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Kommt mobiles 100-MBit/s-Internet 2010 nach Deutschland?

Mobilfunknetzbetreiber schweigen sich zu 4G-Plänen im kommenden Jahr aus. Die ersten kommerziellen Mobilfunknetze der 4. Generation mit 100 MBit/s im Downstream starten in diesen Tagen in den Innenstädten von Stockholm und Oslo. Die deutschen Betreiber halten sich mit verbindlichen Aussagen zu LTE noch zurück. Golem.de hat trotzdem einige Neuigkeiten erfahren.
/ Achim Sawall
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Bei LTE, dem Mobilfunk der vierten Generation, sind in den ersten Netzen Datenraten von über 100 MBit/s im Downstream und über 50 MBit/s beim Versand möglich. Golem.de hat die Mobilfunkbetreiber zum Jahreswechsel 2009/2010 gefragt, ob sie bereits 2010 erste öffentliche LTE-Testnetze in deutschen Innenstädten aufbauen werden. LTE ermöglicht Netzbetreibern eine mobile Breitbandübertragung, die auch unterwegs Geschwindigkeiten bietet, wie sie die Nutzer erwarten.

"Wir haben eine ganze Reihe erfolgreiche Pilotversuche gemacht, zur Cebit 2008, dann einen erfolgreichen Handover und dann folgte das LTE-Testnetz in Innsbruck" , erklärt der Sprecher der Deutschen Telekom Hans-Martin Lichtenthäler Golem.de. "Aber die Deutsche Telekom hat keine Entscheidung für oder gegen eine mögliche Technik für das Mobilfunknetz der nächsten Generation getroffen. Bei NGMN (Next Generation Mobile Networks) begucken wir uns alle Technologien, die einen Nutzen für unsere Kunden darstellen, um Möglichkeiten, Chancen und Risiken zu erkennen, um die Technologie zu beherrschen. Eine Einführungsentscheidung für LTE gibt es noch nicht."

Keine Entscheidung

Auch zu einem Zeitplan für eine Entscheidung zu 4G wollte sich Lichtenthäler nicht äußern. Nur soviel: Anfang des zweiten Quartals 2010 versteigert die Regulierungsbehörde die Frequenzen: "Dann wollen wir mal sehen, wie es weitergeht" .

Die Telekom-Tochter T-Mobile hatte nach einer Demonstration auf der Cebit 2008 im September 2008 LTE gemeinsam mit Nortel auf Alltagstauglichkeit getestet. Dabei wurden Daten aus einem Fahrzeug heraus übertragen. Auf den vier Kilometern funktionierte die Datenübertragung auch über verschiedene Zellen hinweg unterbrechungsfrei. Das Netz für diesen Test wurde von Nortel etabliert und bestand aus mehreren Funkzellen. Im Fahrzeug kamen Endgeräte von LG Electronics zum Einsatz. Im zweiten Schritt wurden Anwendungen mit hohen Anforderungen an Bandbreite und Latenzzeiten wie HDTV, HD-Video oder Online Gaming auf ihre Nutzbarkeit unter realen Netzbedingungen untersucht.

Im August 2009 folgte die Ankündigung von T-Mobile für ein LTE-Testnetz in Innsbruck . Es wurde unter realen Bedingungen auf Basis des existierenden 3G-Rasters aufgesetzt und ist derzeit laut T-Mobile das größte Testnetz Europas. Das in Kooperation mit dem chinesischen Telekommunikationsgerätehersteller Huawei durchgeführte Projekt ist mit 60 Funkzellen ausgestattet, die seit Anfang Juli 2009 in Betrieb sind.

Deutschland ein Testland

Albert Fetsch, Sprecher von Telefónica O2 Germany, unterstreicht, dass LTE hierzulande auf der Agenda steht. "Deutschland ist in der Telefónica-Gruppe für LTE auf jeden Fall ein Testland" , sagte er Golem.de. "Wir testen es in der Telefónica-Gruppe, auch in Deutschland sind die Partner ausgewählt." Der spanische Konzern erwartet den kommerziellen Markteinstieg für LTE in Deutschland aber nicht vor 2012/2013, zumal der Rollout der Technologie von der Frequenzauktion abhänge.

Im September 2009 hatte Telefónica umfangreiche LTE-Tests zugesagt. Mit sechs Anbietern von LTE-Technik hatte der Mobilfunkanbieter die Durchführung von Testprojekten in Deutschland und fünf weiteren Ländern vereinbart. Damals hieß es noch, Telefónica wolle "so früh wie möglich für die Markteinführung dieser Netzwerke gerüstet sein" . Als Partner wählten die Spanier Alcatel-Lucent, Ericsson, Huawei, NEC, Nokia Siemens Network und ZTE aus. Die Tests sollten Feldversuche und die Installation von E-Node-B-Stationen umfassen, auf sechs Monate angelegt sein und anderen Anbietern offenstehen. Unter idealen Bedingungen wollte Telefónica dabei bis zu 340 MBit/s über LTE anbieten.

Vodafone gibt sich bedeckt

Bei Vodafone Deutschland herrscht hingegen ängstliche Verschlossenheit: "Wir sagen im Moment noch nichts zu den Ausbaustrategien. Ich kann auch noch keinen Zeitpunkt sagen, wann wir uns dazu äußern. Auch zum globalen Rollout ist noch nichts festgelegt" , sagt ein Firmensprecher Golem.de.

Dabei hatte die deutsche Tochter des britischen Mobilfunk-Multis im August 2009 erklärt, DSL-Lücken in Deutschland mit 4G-Mobilfunk schließen zu wollen. Dabei sollten 50 bis 100 MBit/s erreicht werden. Partner für das Projekt ist Huawei. Vodafone und Huawei wollen die Möglichkeiten LTEs im Frequenzbereich der digitalen Dividende testen. "Irgendetwas zwischen 50 und 100 MBit/s sollte dabei schon rumkommen" , hatte es beim Projektstart geheißen. Die digitale Dividende bezeichnet den Funkfrequenzbereich, der durch die Digitalisierung der Rundfunkübertragung frei geworden ist. Die Frequenzen von 790 MHz bis 862 MHz können für die rund 800 Kommunen nutzbar werden, in denen Breitband bisher kaum verfügbar ist.

Und seit November 2009 ist bekannt, dass eine LTE-Basisstation im sauerländischen Herscheid bei Lüdenscheid in Betrieb genommen wurde. Das Pilotprojekt ist eine Kooperation zwischen der Landesregierung, der Landesanstalt für Medien (LfM), dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Vodafone. Doch auch hierzu herrscht bei Vodafone Funkstille. Die Firma verweist für Auskünfte an die Projektpartner.

Schlusslicht E-Plus

Schlusslicht beim LTE-Ausbau ist wie erwartet der Mobilfunkbetreiber E-Plus, eine Tochter der niederländischen KPN. Firmenchef Thorsten Dirks stellte im August 2008 klar: "Die goldene Zukunft der Branche liegt nicht im Datengeschäft" . Der große Fehler der Branche bestehe darin, dass alle von Milliardenumsätzen mit Daten geträumt hätten. "Aber das wird nicht passieren" , so Dirks. Nicht einmal ein deutschlandweiter HSDPA-Netzausbau war zu der Zeit geplant.

Am 22. Dezember 2009 wurde jedoch ZTE von E-Plus als Partner für HSDPA ausgewählt. Auch künftige, schnellere Datenübertragungsstandards würden mit dem Ausbau von ZTE vorbereitet und seien leichter und schneller in die Netze zu integrieren.

E-Plus-Firmensprecher Jörg Borm sagte Golem.de im Dezember 2009: "Im Augenblick äußern wir uns noch nicht zu unseren Ausbaustrategien bezüglich 4G/LTE. Antworten auf diese Fragen dürften auch die Wettbewerber sehr interessieren" , begründet Borm die Aussage.

Von Ericsson, dem weltgrößten Mobilfunkausrüster, war bislang keine Aussage zur LTE-Zukunft in Deutschland zu erhalten. Und Nokia Siemens Networks will sich erst später äußern.

"Huawei liefert bereits seit Mitte 2009 kommerzielles Netzwerk-Equipment" , sagt ein Sprecher Golem.de. "Die ersten LTE-basierten Verbindungen, die auf Huawei-Produkten beruhen, werden wahrscheinlich ab 2010 verfügbar sein. In Deutschland wird man wohl ab 2011 damit rechnen können." Auch Huawei betont, dass der Zeitplan für den LTE-Rollout stark von der Lizenz-Auktion der Bundesnetzagentur für zusätzliches Spektrum im Jahr 2010 abhängt.

Huawei bekomme aus Deutschland, so der Sprecher, LTE-Anforderungen von einer Reihe von Betreibern, sowohl für die Versorgung von innerstädtischen Bereichen, als auch von unterversorgten ländlichen Gebieten. "Da Deutschland als erstes den Zugang zum 800 MHz Spektrum gewährt, wird die ländliche Versorgung von einiger Wichtigkeit sein."

Technisch könnten nach seinen Angaben mehr als 100 MBit/s in einer Zelle erreicht werden, wenn die maximale LTE-Bandbreite von 20 MHz genutzt werde. 35 MBit/s sei der Mittelwert in einer Zelle. Abhängig von den Betreiberangeboten könnten das die Datenrate sein, die der Endkunde bekommt. "Erste Datensticks werden 2010 erwartet" , sagte der Huawei-Sprecher.

Das Datenvolumen wächst und wächst ...

Nach Angaben der Bundesnetzagentur hat sich die Anzahl der regelmäßigen UMTS-Nutzer von 2005 bis 2008 fast versechsfacht. Das übertragene Datenvolumen ist im gleichen Zeitraum um mehr als das Fünfzigfache gestiegen. Und für 2010 wird nochmals mit einem starken Anstieg des Datenvolumens gerechnet, schließlich werden Online-Videos neben P2P auch im mobilen Internet immer wichtiger.

Die Anwender nerven dabei zunehmend sogenannte mobile Datenflatrates, die aber wegen Kapazitätsproblemen ab einem bestimmten Datenvolumen nur noch gedrosselten Zugang erlauben. Mit dem Ausbau von LTE könnten diese Probleme der Vergangenheit angehören.

Doch ob die Netzbetreiber trotz Weltwirtschaftskrise im kommenden Jahr ausreichend in die Zukunft des mobilen Internets investieren, ist noch unklar. Derzeit halten sich alle Anbieter bedeckt und verweisen auf die Frequenzauktion der Bundesnetzagentur. Damit könnte das Thema dann an Dynamik gewinnen.


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