Telekom-Chef rechnet mit Einbruch der Konjunktur

Bei der Präsentation der Quartalszahlen Anfang November hatte Telekom-Chef René Obermann die konjunkturelle Unsicherheit als Grund dafür genannt, dass er für das kommende Jahr noch keine Geschäftsprognose abgeben wollte. Für das kommende Jahr plant der deutsche Marktführer einen weiteren Personalabbau. "Der Personalumbau im Unternehmen muss weitergehen" , sagte Obermann. "In Bereichen, wo die Automation durch die Internettechnologie immer größer wird, fallen Arbeitsplätze weg, in anderen Bereichen stellen wir neu ein." Der Abbau ist Teil eines neuen Sparplans, den Obermann im Februar vorstellen will.
In der Vergangenheit hat der ehemalige Staatskonzern im Schnitt 10.000 Mitarbeiter pro Jahr abgebaut. Es sieht so aus, als würde es Obermann trotz dieser Einschnitte weiterhin gelingen, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Der Sozialpartner trage die Pläne mit, sagte Obermann.
Mit dem Handelsblatt sprach Obermann über die Konjunktur, den umstrittenen Verzicht auf Investitionen in den großen Schwellenländern und den schwierigen US-Markt.
Handelsblatt : Herr Obermann, Ihre Kritiker behaupten, Ihnen fehle eine Vision. Beweisen Sie das Gegenteil. Sagen Sie uns, wie die Telekommunikation in fünf Jahren aussehen wird!
René Obermann: : Vernetztes Leben und Arbeiten wird viel selbstverständlicher sein, und das für fast alle Menschen, denn die Bedienung der Kommunikationstechnologie wird immer einfacher. Wir werden Geräte vermehrt per Sprache und viel stärker als bisher mit berühungsempfindlichen Bildschirmen bedienen. Das Internet wird fast überall und in hoher Geschwindigkeit verfügbar sein.
Handelsblatt : Welche Rolle wird die Telekom spielen?
Obermann: : Wir wollen einer der Weltmarktführer bei Produkten und Dienstleistungen für vernetztes Leben und Arbeiten sein. Der Datenkonsum wird massiv steigen, ebenso die Anforderungen an die Qualität der Netze. Ständig neue Technologien zu integrieren und sie effizient zu betreiben - das ist eine Herausforderung, die nicht viele Unternehmen leisten können. Die Deutsche Telekom kann es.
Handelsblatt : Viele ihrer Wettbewerber sehen die Zukunft in Schwellenländern. Warum scheuen Sie einen Einstieg dort?
Obermann: : Wir müssen in unseren bestehenden Märkten viel Geld in unsere Netze und Produktentwicklung investieren. Wir sind absoluter Marktführer in Zentraleuropa. Wir wollen unsere Position in Süd- und Osteuropa ausbauen. In Märkten wie Rumänien sind nur schlechte Infrastrukturen vorhanden. Dort kommen erhebliche Investitionsanforderungen, aber auch Wachstumschancen auf uns zu. Ähnliches gilt für die USA und für Deutschland, wo wir die Netze auf die nächste Techonologiegeneration aufrüsten.
Handelsblatt : Wenn Sie so viel Geld in Ihre bestehenden Netze investieren, nimmt Ihnen das doch den Spielraum.
Obermann: : Es ist sicher nicht einfach, trotz Investitionen einen so hohen Free-Cashflow zu erwirtschaften, wie es uns derzeit gelingt. Das dritte Quartal war das stärkste, das wir je hatten, mit einem Free-Cashflow von über drei Milliarden Euro, obwohl wir aufs ganze Jahr gesehen die Investitionen um 20 Prozent gesteigert haben. Unser Schwerpunkt liegt derzeit nicht auf großen und waghalsigen Zukäufen, sondern auf der Entwicklung von Geschäftschancen, die mit Breitbandtechnologie möglich sind.
Handelsblatt : Also schließen Sie einen Zukauf in Schwellenländern künftig aus?
Obermann: : Alles hat seine Zeit. Hätten wir vor zwei Jahren dem Druck nachgegeben und in Emerging Markets zugekauft, wären wir heute angesichts der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten. Wir haben es nicht getan, weil wir so viele parallele Herausforderungen hatten. Wir haben uns damals entschlossen, sie zunächst fokussiert abzuarbeiten. Und im Ergebnis haben wir die Wettbewerbsfähigkeit der Telekom in Deutschland und anderen Ländern massiv verbessert.
Handelsblatt : Gerade aus der Position der Stärke heraus könnten Sie doch riskantere Einstiege wagen.
Obermann: : Der Begriff "riskant" in Verbindung mit einem Unternehmen, das 260.000 Menschen beschäftigt, gefällt mir nicht.
Handelsblatt : Wie wäre es mit "mutig"?
Obermann: : Einverstanden, aber wir sind bereits mutige Schritte gegangen. Wir haben in den Niederlanden zugekauft, in den USA und in Griechenland samt fünf weiteren osteuropäischen Ländern.
Handelsblatt : Sie haben mit Ihrer Strategie zwar das Deutschland-Geschäft stabilisiert - nicht aber den Aktienkurs. Da sind Ihnen Wettbewerber wie Telefónica weit voraus.
Obermann: : Das mag an ihrem Engagement in Lateinamerika liegen, aber auch, weil sie mehrjährige Dividendenaussagen treffen. Andererseits, Wettbewerber, die in anderen Schwellenländern engagiert sind, mussten in den vergangenen Jahren erhebliche Einbußen hinnehmen. Der Kapitalmarkt sieht Unternehmen unserer Branche inzwischen weniger als Wachstumstitel, sondern als stabile Dividendenlieferanten. Die Börsen honorieren es, wenn Anbieter wie Telefónica steigende Ausschüttungen ankündigen und weniger investieren. Wir haben dagegen mehr investiert als unsere europäischen Wettbewerber, das ist für unseren langfristigen Erfolg nötig.
Handelsblatt : Das ist ja eine recht konservative Strategie mit dem Fokus auf Technologieführerschaft...
Obermann: : ... und auf besseren Service! Wir sind solide Kaufleute. Die Telekom darf nie wieder ins Schwitzen kommen, sondern muss immer auf der Basis eines soliden Zahlenwerkes und starker Bilanzen ihr Geschäft machen. Nicht zuletzt die Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie wertvoll das ist.
Handelsblatt : Sie haben bei Ihrem Amtsantritt gesagt, Sie wollen sich an der Kursentwicklung messen lassen. Stehen Sie noch dazu?
Obermann: : Ich habe gesagt, dass wir uns an der Wertentwicklung unserer Branche messen lassen sollten. Das heißt, dass wir mindestens im Einklang mit unseren Wettbewerbern stehen sollten. In 2008 haben wir uns deutlich besser als der europäische Telekommunikationssektor und der Dax entwickelt. In den ersten Monaten dieses Jahres sind wir etwas zurückgefallen, aber jetzt erholen wir uns langsam wieder. Entscheidend ist doch, wie sich über die Jahre ein strategisches Programm in der Wertentwicklung eines Unternehmens widerspiegelt.
Handelsblatt : Sie sind jetzt drei Jahre im Amt, am Kurs der T-Aktie müssen Sie aber noch fleißig arbeiten.
Obermann: : Die Telekom unterliegt vielen verschiedenen Anforderungen: Die Politik und die Öffentlichkeit wollen, dass wir noch mehr in den Breitbandausbau investieren. Sie wollen überdurchschnittliche Sozialleistungen und hohe Ausbildungsquoten sehen. Parallel dazu sollen wir alle Anforderungen des Kapitalmarktes erfüllen. Wir arbeiten mit aller Kraft daran, diese zumindest kurzfristig widersprüchlichen Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Aber das braucht Zeit.
Handelsblatt : Wäre es Ihnen lieber, Sie hätten den Bund nicht mehr als Großaktionär?
Obermann: : Nein. Die Kapitalmärkte würden aber kurzfristig Dinge wie einen stärkeren Abbau von Arbeitsplätzen oder eine Reduktion der Investitionen beklatschen. Das ist aus guten Gründen aber nicht unser Weg.
Handelsblatt : Sie stellen im Februar ein neues Sparziel vor. Ist darin ein stärkerer Personalabbau geplant?
Obermann: : Wir machen weiter mit dem Effizienzprogramm. Das ist eine Daueraufgabe, die nie aufhört, das gilt für jede Branche. Der Personalumbau im Unternehmen muss weitergehen. In Bereichen, wo die Automation durch die Internettechnologie immer größer wird, fallen Arbeitsplätze weg, in anderen Bereichen stellen wir neu ein - in diesem Jahr allein über 3.000 Beschäftigte in Deutschland. Das trägt der Sozialpartner auch mit.
Handelsblatt : Wie schätzen Sie die gesamte wirtschaftliche Entwicklung ein? Können wir mit mehr Zuversicht ins kommende Jahr gehen?
Obermann: : Nur sehr kurzfristig. Mittel- und langfristig erwarte ich Rückschläge. Verbraucher und Unternehmen werden für die hohe Staatsverschuldung noch einen Preis zahlen müssen. Darauf müssen wir uns einstellen. Deshalb legen wir bei der Telekom auch in Zukunft Wert auf solide Finanzen und Rücklagen.
Handelsblatt : Wir würden gerne auf Ihren wichtigsten Auslandsmarkt zu sprechen kommen - die USA. Derzeit läuft es da für Sie nicht gut. Sind die goldenen Jahre dort vorbei?
Obermann: : Der US-Markt bleibt attraktiv, da er wächst - am stärksten im mobilen Internet. Es gibt dort neue Kunden und Dienste. Wir sind mit T USA-Mobile technisch richtig aufgestellt, wir müssen uns aber noch stärker beim Ausbau unseres Netzes engagieren. Das ist auch seit Jahren unsere Marschrichtung. Wir haben dort 2009 erheblich mehr investiert als in der Vergangenheit. Allein in diesem Jahr sind es über drei Milliarden Dollar.
Handelsblatt : Wie viel wollen Sie noch in den USA investieren?
Obermann: : Zur Mittelfristplanung will ich nichts sagen. Aber wir werden auch in den kommenden Jahren erheblich in den Netzausbau investieren - nicht nur in den USA, sondern auch in Europa - insbesondere in Deutschland. Das Wachstum aus dem mobilen Internet geht ungebremst weiter. Da kommen riesige Summen auf Sie zu - im Mobilfunk steht der Sprung auf die LTE-Technologie bevor, die noch schneller ist als UMTS. Unsere UMTS-Technologie ist so gut, dass wir die Leistungsfähigkeit noch lange nicht ausgeschöpft haben. Deshalb sind wir - anders als viele Wettbewerber in den USA - nicht gezwungen, bald schon auf LTE umzusteigen.
Handelsblatt : 90 Prozent der Amerikaner haben inzwischen ein Handy. Wird das Datenwachstum die nachlassende Neukundenzahl kompensieren?
Obermann: : Glaubhafte Studien gehen von vier bis fünf Prozent Wachstum in den USA aus. Meine These ist: Die zunehmende Nutzung des mobilen Internets wird auch den Umsatz pro Kunden zumindest stabilisieren.
Handelsblatt : Sie könnten die anstehenden Investitionen gut mit einem Partner teilen - in Großbritannien fusionieren Sie bereits mit ihrem Wettbewerber Orange. Wäre das nicht auch eine Lösung für die USA?
Obermann: : Die Märkte USA und Großbritannien sind nicht vergleichbar. Großbritannien hat mehr als fünf Netze und ist deshalb extrem renditeschwach. Dort verdient keiner ausreichend Geld. Deshalb haben wir uns für eine Fusion entschieden. Die USA bieten andere Chancen. Wir sind nicht auf eine große Transaktion angewiesen.
Handelsblatt : Es gibt viele Spekulationen im Markt. So sprechen Sie angeblich mit kleineren Anbietern wie Metro PCS oder Clearwire.
Obermann: : Solche Gerüchte werden immer wieder von interessierter Seite gestreut. Meistens ohne Substanz. Wir kommentieren sie generell nicht.
Handelsblatt : Würde es sich nicht anbieten, komplett mit France Télécom zusammenzugehen? Ihre Auslandsnetze würden sich bestens ergänzen.
Obermann: : So weit sollten wir nicht gehen. In Großbritannien gibt es eine andere Situation. Dort stellt sich nicht die Frage, ob wir in Deutschland oder Frankreich Betriebe schließen müssen als Folge einer Fusion. Klar ist aber auch, dass Joint Ventures wie in Großbritannien viel Aufmerksamkeit des Managements benötigen, klare Regeln und ein gutes Verhältnis auf der Ebene des Topmanagements. Und das kann ich für France Télécom absolut bestätigen.
Handelsblatt : Wann rechnen Sie mit einer Konsolidierung im deutschen Festnetz?
Obermann: : Aus Sicht eines Anbieters ist Konsolidierung immer zu begrüßen. Der Markt braucht das. Auf Dauer ist es in einem Markt, der so kapitalintensiv ist wie unserer, nicht vorstellbar, dass eine so große Zahl von Wettbewerbern um den gleichen Kuchen kämpft.
Handelsblatt : Sie haben die Datenaffäre unbeschadet überstanden. Bahnchef Mehdorn ist dagegen über seinen Skandal gestolpert. Haben Sie je Angst gehabt, sie könnten die Affäre nicht überleben?
Obermann: : Nein, nie. Ich bin überzeugt, dass ich die Schritte getan habe, die ich tun musste.
Handelsblatt : Wie hat sich die Beziehung zum Aufsichtsrat verändert?
Obermann: : Ich würde es als heilsame Katharsis bezeichnen. Wir hatten im Zuge der Affäre erhebliche Diskussionen und Kontroversen. Heute ist das Vertrauensverhältnis besser denn je - insbesondere auch zur Arbeitnehmerseite.
Handelsblatt : Inwieweit hat die Affäre der Telekom geschadet?
Obermann: : Wir konnten sehen, dass die Berichterstattung darüber dem Image mehr geschadet hat als gute Werbung und Markenkommunikation ihm helfen können. Nach den Berichten sind die Sympathiewerte deutlich gesunken. Berichte über Affären sind generell sehr schädlich. Allein schon deshalb müssen sie umfänglich aufgearbeitet werden.
Handelsblatt : Die Staatsanwaltschaft hat umfangreiches Material bei bei der Telekom beschlagnahmt - bei dessen Durchsicht zahlreiche andere Affären ans Licht kamen. Sind Sie sich inzwischen sicher, dass alle Leichen im Telekom-Keller gefunden sind?
Obermann: : Ich bin guter Dinge, dass angesichts der Menge des Materials, das die Staatsanwaltschaft ausgewertet hat und das wir mit KPMG aufarbeiten, die wesentlichen Vorgänge, bei denen in der Vergangenheit rechtswidrig oder in ethisch anstößiger Weise vorgegangen wurde, bereits auf den Tisch gekommen sind.



