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Interview: "Smartphones sind doch ganz simpel"

CES2010
Axel Postinett im Gespräch mit HTC-Chef Peter Chou. Drei Buchstaben, die eigentlich viel zu unbekannt sind: HTC . Dahinter steckt ein taiwanischer Handyhersteller, der unter anderem das neue Nexus One von Google produziert. HTC-Chef Peter Chou kündigt im Gespräch mit dem Handelsblatt intelligente Telefone mit einem neuen, einfachen Betriebssystem an und plaudert über sein neues Google-Handy.
/ Jens Ihlenfeld
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Der taiwanische Handyhersteller HTC produziert das neue Smartphone Nexus One von Google . Bislang ist der Hersteller bereits etwa als Lieferant des T-Mobile-Handys G1 mit dem Betriebssystem Android , das auch das Nexus antreibt, aufgefallen. Zudem stellt HTC den Großteil der Windows-Mobile-Handys mit Microsoft-Betriebssystem her. Mit Firmenchef Peter Chou sprach Handelsblatt-Redakteur Axel Postinett am Rande der Unterhaltungselektronikmesse CES in Las Vegas .

Handelsblatt: Ihr neues Android-Smartphone Nexus One hat ziemliches Aufsehen erregt im Vorfeld der CES in Las Vegas. Wie eng hat HTC mit Google zusammengearbeitet?

Peter Chou: Andy Rubin, der Chef der Android-Sparte, war schon früher ein Freund von mir. Ich war schon vor der Übernahme durch Google bei seinem Start-up für Android involviert. Wir kamen schließlich überein, dass wir aufgrund unserer früheren Erfahrungen gut zusammenarbeiten können.

Handelsblatt: Konkret heißt das?

Chou: Andy hatte das Konzept für Android, und wir haben überlegt, wie es umgesetzt werden könnte. Nach der Übernahme des Start-ups durch Google haben wir ein HTC-Team von 50 Mitarbeitern für ein Jahr zu Google geschickt.

Handelsblatt: Warum haben Sie sich damals um Android bemüht?

Chou: In unserer Branche spricht man immer darüber, wer was vorhat, wie man sich die Zukunft vorstellt. Irgendwann haben wir gesagt: Lass uns was zusammen machen.

Handelsblatt: So simpel?

Chou: Ja, so simpel. Ich bin schon so lange in der Branche wie ein alter Soldat. Da kennt man Gott und die Welt.

Handelsblatt: Als alter Kämpfer der Telekom-Branche: Hat Sie diese enorm schnelle Entwicklung der Smartphoneindustrie überrascht?

Chou: Nein, wir haben uns immer überlegt, wie man das Leben mobiler und effektiver und angenehmer machen könnte.

Handelsblatt: Nicht überrascht? Wir sehen schon einen enormen Umschwung in der Branche. Alte Marktgiganten wie Nokia sind angeschlagen, neue Spieler wie Apple tauchen wie aus dem Nichts auf. Was ist passiert?

Chou: Das ist zugegebenermaßen in der Tat sehr überraschend, wie schnell dieser Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Das hatte ich in der Geschwindigkeit so nicht erwartet. Auch HTC war vor wenigen Jahren noch ein unbekannter kleiner Hersteller. Heute sind wir vorne mit dabei.

Handelsblatt: War das alles das Verdienst des iPhones? Wird Apple den Markt übernehmen?

Chou: Das iPhone war sicherlich ein wichtiger Schritt. Aber es ist nur der Anfang der Entwicklung. Es wird nicht ein einziges System dominieren. Man darf auch auf gar keinen Fall die Stärke der alten Marktgiganten wie Nokia unterschätzen. Die können jederzeit wieder zurückkommen. Da ist noch lange nichts entschieden.

Handelsblatt: Was ist das Geheimnis des schnellen Aufstiegs von HTC, das ja erst 1997 gegründet wurde?

Chou: Von einem Geheimnis würde ich nicht sprechen, aber wir haben die richtige Vision: Wir haben uns auf die mobile Konvergenz konzentriert. Und wir haben immer bewiesen, dass wir die Visionen in gegebener Zeit auch in die Praxis umsetzen können.

Handelsblatt: Wo ist der Platz für einen Hardwarehersteller wie HTC in einer Welt, in der die Mobilfunkbetreiber den Markt dominieren oder seit jüngstem auch Google als Marke? Sind sie der stille Zulieferer im Schatten?

Chou: Wir sind mehr als ein Hardwarehersteller. HTC steht für eine gute Nutzererfahrung mit dem Smartphone. Das ist eine holistische Erfahrung aus Hardware und Software, in unserem Fall unsere eigene Oberfläche HTC Sense. Wir wollen diejenigen sein, denen der Kunde glaubt, dass sie wissen, wie ein Smartphone aussehen muss.

Handelsblatt: Ok, aber das erzählt mir wirklich jeder ...

Chou: Stimmt, aber dieser Markt ist extrem wettbewerbsintensiv. Die Leute merken schnell, wenn Sie Ihre Vision nicht liefern können. Die sind nicht dumm. Wer immer nur redet und nichts zeigt, hat keine Chance.

Handelsblatt: Sie liefern. Werden Sie der Apple der Android-Welt?

Chou: Das ist nicht mein Ziel. Mein Ziel ist es, HTC zu einem der besten Smartphonehersteller zu machen. Wir wollen nicht irgendjemand anderes sein, irgendjemanden ersetzen. Wir sind HTC.

Handelsblatt: Das sehen andere anders. Es gab jüngst einige Herabstufungen der HTC-Aktie durch Analysten.

Chou: Also, es gibt viele verschiedene Arten von Analysten mit verschiedenen Ansichten. Das ist ok. Die kurzfristige Sicht halte ich jedoch nicht für ausschlaggebend: Dieses Unternehmen hat einen Langzeitwert. Wissen Sie, da gibt es Leute, die uns schon mit den größten Unternehmen der Branche vergleichen und dann enttäuscht sind, dass wir nicht auch schon so groß sind wie die. Das ist nicht korrekt.

Handelsblatt: Sprechen wir von Brew, einer Betriebssystemplattform des Chipherstellers Qualcomm. Sie wollen mit Brew in Zukunft neue Geräte entwickeln. Warum denn jetzt noch ein Betriebssystem neben Android und Windows Mobile? Wo ist der Sinn?

Chou: Das Betriebssystem ist nicht so wichtig. Wichtig ist, was für ein Erlebnis Sie dem Kunden vermitteln. Nehmen Sie das Nexus One zum Beispiel, das Google das Superphone nennt. Damit haben wir gezeigt, dass wir in der Lage sind, diese Art der Supertelefone bauen zu können. Aber wenn wir den Kunden zuhören, ist deutlich ein Wunsch nach einfacher zu bedienenden und preisgünstigeren Telefonen wahrnehmbar. Die heutigen Smartphones sind großartig, aber sie wenden sich an eine Gruppe von technologisch aufgeschlossenen Leuten, die sich für Smartphones begeistern können. Aber da ist eine riesige Gruppe von Menschen, die eine tolle Erfahrung mit Berührungsbildschirmen haben möchten, ohne die gesamte Palette der Möglichkeiten und Herausforderungen eines Smartphones mitkaufen zu müssen. Die schrecken erst einmal zurück, wenn sie so ein Gerät sehen. Für diese Gruppe werden wir Telefone mit Brew bauen.

Handelsblatt: Warum dann nicht wieder mit Google zusammenarbeiten? Warum nicht Android auf einfacheren Geräten? Google will unbestreitbar auch die Massen erreichen.

Chou: Google hat zunächst einmal das klare Ziel, das Google-Erlebnis für seine Nutzer immer besser und ansprechender zu gestalten. Das Googlephone ist ein hervorragendes Gerät, ohne Frage. Aber es wendet sich immer noch an eine eher technisch interessierte Gruppe. Unser Ziel wird jetzt sein, denen ein Smartphoneerlebnis zu geben, die überhaupt keine Lust haben, sich mit Technik zu beschäftigen, aber doch gerne das Erlebnis eines Smartphones haben möchten. Touchscreens, einfache Integration von sozialen Netzen, und so weiter.

Handelsblatt: Versprechen das nicht alle?

Chou: Was ist denn die Realität? Diese Gruppe von Nutzern hat heute normale Mobiltelefone, wir nennen sie Featurephones, die weniger können als Smartphones. Aber dafür sind sie noch schwieriger zu bedienen, mit unübersichtlichen Menüs. Das Nutzererlebnis mit diesen Geräten ist einfach grauenhaft. Es gibt Hersteller, die einfach nur einen Berührungsbildschirm einbauen und schon behaupten, das ist ein Smartphone. So geht das wirklich nicht.

Handelsblatt: Greifen Sie mit Brew dann endgültig den Markt der Massenhersteller wie Nokia oder Samsung an?

Chou: Nein, so was interessiert mich überhaupt nicht. Wir greifen niemanden an. Wir konzentrieren uns ganz einfach darauf, unsere Idee von einer intelligenten, einfach zu nutzenden Benutzeroberfläche zu so vielen Konsumenten wie möglich zu bringen. Wir glauben, dass wir dafür mit unserer Oberfläche HTC Sense, die es auch auf Windows und Android gibt, die nötige Expertise haben.

Handelsblatt: Die Zielgruppe, über die wir reden, das sind noch immer rund 80 Prozent des Marktes. Das ist gerade der Bereich, in dem Nokia stark ist.

Chou: Wenn wir Produkte designen, haben wir keine Wettbewerber im Sinn. Wir wollen jetzt den Menschen einfach zeigen: Hey, schaut mal: Smartphones, das ist doch ganz simpel, davor müsst ihr keine Angst haben.

Handelsblatt: Warum ist Brew dafür besser geeignet als Android?

Chou: Brew ist in der Lage, mit deutlich geringeren Hardwareanforderungen auszukommen als Android oder Windows Mobile zum Beispiel. Damit lassen sich dann ganz andere Preispunkte unterhalb der heutigen Smartphones besetzen.

Handelsblatt: Bedeutet das einen Preiskrieg? Was sind die Preispunkte, die man besetzen muss? Unter 200 Euro? Unter 100 Euro?

Chou: Die Preisfindung hängt von zu vielen Faktoren ab, als dass ich das jetzt beantworten könnte. Aber ich kann sagen, dass die Geräte ganz erheblich billiger als die heutigen Smartphones sein werden.

Handelsblatt: Wann werden wir die ersten Geräte auf Basis von Brew mit der Oberfläche HTC Sense sehen?

Chou: Die werden wir noch in diesem Frühling sehen. Warten wir mal die Mobilfunkmesse in Barcelona im Februar ab.

Handelsblatt: Kommt das Gerät wieder in Zusammenarbeit mit Mobilfunkbetreibern?

Chou: Ja, auf jeden Fall. Das Googlephone ist ein Spezialfall. Normalerweise vertreiben wir immer Telefone von HTC mit HTC-Logo und dem Logo eines Netzbetreibers.

Handelsblatt: Der gesamte Mobiltelefonmarkt wächst derzeit nur noch gering bis gar nicht. Werden irgendwann wieder die alten Wachstumsraten zurückkehren?

Chou: Die Zeiten des jährlichen Wachstums von zehn bis 15 Prozent sind sicherlich vorbei. Wachsen wird nur noch der Smartphonebereich.

Handelsblatt: Wenn der Gesamtmarkt nicht mehr wächst und kein Marktteilnehmer ausscheidet, kommt es zu blankem Verdrängungswettbewerb.

Chou: Ausschließen kann man gar nichts. Aber ich habe keine Glaskugel. Tatsache ist, dass die Unternehmenslandschaft unverkennbar in Bewegung geraten ist.

Handelsblatt: Werden Sie bei Netbooks einsteigen? HTC hat 1997 schließlich als Notebookhersteller begonnen.

Chou: Damals waren wir bei Notebooks einfach zu spät, und da habe ich mich lieber ganz auf den PDA- und Smartphonesektor konzentriert. Aber wir haben heute Abteilungen, die sich kontinuierlich mit neuen Produktchancen beschäftigen.

Handelsblatt: Kommt also ein HTC-Netbook oder Smartbook?

Chou: Abwarten. Wir wollen nicht irgendein Produkt bauen. Wenn wir so etwas machen, dann müssen wir wissen, dass wir damit einen Mehrwert für den Kunden liefern können.

[ Das Interview führte Axel Postinett für das Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) .]


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