Interview: "Vorschlaghammer und Skalpell in Medal of Honor"

"Wir haben beide Elemente drin in Medal of Honor: Vorschlaghammer und Skalpell" , erklärte Richard Farrelly, Senior Creative Director des Ego-Shooters, dessen Singleplayerkampagne derzeit mit seiner Beteiligung bei Electronic Arts entsteht, im Gespräch mit Golem.de. Farrelly war zuvor Mitglied des Entwicklerstudios Treyarch , das unter anderem für Call of Duty 5 zuständig war.

"Sledgehammer and Scalpel" ist eine Redewendung, die Farrelly und seine Kollegen gerne verwenden, um die Atmosphäre des virtuellen Krieges zu beschreiben. Und damit gleichzeitig das Vorgehen der real existierenden US-Army, die zum einen auf schwere Schläge setzt und zum anderen auf sogenannte "chirurgische Spezialaktionen", bei denen bestimmte Ziele von Elitesoldaten erreicht werden sollen – angeblich ohne allzu viel Gefahr für Zivilisten.










Vorbild für Medal of Honor sind die Kämpfer der "Tier 1 Operators" der US-Army. In der Realität sind sie nach Auffassung von Farrelly die härtesten und effektivsten Krieger der Welt. Es gebe rund 50.000 Elitesoldaten in den Reihen der amerikanischen Armee, nur 200 bis 300 von ihnen gehörten zu dem besonders elitären Kreis. Bewerben könne man sich dafür nicht, der Kontakt erfolge ausschließlich nach Einladung – und selbst dann absolvierten nur fünf Prozent der Kandidaten die Prüfungen erfolgreich und schafften es in den Zirkel. "Das sind beeindruckende Typen, psychisch und physisch" , beschrieb Farrelly die Begegnung mit einigen von ihnen, die bei der Entwicklung des Programms als Berater helfen. "Im Einsatz sind sie kaum als Amerikaner zu erkennen, sie tragen Bärte und sehen aus wie die afghanische Bevölkerung" ; selbst vor den Entwicklern sind sie zum Teil nur getarnt aufgetreten.
Farrelly präsentierte eine Mission, in der ein kleiner Trupp dieser Tier-1s bei der Arbeit zu beobachten war, er selbst steuerte einen der Soldaten. Der Einsatz spielt im Tal von Shahikot, das in Afghanistan an der Grenze zu Pakistan liegt. Eigentlich eine idyllische Landschaft, die auch im Spiel dank Unreal Engine 3 schön anzusehen ist: Unten schlängelt sich eine Straße oder ein Fluss, die Felsen mitsamt Flora und Fauna sind von Morgensonne überflutet. Allerdings haben sich Angehörige von al Qaida in den Bergen verschanzt und ein paar Flugabwehrkanonen aufgebaut, die amerikanische Luftangriffe – den Vorschlaghammer also – verhindern.










Den ersten Afghanen, einen Ziegenhirten, erledigen Farrelly und seine Mannen noch auf vergleichsweise friedliche Art, sie legen ihn schlafen. Wenig später rattert dann aber die M-16: Auf linearen Wegen geht es über Stock und Stein und entlang eines Abgrunds einen Berg hinauf, immer wieder blockieren Krieger von al Qaida den Weg, die von den Tier-1-Soldaten getötet werden. Zu besonders heftigen Kämpfen kommt es um die feindlichen Flaks, die einen US-Bomber aufs Korn nehmen, und als auf einer felsigen Passstraße gegenüber ein Konvoi von gegnerischen Trucks auch mit massiver Luftunterstützung beschossen wird – was in seiner Wucht sehr an Call of Duty erinnert.
Auch einige weitere Passagen erinnern an das Vorbild, etwa als der Spieler von einem Kollegen mit glaubwürdig wackelnder Ego-Kamera an einer kleinen Steilwand hochgezogen wird, oder als er zum Abschluss des Einsatzes dann doch in einen feindlichen Gewehrlauf blickt... Farrelly will noch nicht alle Details zu der Einzelspielerkampagne verraten – insbesondere auf die Frage, was an Patronen erinnernde eingeblendete Symbole über den Köpfen der Kameraden sein sollen, wollte er nicht antworten.
Der Multiplayermodus von Medal of Honor war bei der Präsentation noch nicht zu sehen. Er entsteht auch nicht bei EA direkt, sondern wird auf Basis der Frostbite-Engine von Dice entwickelt. Beide zusammen sollen nach Herstellerangaben für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC am 31. Oktober 2010 auf den Markt kommen. Über die Notwendigkeit von Schnitten in der deutschen Version hat man sich laut Farrelly bislang noch keine Gedanken gemacht.