Digitalkameras 2010: Der Megapixelwahn flaut ab

Die digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) belegen mittlerweile das Preissegment vom Einsteiger bis zum Profi und bekommen mächtig Konkurrenz aus einem ganz neuen Bereich. Spiegellose Kompaktkameras mit Wechselobjektiven, die den Einsteigermodellen unter den DSLRs in puncto Bildqualität fast ebenbürtig, dabei aber viel kleiner und leichter sind, haben die Bühne betreten.
Digitale Spiegelreflexkameras in Bedrängnis
Noch sind nicht einmal eine Handvoll Micro-Four-Thirds-Kameras auf dem Markt, doch das wird sich 2010 ändern. Derzeit haben nur Panasonic und Olympus Modelle im Angebot, die mit dieser Technik arbeiten. Der lukrative Zubehörmarkt für Objektive, Filter und Blitze wird künftig weitere Hersteller dazu beflügeln, Kompaktkameras mit Wechselobjektiven herauszubringen.
Die neuen Modelle werden schneller fokussieren als die erste Generation und mit besseren Displays und Suchern ausgestattet sein. Die sind derzeit noch das größte Manko.
Opulent ausgestattete Kleinstkameras sind nichts Neues in der Fototechnik. In den 1970er Jahren gab es schon einmal den Versuch, kleine Kameras mit Wechselobjektiven zu etablieren. Pentax stellte damals mit der Auto 110 eine kleine Spiegelreflexkamera mit dem Kassettenfilm Pocketfilm 110 und insgesamt sechs Objektiven vor. Das System scheiterte letztlich an mangelnder Nachfrage.
DSLRs auf Lichtsuche
Bei echten Spiegelreflexkameras werden wie jedes Jahr Modelle mit höheren Auflösungen auf den Markt kommen. Sie werden sich durch extrem hohe Lichtempfindlichkeit auszeichnen. Derzeit beherrschen nur die Spitzenmodelle der beiden großen Hersteller Canon und Nikon die nachtsichtartige Lichtempfindlichkeit von ISO 102.400. Im kommenden Jahr wird sich dieser Trend auch bei den Mittelklasse-DSLRs bemerkbar machen.
Mit Innovationen wie Touchscreens für Spiegelreflexkameras und deutlich ausgeweiteter Bildverarbeitung in der Kamera werden die DSLRs außerdem vermehrt Umsteiger ansprechen, die aus dem Kompakt- und Bridgebereich kommen.
Vielleicht bauen die Anbieter auch endlich eine interne Korrektur stürzender Linien ein, um Architekturaufnahmen elektronisch zurechtzurücken. Die teuren Tilt-/Shift-Objektive, die diese Aufgabe optisch lösen, sind für diese Zielgruppe unerschwinglich teuer.
Da Spiegelreflexkameras immer häufiger zum Filmen eingesetzt werden, müssen die Hersteller außerdem Lichtsysteme entwickeln, die für eine adäquate Beleuchtung sorgen. Ein Blitz hilft beim Filmen nun mal nicht weiter. Kleine und batterieschonende LED-Flächenleuchten zum Aufstecken auf die Kamera stellen außerdem ein nettes Zusatzgeschäft dar und würden Hobbyfilmer erfreuen.
Bridgekameras auf dem absteigenden Ast
Superzoom-Bridgekameras mit 20fachem Brennweitenbereich und mehr sind die Exoten der Kameraszene. Sie sind bei Urlaubern beliebt, die möglichst wenig Fotogepäck herumtragen wollen und ein Brennweitenspektrum zwischen Weitwinkel bis zum Supertele abdecken wollen. Die bescheidene Bildqualität dieser Kameras zu verbessern dürfte schwerfallen, wenn wie in den letzten Jahren gleichzeitig die Auflösung erhöht wird.
Deshalb muss das Megapixelrennen gestoppt werden. Den Kunden wird durch das Marketing eine neue Bescheidenheit vermittelt - weniger Megapixel und größere Sensoren ergeben bessere und rauschärmere Bilder.
Kompaktkameras mit weniger Megapixeln?
Bei echten Kompaktkameras mit starrem Objektiv und kleinem Gehäuse zeichnet sich ein ähnliches Bild ab wie bei den Bridgekameras. Die Kunden haben mittlerweile begriffen, dass es keinen Sinn hat, immer mehr Pixel auf die kleine Chipfläche zu pferchen. 2009 haben es einige Hersteller bereits vorgemacht und die Auflösung ihrer Kameras gesenkt, um bessere Bilder zu ermöglichen. Dieser Trend wird 2010 anhalten, aber nicht die ganze Branche erfassen.
Die Ortsbestimmung über GPS ist derzeit ein Nischenthema. Das liegt auch an der lieblosen Umsetzung des Themas. Wenn erst einmal Landkarten direkt im Display angezeigt werden und die Kameras aus drögen Koordinatenangaben echte Städte- und Ortsnamen erzeugen, wird das Thema für die breite Masse interessant. Genauso wichtig wie der Aufnahmestandpunkt ist die Blickrichtung. Sie kann über einen elektronischen Kompass bestimmt werden und lässt Rückschlüsse zu, was der Fotograf aufgenommen hat. Eine solche Funktion ließe sich nur realisieren, wenn die Kamera online nachschlagen kann, was sich in der jeweiligen Himmelsrichtung befindet. GPRS und UMTS in Kameras werden jedoch noch einige Zeit auf sich warten lassen. Vorerst wird das eine Domäne von Smartphones bleiben.
Spezialkameras
Robuste Kameras, die Stürze, Wasser und Staub nicht gleich mit einem Defekt quittieren, werden 2010 vermehrt auftauchen - in allen Kamerasegmenten. Derzeit finden sich die meisten Rugged-Modelle im Kompaktbereich, nur wenige Spiegelreflexkameras verzeihen einen Platzregen. Das wird sich 2010 ändern.
Ausblick
Der Kameramarkt befindet sich nicht zuletzt aufgrund der Wirtschaftskrise in einer Umbruchphase. Sinkende Umsätze in den unteren Marktsegmenten fordern die Innovationskraft der Hersteller heraus.
Jetzt rächen sich die Sünden der Vergangenheit in einem Markt, der sich jahrelang nur über höhere Auflösungen und Lichtempfindlichkeiten der Sensoren definiert hat und banale Softwareinnovationen wie die Gesichtserkennung als bahnbrechende Neuigkeit feierte. Hersteller, die sich trauen, die ausgetretenen Wege zu verlassen und neue Kamerakonzepte wie Micro-Four-Thirds und niedrigere Auflösungen forcieren sowie innovative Ideen wie GPS und Onlineanbindung einführen, werden die Gewinner sein.



