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Spieletest: Dragon Age Origins - epischer Rollenspielroman

Packende Handlung im düsteren Rollenspiel des Entwicklerteams Bioware. Fantasywelten gibt es bislang vor allem in Büchern wie Der Herr der Ringe. Jetzt hat auch Bioware mit Dragon Age Origins ein eigenes Universum mit Elfen, Zwergen und einer dunklen Gefahr erschaffen. Golem.de ist mit Gefährten in den Kampf für das Gute und gegen jede Menge Orks gezogen.
/ Peter Steinlechner
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Magie ist gut und Elfen sind besonders edle Geschöpfe – aber nicht in Dragon Age Origins . Das Rollenspiel von Bioware geht ein paar Dinge ganz anders an: Da gilt die Zauberkunst zumindest bei den Angehörigen der Kirche als brandgefährlich, Elfen mussten lange Jahre dem menschlichen Adel als Leibeigene dienen. Jede Menge Konfliktstoff also und ebenso viel Stoff für spannende Geschichten. Nachdem das Entwicklerstudio Bioware 1998 mit Baldur's Gate den Durchbruch geschafft hatte, erscheint jetzt Dragon Age Origins.

Es nutzt kein lizenziertes Rollenspielsystem mehr, sondern setzt bekannte Fantasyelemente neu zusammen und dürfte in den Planungen von Bioware und Electronic Arts der Grundstein für jede Menge mehr sein. Downloadinhalte, Erweiterungen und Bücher sind bereits angekündigt, früher oder später stehen sicher auch Filme auf der Agenda. Fragt sich nur: Was taugt dieser Grundstein?

Die Rahmenhandlung dreht sich um den Kampf gegen die "dunkle Brut" und eine noch größere Bedrohung, die dahinter steckt. Aber schon direkt nach der Charaktergenerierung mit dem bereits vorab erhältlichen Editor erlebt der Spieler als Krieger, Magier oder Schurke dramatische Momente: Beispielsweise muss er als Adelssohn einen Überfall auf die Burg seiner Familie erleben. Oder er wird in einem Elendsviertel Zeuge, wie reiche Menschen eine Gruppe von Elfinnen verschleppen, gar vergewaltigen und töten wollen. Oder der Spieler absolviert direkt nach dem Start in einer anderen Dimension die Prüfung zum Magier und landet wenig später in einer Liebesgeschichte.

Alle Einstiegsgeschichten sind je nach Spielweise rund zwei bis vier Stunden lang, hochklassig produziert und spannend. Es lohnt sich, in mehr als eine hineinzuschnuppern, weil sie viel über die Fraktionen in der Welt offenbaren und weil Personen daraus später wieder auftauchen. Wer beispielsweise zumindest kurz der Magierhandlung gefolgt ist, weiß später mehr über eine Figur in seiner Heldentruppe – bringt zwar nichts, aber macht Spaß.

Die Einstiege haben eine Gemeinsamkeit: Spätestens an ihrem Ende kommt der mächtige Verbund der grauen Wächter ins Spiel. Der Spieler steht in einem Heereslager vor König Calian, dem Herrscher der Fantasywelt Ferelden. Von nun an gibt es im Großen und Ganzen nur noch einen Handlungsstrang. Das ist Segen und Fluch zugleich: Einerseits kann Dragon Age Origins so mit seinen Zwischensequenzen und vielen Multiple-Choice-Gesprächen eine überdurchschnittlich spannende, bis in Details ausgearbeitete Geschichte erzählen. Andererseits hat der Spieler kaum Freiheiten, auf eigene Faust die Welt zu erkunden. Selbst Nebenquests, die beispielsweise in den Städten von Baldur's Gate noch viele Stunden lang Spaß gemacht haben, sind jetzt auf ein Minimum reduziert, frei erkundbares Gelände gibt es nur extrem wenig.

Dafür erinnert das Kampfsystem umso mehr an den großen Vorgänger: Wie in Baldur's Gate laufen die Gefechte in Echtzeit ab, sind aber jederzeit per Leertaste zu pausieren. Dann kann der Spieler seinem Alter Ego und den bis zu drei Gefährten in aller Ruhe neue Befehle erteilen. Der Magier darf einen Eiszauber losschicken, der Kämpfer einen Schildschlag ausführen und der Begleithund versucht, die Gegner mit seinem Kampfjaulen zu betäuben.

Ein paar Änderungen gibt es aber gegenüber Baldur's Gate: So kann etwa ein Zauberer unbeschränkt magische Sprüche verbrauchen, solange er noch Mana hat. Und getötete Helden stehen nach den Kämpfen eigenständig und erstaunlich gut erholt einfach wieder auf, wenn mindestens ein Mitglied des Heldentrupps noch auf den Beinen steht. Eine kleine Warnung: Während die Kämpfe in den ersten paar Stunden noch vergleichsweise einfach sind, ziehen sie später selbst auf normaler Schwierigkeitsstufe spürbar an und sind dann auch für erfahrene Spieler eine Herausforderung.

Wer sich das Leben zumindest etwas vereinfachen möchte, kann seinem Heldentrupp im Taktikeditor umfangreiche Verhaltensmuster einprogrammieren. Das direkt ins Programm integrierte Tool erlaubt weit mehr als einfache Anweisungen wie "aggressiv" oder "defensiv", nämlich auch komplexe Wenn-Dann-Bedingungen. Allerdings erfordert es einige Einarbeitungszeit und zumindest ein Basisverständnis für die Funktionsweise von Skripts.

Deutlich zugänglicher – auch im Vergleich zum bei Baldur's Gate verwendeten Dungeons & Dragons – ist das neue Rollenspielsystem. Spieler bekommen pro Levelaufstieg drei Punkte, die sie in klassische Werte wie Stärke, Geschicklichkeit oder Magie investieren können. Außerdem gibt es klassespezifische Fähigkeiten, die der Spieler allmählich ausbauen kann. Ein Kämpfer darf sich etwa auf Zweihandwaffen oder auf eine Kombination aus Schwert und Schild spezialisieren, ein Magier auf Beschwörungen, Flammen- oder Eiszauber.

Überhaupt, die Gefährten: In den ersten paar Quests abenteuert sich der Spieler mit Begleitern, die das Programm für ihn aussucht, durch Ferelden. Später hat er dann einen Pool an Helden, aus denen er an bestimmten Stellen drei als Mitkämpfer aussucht. Sie tauchen gelegentlich in Dialogen auf oder können, wie die Diebin Leliana, verschlossene Truhen oder Türen öffnen. Zwischen den Figuren entspinnen sich langfristige Beziehungen: So geraten etwa die Magierin Morrigan und der ehemalige Tempelritter Alistair regelmäßig in teils sehr amüsanten Dialogen per Sprachausgabe aneinander.

Die Bedienung des Programms geht flott von der Hand. Der Spieler scheucht seinen Trupp per Maus durch Ferelden. Dabei kann er stufenlos zwischen einer eher für Kämpfe geeigneten Vogelperspektive und für Erkundungen optimierten Schulteransicht wählen. Die Menüs sind stilvoll animiert und sehr übersichtlich. Die Übersichtskarte zeigt je nach Ort eine fertige Darstellung der Umgebung mit markierten wichtigen Stellen oder Ansprechpartnern, oder sie zeichnet – etwa in Kellerverliesen – automatisch den Fortschritt mit. Dialoge lassen sich etwas verkürzen, indem man im Satz des Gegenübers – eigene bekommt der Spieler nicht vorgelesen – die Escapetaste drückt; auch im Schnelldurchlauf benötigen die Gespräche viel Zeit.

Die Grafik macht einen zwiespältigen Eindruck: Die Figuren sehen – vor allem in den Engine-Zwischenszenen – teils atemberaubend gut aus und zeigen Gesichtsausdrücke, von denen sich tatsächlich auf das Innenleben der Person schließen lässt. Merkwürdig unecht sehen übrigens die Blutspritzer aus, mit denen die Figuren nach Gefechten bedeckt sind; wahlweise lassen sie sich im Optionsmenü deaktivieren. Davon abgesehen gibt es zwar schicke Spezial- und Lichteffekte, auch einige Gebäude wirken stimmungsvoll. Aber da, wo Dragon Age Origins tatsächlich in einer ansatzweise frei begehbaren Welt spielt, also in Wäldern oder auf Grasflächen, wirkt das Terrain fast immer erschreckend detailarm und unecht.

Die Version für Windows-PC setzt XP, Vista oder 7 und eine Zweikerne-CPU mit 1,6 GHz voraus. Unter XP benötigt der Rechner 1 GByte RAM, unter Vista und 7 benötigt er 1,5 GByte RAM. Auf der Festplatte belegt das Programm 20 GByte. Die Grafikkarte muss über 128 MByte Speicher verfügen. In der Praxis empfiehlt sich ein System mit einer Leistung ab 2 GHz, idealerweise mit einem Vier-Kerne-Prozessor – Dragon Age Origins kann alle vier ansprechen. Insgesamt benötigt das Programm aber nicht das schnellste System, sondern läuft auch auf moderat aktueller Hardware noch ausreichend schnell.

Das Spiel setzt keine Onlineaktivierung voraus, sondern lediglich die Eingabe einer Seriennummer bei der Installation. Beim Spielstart muss dann ein Datenträger im Laufwerk liegen. Das Programm erscheint hierzulande vollständig lokalisiert. Die Sprachausgabe ist professionell und klingt nach typischer TV-Serien-Synchronisation. Etwas schade ist, dass es teilweise Lautstärkeschwankungen innerhalb eines Dialoges gibt; ein größeres Problem ist das aber nicht.

Dragon Age Origins ist auch für Playstation 3 und Xbox 360 verfügbar; diese Versionen lagen zum Test noch nicht vor. Auf Konsole kostet das Programm rund 60 Euro, PC-Spieler müssen etwa 50 Goldstücke aus der Tasche holen. Die deutsche Version ist ungeschnitten und von der USK erst ab 18 Jahren freigegeben. Offiziell erscheint das Programm für Windows-PC und Xbox 360 am 5. November, für Playstation 3 am 19. November 2009 – dann sind auch gleich kostenpflichtige Inhalte verfügbar . Bei der PC-Fassung kann es laut Publisher Electronic Arts wegen falsch gepresster DVDs bei einigen Händlern zu ein oder zwei Tagen Verspätung kommen.

Fazit

Mit Dragon Age Origins ist Bioware kein großer, aber ein epischer Wurf gelungen. Die Handlung ist teils unglaublich gut erzählt – sowohl was die vielen Texte, als auch was die teils fantastisch animierten größeren und kleineren Zwischensequenzen betrifft. Es macht Spaß, sich die Dialoge anzuhören, ständig gibt es gelungene Überraschungen. Und auch die Figuren wachsen einem schnell ans Herz – so glaubwürdige Charaktere wie die streitsüchtige Zauberin Morrigan oder unseren braven Superhund gibt es in Spielen viel zu selten. Eine Klasse für sich ist auch, dass die Entwickler den Spieler geschickt dazu zwingen, immer wieder echte Entscheidungen zu treffen und etwa bei der Charakterentwicklung nicht nur Selbstoptimierung zu betreiben. Auch die Entscheidungen in Dialogen sind selten eindeutig "gut" oder "böse".

Ein bisschen was fehlt aber, um Dragon Age Origins in die gleiche Klassikerdimension zu katapultieren wie einst Baldur's Gate: eine große Spielwelt. Zwar kann man mit dem Programm locker überwintern – allein schon die Einstiegsgeschichten reichen für ein paar lange Abende. Es mangelt aber an mehr Freiraum beim Erforschen, an mehr großen Questbögen jenseits der Handlung. Allerdings dürfte Bioware diese zum Teil als kostenpflichtigen Download nachliefern... Trotzdem: Wer als Fan von eher dunkler Fantasy wieder einmal so richtig in eine tolle Handlung abtauchen möchte, kommt um dieses Rollenspielepos nicht herum.


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