Spieletest: Bayonetta - erotische Hexe im Prügelrausch

Prinzipiell reichen zum Niederringen der himmlischen Botschafter zwei Aktionstasten. Mit denen tritt, schlägt und schießt der Spieler, und oft geschieht das alles zusammen in den unzähligen Kombos - je nachdem in welcher Reihenfolge und wie lange die Knöpfe gedrückt werden. Bayonetta erweist sich dabei als äußerst agil: Doppelsprünge, wirbelnde Fußtritte inklusive dauerfeuerspeienden Stiefelabsätzen, Faustschläge sowie unzählige Sonderattacken lassen auch im heftigsten Gefecht kaum Langeweile aufkommen.
Zu Beginn wirkt es noch so, als würde auch unkontrolliertes und schnelles Knöpfedrücken zum Erfolg führen. Spätestens ab dem Schwierigkeitsgrad "normal" sind die Kontrahenten aber derart zäh, dass planloses Vorgehen wenig bringt. Je weiter das Spiel fortschreitet, desto zahlreicher werden zudem die neu erlernten, einsammelbaren oder käuflichen Extras und Spezialangriffe - vom Riesenschlüssel, der nicht nur zum Toreöffnen, sondern auch zum Gegnervertrimmen taugt, über diverse Klingen bis hin zu gewaltigen Blitzattacken oder Folterinstrumenten ist einiges im Angebot.
Besonders wichtig ist die Hexenzeit: Weicht Bayonetta einem gegnerischen Angriff erst in letzter Sekunde aus, wird dadurch eine Zeitlupe aktiviert. Die ist einerseits hilfreich bei kleineren Rätseleinlagen - etwa, wenn Bayonetta übers Wasser gehen muss, um eine Schlucht zu überwinden. Vor allem aber wird ihr Einsatz bei den zahlreichen Zwischen- und Endgegnern nötig. Die sind teils bildschirmgroß und ebenso abwechslungsreich gestaltet wie aggressiv; ein Gefecht kann da auch schon einige Minuten dauern.
Optisch liefert Bayonetta ein beeindruckendes Feuerwerk von Ideen, Details und Effekten. Die Hexe kämpft in andalusisch anmutenden Städten, auf Friedhöfen, in Bars und in himmlischen Sphären ebenso wie in höllischen Fantasiewelten. Wer ein Spiel nur genießen kann, wenn es logisch aufgebaut ist, wird mit Bayonetta somit oft seine Probleme haben. Warum auf einmal der Höllenschlund betreten, ein bestimmter Raum aufgesucht oder eben genau dieser Wächter erledigt werden muss, ist manchmal nicht nachvollziehbar.
Auch sonst sind die Einfälle der Entwickler denkbar abstrus: Da verwandelt sich Bayonetta mal in einen Vogel, dann wieder in ein riesiges Monster, kämpft auf einem Highway oder in einem Bahnhof, dazu ertönt abwechselnd orchestrale Musik oder sanfter Pop. Ein weiteres Beispiel für den Erfindungsreichtum der Entwickler sind die langen Haare der Dame, denn die Mähne verwandelt sich dank Beschwörung ebenfalls in ein mächtiges Angriffswerkzeug, etwa einen Drachen. In den Zwischensequenzen werden derweil Esoterik, Religion und Hightech verquirlt - da heißt es, Gehirn ausschalten und sich einfach von der abgefahrenen Action unterhalten lassen.
Auch technisch hat das Entwicklerteam Platinum Games ganze Arbeit geleistet: Ein hoher Detailgrad, flüssige Animationen und trotz massiven Gegneraufkommens nur seltene Ruckler überzeugen. Die englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln ist ebenso gelungen wie die eingängige Bedienung - dank gut ins Spiel integriertem Tutorial gehen auch aufwendigere Combos schnell und leicht von der Hand.
Bayonetta ist für Xbox 360 und Playstation 3 erhältlich, kostet rund 60 Euro und hat von der USK keine Jugendfreigabe bekommen - viel nackter Pixel-Haut und noch mehr virtuellem Blut sei Dank.
Fazit
Bayonetta mag in vielerlei Hinsicht - vom Spielprinzip bis zur übertrieben cool inszenierten Action - an Capcoms Vorzeigetitel Devil May Cry erinnern. Insgesamt ist Sega trotzdem etwas ganz Eigenes gelungen - eine derart übertrieben inszenierte, erotische, aggressive, humorvolle und zudem noch sympathische Actionheldin hat die Computerspielewelt schon lange nicht mehr gesehen. Wer sich an abstrusen Stilkombinationen und Logiklöchern nicht stört und überbordende, wahnwitzige Action schätzt, wird Bayonetta lieben. Die Messlatte für 2010 hat Sega jedenfalls jetzt schon beeindruckend hoch gelegt.



