind die Inhalte noch vorhanden, ziehen einige ihre Angebote zu einem anderen Bloganbieter oder zu einer anderen Domain um. Nachteil dieser Lösung ist, dass dafür zum Teil technische Fachkenntnisse nötig sind. Einfacher ist der Umzug zu einem Angebot wie Facebook oder das Blogexil. Statt ein eigenes Blog zu führen, veröffentlicht der Autor seine Inhalte auf einem befreundeten Blog.
Videos im Präsidentenpalast
Geht es darum, Inhalte an den Behörden vorbei ins Netz zu schmuggeln, bietet es sich an, den Dienst Posterous zu nutzen. Der verteilt einen Blogpost gleich auf eine ganze Reihe von Plattformen. Oder die Blogger veröffentlichen Nachrichten auf Angeboten, wo sie nicht erwartet werden: So hätten etwa Nutzer kritische Videos über den tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali mit den Geodaten seines Präsidentenpalastes versehen. Die Videos seien dann, so Ben Gharbia, auf Angeboten wie Google Earth erschienen.
Wer schließlich über finanzielle Mittel verfügt, wirbt einfach mit Systemkritik: Einige tunesische Dissidenten hatten, erzählt Ben Gharbia, bei Google Adwords gekauft. Jedes Mal, wenn ein Nutzer in seinem Land bei Google nach Ben Ali suchte, bekam er ganz oben auf der Seite die Botschaft "Ben Ali Yezzi Fock" - übersetzt etwa: "Ben Ali, es reicht" - angezeigt.



