Spieletest: Splinter Cell Conviction - der neue Sam Fisher
Ein Job als Superagent lässt sich nicht so ohne weiteres an den Nagel hängen. Diese Erfahrung muss auch Sam Fisher machen, als er eines Abends in einem Straßencafé in Valetta sitzt, seine Vergangenheit vergessen will – aber kurze Zeit später doch schon wieder durch dunkle Seitenstraßen schleicht und einem Kugelhagel ausweicht. Geändert hat sich trotzdem einiges: Fisher ist nicht mehr im Auftrag der Geheimorganisation Third Echelon unterwegs, sondern führt einen persönlichen Rachefeldzug gegen diejenigen, die seiner Tochter Leid zugefügt haben. Was wie ein ganz persönlicher Trip beginnt, wird bald doch wieder zu einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung – ein Kampf gegen Terroristen, die unzählige Menschenleben gefährden, und gleichzeitig ein Vergeltungsschlag gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Splinter Cell Conviction macht den Versuch, den kühlen und effizienten Superagenten Fisher zum privaten Menschen werden zu lassen – mit mehr Gefühlen, aber auch mehr Aggression als je zuvor. Das Spiel erzählt, wie Fisher zu dem wurde, der er ist – und nutzt dafür auch immer wieder Rückblenden. Der Vorteil dieser Erzählweise ist einerseits ein sehr hohes Tempo, das den Spieler von Auftrag zu Auftrag hetzen lässt. Andererseits gibt es den Entwicklern aber auch die Möglichkeit, Fisher innerhalb kurzer Zeit in völlig unterschiedliche Spielsituationen zu versetzen – was für mehr spielerische Abwechslung sorgt als in jedem vorherigen Splinter Cell.
Natürlich hat Fisher das Schleichen nicht verlernt: Per Knopfdruck geht er in die Hocke, versteckt sich hinter Vorsprüngen und Kisten, hechtet lautlos ins nächste Versteck, kraxelt an Wänden, Rohren oder Vorsprüngen entlang oder lässt sich aus der Luft auf einen Gegner fallen. Immer noch ist es ratsam, Lichter auszuschießen und so für Dunkelheit zu sorgen oder Kontrahenten in eine Falle zu locken. Deutlich häufiger macht Fisher nun aber Gebrauch von seinen Schusswaffen: Das Verstecken ist kein Selbstzweck mehr, sondern schützt ihn in brenzligen Momenten, wenn mal wieder gleich eine ganze Horde von Angreifern nach und nach ausgeschaltet werden soll. Situationen, in denen sich der Agent einer Übermacht bewaffneter Gegner erwehren muss, gibt es andauernd – hier gilt es dann, aus der Deckung heraus zu schießen, beständig den Aufenthaltsort zu wechseln, die Angreifer in einen Hinterhalt zu locken und sie nach und nach zu dezimieren.
Heiße Schießereien und heimliches Schleichen
Die Spielsituationen erlauben dabei mal mehr, mal weniger Lärm: Beispielsweise gibt es in einer großen Villa eine Schießerei, die fast an das Finale von Scarface denken lässt, etwas später soll Fisher in einer militärischen Anlage von den Wachen unentdeckt bis zum Ausgang gelangen. In einer Forschungseinrichtung muss er minutenlang einen Computer sichern – was nur geht, indem jeder, der sich nähert, per Granate oder Schusswaffe ausgeknipst wird.
Dann wieder ist Fisher an den Jahrmarktständen am Washington Monument unterwegs – völlig ohne Waffe und auf die Dunkelheit angewiesen, um keine Panik unter den Zivilisten auszulösen. Eine völlige Abkehr der Serientradition ist ein kurzer Ausflug in den Irak: In dieser Mission erinnert Conviction eher an einen klassischen Shooter denn an einen Splinter-Cell-Titel.
Dieser Abwechslungsreichtum von Mission zu Mission lässt im Gegensatz zu den letzten Splinter-Cell-Spielen kaum Zeit für Monotonie. Hinzu kommen taktisch einsetzbare Hilfsmittel. Etwa eine immer wieder eingeblendete Silhouette von Fisher, die seine letzte entdeckte Position angibt – also den Ort, wo die Gegner ihn vermuten. Der Spieler weiß so, auf welchen Punkt im Raum sich die nächsten Aktionen der Feinde konzentrieren werden, kann sich an eine andere Stelle im Areal bewegen und so die Kontrahenten völlig überraschend von der Seite oder von hinten attackieren.
Ebenfalls hilfreich: Die zahlreichen Schusswaffen verfügen über die Möglichkeit, mehrere Personen zu markieren und dann mit einem einzigen Knopfdruck gesammelt auszuschalten – ein nicht immer brauchbares, aber ebenso wie die unterschiedlichen Granaten durchaus nützliches Extra.
Erstklassige Grafik und Zwischensequenzen
Ein paar weitere Änderungen liegen im Detail: Fisher ist deutlich brutaler – nicht nur im Umgang mit Schusswaffen, sondern vor allem auch im Nahkampf. Hinzu kommt, dass er wenig zimperlich reagiert, wenn er Informationen aus seinen Gegnern herauspressen will – da hagelt es Faustschläge, selbst wenn sein Gegenüber weiblich ist. Der erhöhte Actionanteil sorgt dafür, dass der Schwierigkeitsgrad etwas gemäßigter ausfällt. Auf dem mittleren der drei verfügbaren Stufen agieren die Gegner zwar äußerst clever, trotzdem muss der erste Treffer nicht gleich den Tod für Fischer bedeuten. Gerade Einsteiger werden hier nicht so schnell frustriert aufgeben wie in früheren Splinter-Cell-Spielen; Schleichexperten könnten allerdings enttäuscht sein von der besseren Zugänglichkeit.
Durchweg gelungen ist die Präsentation. Es gibt hervorragende Zwischensequenzen mit rasanten Kamerafahrten, detailreiche Schauplätze, fließende Übergange von Schwarz-Weiß zu Farbe – je nachdem, ob Fisher gerade versteckt ist oder nicht – und ein hervorragendes Physikmodell. Ein paar moderne Designideen wissen ebenfalls zu gefallen – etwa Spielziele oder Traumsequenzen, die auf Häuserwände im Spielhintergrund projiziert werden. Gut gelöst ist auch, dass das Spiel im Hintergrund nachlädt, was das Tempo konstant hoch hält. Wirkliche Ladepausen gibt es erst, wenn Fisher stirbt und der letzte der (zahlreichen und fair verteilten) Speicherpunkte wieder hergestellt wird.
Neben der Kampagne bietet Splinter Cell Conviction noch zusätzliche Optionen, etwa eine eigene Koopkampagne und zusätzliche Herausforderungen. Splinter Cell Conviction ist zunächst nur für die Xbox 360 verfügbar und kostet rund 60 Euro. Die PC-Version folgt am 29. April 2010, eine Fassung für Playstation 3 soll nicht erscheinen. Das Spiel hat von der USK eine Freigabe erst ab 18 Jahren erhalten.
Fazit
Neustart geglückt: Ubisoft Montreal hat viel riskiert, mit den zahlreichen Veränderungen der Splinter-Cell-Reihe aber die dringend benötigte Frischzellenkur verpasst. Schleichen ist nicht mehr primäres Spielziel, sondern nur noch ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um die Gegner auszuschalten. Das Tempo ist hoch, die Handlung spannend, die Abwechslung so groß wie nie und die Bedienung nahezu perfekt. Fisher tritt im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Schatten heraus, in dem er sich die letzten Jahre verkrochen hatte.
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