Facebook & Co laufen der privaten E-Mail den Rang ab
Das E-Mail-System ist kaputt. Spam, fehlerhafte E-Mail-Clients und umständliches Webmail sind Teile dieses defekten Systems. Alternativen gab es dazu lange kaum. Denn die Echtzeitkommunikation via Instant Messaging oder IRC eignet sich nicht immer - nicht immer sind alle gleichzeitig da; Telefon und Anrufbeantworter nehmen keine Bilder entgegen; und Briefverkehr ist sowieso zu umständlich.
Mit den sozialen Netzwerken ändert sich das, zumindest für den privaten Gebrauch. E-Mail-Adressen müssen nicht mehr mühsam eingesammelt werden, sondern Namen, in der Regel echte Namen, lassen sich wie in einem Telefonbuch suchen. Und um es einfacher zu machen, sieht der Nutzer eines sozialen Netzwerks, welche Freunde seine Freunde haben.
Soziale Netzwerke gibt es viele, etwa Linkedin, Xing oder die vor allem national verbreiteten VZ-Netzwerke, die wie Golem.de zur Georg von Holtzbrink Verlagsgruppe gehören, oder die regional ausgerichteten Netzwerke Wer-kennt-wen oder die Lokalisten. Doch Xing ist für den geschäftlichen Alltag gedacht und ohne kostenpflichtigen Zugang eher langweilig. Dann gibt es noch das Forschungsprojekt Hello World - ein dezentrales Netzwerk. Der Einfachheit halber beschränken wir uns hier auf das derzeit größte und internationale soziale Netzwerk Facebook. Doch vieles, was für Facebook gilt, trifft auch auf andere soziale Netzwerke zu.
Facebook nutzen derzeit mehr als 300 Millionen Menschen weltweit. Davon sollen immerhin 200 Millionen Nutzer aktiv sein. Vor allem wer Menschen in aller Welt kennt oder selbst viel unterwegs ist, dem macht es Facebook leicht, Kontakt zu halten. Der Facebook-Nutzer kann alte Bekannte wiederfinden und bestehende Bekanntschaften pflegen. Facebook nennt sie ausnahmslos Freunde; in den meisten Fällen trifft die Zuordnung Bekanntschaft eher zu.
Regelmäßige Nachfragen nach dem Befinden der Bekannten entfallen. Denn der Nutzer verteilt per Facebook unaufgefordert das, was er erlebt und entdeckt. Regelmäßig, mit Bildern angereichert und manchmal sehr ausführlich. Das Tolle dabei: Jeder kann mitlesen und in Kommentaren offen seinen Neid zugeben. Das ginge natürlich auch mit einer umständlichen Mailingliste, doch wer sammelt schon alle E-Mail-Adressen des Freundeskreises ein, um dann allen beizubringen, wie eine Mailingliste funktioniert?
Facebook löst auch als direktes Kommunikationssystem gleich mehrere Probleme, die das E-Mail-System hat. Erstens erübrigt sich die Frage nach der E-Mail-Adresse in der Regel, die Ansprache erfolgt über eine Direktnachricht via Facebook. Selbst wenn jemand eine Zeit lang nicht kontaktiert wurde, ist er verhältnismäßig leicht zu finden: über gemeinsame Bekannte, über den Namen oder die gesuchte Person findet einen gar selbst.
Zweitens entfällt die Pflege eines Adressbuchs. Alle wichtigen - und sicher auch unwichtigen - Basisinformationen hat der Bekannte in seinem Facebook-Profil ohnehin halböffentlich zugänglich gemacht. Die Informationen werden von den jeweiligen Kontakten selbst gepflegt.
Und drittens haben Facebook-Nutzer nicht die Probleme, die die E-Mail beim Versenden von Dateien macht. Grundsätzlich bläht eine E-Mail Anhänge um 30 bis 35 Prozent auf und disqualifiziert sich damit zum Herumschicken von Videos oder Bildern. Zudem warnen E-Mail-Programme bei übergroßen Bildern nicht automatisch. Spätestens wenn von der neu erworbenen DSLR-Kamera RAW-Bilder unkomprimiert verteilt werden, ächzt das Postfach des Empfängers. Bei Facebook alles kein Problem. Bilder werden hochgeladen statt versendet, noch dazu gnadenlos verkleinert. Auch die Konvertierung eines Videos übernimmt Facebook nutzerfreundlich gleich mit.
Mit Fotos und Videos unterstützt Facebook einen Großteil dessen, was der moderne Internetnutzer mit anderen teilen will. Dazu kommen noch Links, die Facebook mit einer kleinen Vorschau versieht. All das ist bei Facebook sehr einfach zu handhaben, bei einem E-Mail-Programm sorgt es für Kopfzerbrechen. Videoeinbettung in eine E-Mail ist ohnehin nur mit Mühen möglich und E-Mail-Puristen bekommen schon einen allergischen Schock, wenn die E-Mail nicht aus Plain-Text besteht.
Facebook löst noch mehr Probleme: Die klassischen Spam-E-Mails gibt es nicht. Abgesehen natürlich von den Facebook-Spielen oder den Nonsens-Updates der Freunde, die die Facebook-Pinnwand zukleistern. Doch hier gibt es effektive Abhilfe: mit einem Klick lassen sie sich ein für alle Mal verstecken.
Auch E-Mail-TOFU(öffnet im neuen Fenster) , einen Zitierstil, für den es im Usenet noch Prügel gibt, gibt es bei Facebook nicht. Hier haben Nutzer erstaunlicherweise nicht den Drang, den kompletten Inhalt einer vorangegangenen E-Mail samt aller Anhänge nochmals zu verschicken. Das liegt vor allem am übersichtlichen Design der Facebook-Nachrichten im Postfach. Entwickler von E-Mail-Programmen haben das irgendwie verschlafen. Hier kann der Anwender schon froh sein, wenn Threading funktioniert, die References korrekt gesetzt werden und die Darstellung klappt. All das ist bei Facebook und Co. uninteressant.
Die Schattenseiten sozialer Netzwerke
Natürlich hat Facebook auch gravierende Nachteile. Allerdings werden sie nicht von vielen Nutzern bemerkt und lösen nur selten Widerstand der Nutzergemeinde aus. Doch Facebook bietet ganz neue Angriffspotenziale. Phishing und Spam ist der E-Mail-Nutzer gewohnt. Die Übernahme eines Facebook-Profils, die Zugriff auf Dutzende, wenn nicht gar hunderte Bekanntschaften verschafft, kennt hingegen kaum einer. Angreifer können in dem Fall das Profil dazu nutzen, alle Bekanntschaften anzuschreiben und sogar anzuchatten. Hilferufe aus dem Ausland sind so schnell abgesetzt und schädliche neue Programme verteilt.
Das wäre wiederum bei der E-Mail deutlich schwerer, da sich ein so umfangreicher Datensatz nicht zentral an einer Stelle befindet. Für einen gleichwertigen E-Mail-Angriff müsste der Rechner gehackt, Profildaten ausgelesen, der Lebenslauf für gezielte Angriffe gefunden und das Adressbuch ausgelesen werden. Selbst dann hat der Angreifer noch nicht so viele Informationen, wie bei einem gut gefüllten Facebook-Profil. Außerdem dürfte einer E-Mail viel eher misstraut werden als einer Facebook-Nachricht eines Bekannten, der vielleicht sogar live chattet, von seinem Überfall in London berichtet - und dringend Geld auf seinem Western-Union-Konto braucht.
Facebook hat zu viele Dienste an einer Stelle gebündelt. Das ist zwar komfortabel, doch ist damit auch eine höhere Verantwortung anderen Nutzern gegenüber verbunden. Das bedeutet in erster Linie genau zu überlegen, wie das eigene Facebook-Profil geschützt werden kann. Dieser Verantwortung sind sich leider nicht viele Facebook-Nutzer bewusst. Das war aber auch schon bei E-Mail-Nutzern der Fall, die auf jede Exe-Datei klickten, egal von wem sie war.
Bei den Sicherheitsfragen wird sich in Zukunft viel tun. Dass dafür nur eine Firma zuständig ist, ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil Facebook als zentral agierendes Netzwerk Großangriffe schnell vereiteln kann. Fluch, weil im Zweifelsfall alle Nutzer von Angriffen betroffen sind.
Kaum Privatsphäre: Ist der Nutzer schuld oder das Netzwerk?
Die Frage der Privatsphäre ist ein grundsätzliches Problem sozialer Netzwerke. Xing und Stayfriends zeigen etwa an, wer das eigene Profil besucht hat. Das ist zwar hochinteressant für den, der besucht wird, aber unangenehm für den, der sich so eventuell den Ruf eines Stalkers einhandelt. Bei Facebook lassen sich die Besucher des eigenen Profils hingegen nicht nachvollziehen.
Problematisch ist hingegen, dass die Nutzer bei Facebook weltweit verteilt sind und bezüglich der Privatsphäre und des Datenschutzes ganz unterschiedliche Meinungen haben. Nicht allen wird Facebook gerecht.
Vor allem aber geben viele Nutzer zu schnell und bereitwillig ihre Privatsphäre selbst auf. Sie laden hoch, was die Festplatte hergibt, veröffentlichen Geburtstage und geben die Veränderung des Beziehungsstatus bekannt, damit auch ja der gesamte Freundeskreis mitbekommt, dass sich einer vom anderen getrennt hat und jetzt Single ist. Über die Folgen solchen Handelns sind sich viele Teilnehmer nicht bewusst.
Vor allem jüngere Teilnehmer lernen so auf die harte Tour von ihren Fehlern - Schule und Eltern sind da oft inkompetent. Spannend wird es, wenn ein junges Facebook-Mitglied älter wird und eine für die Öffentlichkeit interessante Position einnimmt. Irgendwer sichert das Facebook-Profil bestimmt für die Nachwelt.
Wenn der Chef mitliest und die Familienmitglieder Facebook entdecken
Unangenehm kann es auch werden, wenn plötzlich die eigene Familie Facebook entdeckt oder der Arbeitgeber dort ebenfalls aktiv ist. Freundschaftsanfragen von solchen Menschen lassen sich kaum abweisen - wer weiß, ob das nicht als Beleidigung aufgenommen wird? Manchen wird aber so bewusst, welche persönlichen Daten im Facebook-Profil liegen. Bestimmte Fotos verschwinden, um konservative Eltern nicht zu verschrecken und Aussagen wie: "Heute im Büro war alles Mist" , landen nicht mehr auf der Pinnwand. Es wird aufgeräumt. Ein Bewusstsein für Privatsphäre macht sich bemerkbar, das vorher nicht existierte, als "Ich habe ja nichts zu verbergen" die Devise war.
Problematisch können noch Bekanntschaften, Freunde und Familie werden, die ja auf der eigenen Pinnwand posten können. Selbst wenn der eigene Geburtstag im Profil sinnvollerweise gar nicht veröffentlicht wird, gehen dort scheinbar harmlose Geburtstagsgrüße ein, massenweise. Denn der eine oder andere kennt das Datum ja aus anderer Quelle und posaunt es heraus. Aber es geht auch schlimmer: "Na, war Dein Arbeitstag wieder so schlecht? Drängt Dich Dein Boss immer noch wegen des Facebook-Artikels?" , erkundigt sich plötzlich der Kumpel auf der eigenen Pinnwand. Jetzt gibt es vier Möglichkeiten: Ignorieren, Antworten und Firma in Schutz nehmen, Antworten und die Wahrheit posten oder den Pinnwandpost löschen. Dabei wird mindestens ein Mensch verärgert sein.
Um solche Postings entschärfen zu können, sollten alle, die in sozialen Netzwerken angemeldet sind, aktiv sein. Ein kleiner Hinweis an bestimmte Kontakte, dass der eigene Chef mitliest, kann zum Beispiel nicht schaden.
Allerdings kann dann der Dienstleister den Nutzer noch gehörig in die Pfanne hauen. So tat es Facebook vor ein paar Wochen mit seinen neuen Einstellungen zur Privatsphäre . Statt alles möglichst abzudichten, waren die Einstellungen plötzlich offen wie ein Scheunentor. Ein kurzer Blick auf Bekannte, die man bewusst oder unbewusst noch nicht in seine Liste aufgenommen hat, offenbarte bisher unbekannte Informationen. Nicht wenige dürften von dem Facebook-Manöver überrascht worden sein. Erwischt hat es sogar den Facebook-Gründer und Chef Mark Zuckerberg, der anscheinend versehentlich private Fotos veröffentlichte . Die Nutzer sollten daraus lernen: Bestimmte Daten gehören auf keinen Fall ins Facebook-Profil, ganz egal wie der Datenschutz aussieht.
Selbst die neue Gruppenfunktion, mit der Pinnwand-Postings gezielt für einzelne Personenkreise sichtbar gemacht werden können, sollte vorsichtig benutzt werden. Erstens kann einem beim Posting trotzdem ein, dann unter Umständen peinlicher Fehler unterlaufen, indem die falsche Gruppe gewählt wird. Und zweitens kann sich der Nutzer nie sicher sein, dass Facebook bei der nächsten Anpassung der Privatsphären-Optionen nicht wieder Daten frei gibt.
Auch hier ist ein großer Nachteil, dass bei Facebook alles in einer Hand liegt. Was passiert mit Facebook, wenn der Firma das Geld ausgeht? Funktioniert der Dienst dann noch, oder werden die Daten einfach weiterverkauft? Diese Fragen lassen sich nicht so einfach klären, Nutzer sollten sie aber immer im Hinterkopf behalten.
Interessant ist bei den sozialen Netzwerken aber eines: Gerade alte IT-Hasen, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren die Trends geschaffen haben und damals für ihre privaten E-Mail- und öffentlichen Usenet-Gehversuche müde belächelt wurden, haben diesen nicht mehr von den Profis gesetzten IT-Trend verschlafen. Plötzlich sind sie diejenigen, die andere müde belächeln. Doch ohne soziale Netzwerke geht es auch für viele von ihnen nicht mehr. Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder für sich selbst entscheiden - und kontrollieren.



