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Spieletest: Aion - WoW mit Flügeln

Zwei Fraktionen und auch sonst Licht ebenso wie Schatten im MMORPG von NC Soft. Es ist das wichtigste neue Onlinerollenspiel 2009, verfügt über eine Grafikengine "Made in Germany" und Kämpfe hoch in der Luft. Aion möchte unbedingt alles richtig machen – aber der ganz große Schlag gegen das Vorbild World of Warcraft ist den Entwicklern nicht geglückt.
/ Peter Steinlechner
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Atreias heißt der Planet, der im Onlinerollenspiel Aion seiner Aufgabe nicht gewachsen ist und durch dumme Zufälle in zwei Brocken zerfällt. Ein Teil der Bevölkerung kommt in den vollen Genuss von Sonne und entwickelt sich allmählich zu den engelsgleichen Elyos. Ihnen gegenüber leben die Asmodier auf ihrer Planetenhälfte, und mangels ausreichend Vitamin D mutieren sie zu dunkelhäutigen Gestalten. Wie es sich für eine Fantasywelt gehört, sind beide ungefähr so zerstritten wie Allianz und Horde. Und wie es sich für ein MMORPG gehört, muss sich der Spieler auch in Aion gleich zu Beginn für eine der beiden Seiten entscheiden. Einer dritten Fraktion kann sich kein Spieler anschließen: Die Balaur steuert exklusiv der Computer – und zwar gegen beide menschlichen Gruppen.

Jede der spielbaren Fraktionen verfügt über die gleichen vier Klassen – Kämpfer, Magier, Priester und Späher, die sich später jeweils in zwei Unterklassen ausdifferenzieren lassen. Spieler können als Mann oder Frau, als großes oder kleines Geschöpf antreten, denn die Möglichkeiten zur Individualisierung sind umfangreich. Anders als in World of Warcraft gibt es keine Talentbäume – trotzdem mutiert auch in Aion jeder Spieler allmählich zum Superhelden. Das funktioniert mithilfe einer ganzen Reihe von Systemen, insbesondere mit magischen Steinen, die sich an Waffen oder Rüstungen anbringen lassen und dort alle Arten von Wirkung entfalten.

Die Levelobergrenze in Aion beträgt 50 – vorerst wichtiger ist aber eine andere Grenze: Bei Stufe 10 bekommt die Spielfigur ihre Flügel und kann in bestimmten Gebieten fliegen. Über dem Boden gibt es teils Quests, dort warten alle Arten von Kämpfen – und außerdem kann der Spieler so oftmals die Luftlinie nehmen, um von A nach B zu gelangen. Allerdings funktioniert Fliegen nur kurze Zeit am Stück, dann warnt ein Piepston und ein Signallicht am Bildschirmrand leuchtet rot auf – wer anschließend aus zu luftiger Höhe abstürzt, verliert Lebenspunkte. Mit festem Boden unter den Füßen lädt sich die Flugzeit neu auf, außerdem sind im Spielverlauf jede Menge Extras zu finden, mit denen sie sich verlängern lässt.

Die ersten beiden Dutzend Levels kämpft der Spieler in Quests, die im Grunde genauso ablaufen wie in World of Warcraft. Irgendein Vater, Bandit, Soldat oder Zauberer vermisst sein Schaf, Kind, Kräuterbuch oder Schwert – und der Spieler muss es wieder besorgen. Oder irgendein kleiner NPC-Händler äußert erstaunlich großen Bedarf an Zutaten, die in ausreichenden Stückzahlen nur durch das Metzeln von Massen an Wassermonstern, Eiskreaturen, Meerschweinchenfarmern oder irgendwelchen Wachen zu beschaffen sind. Sprich: Trotz kurzer Rahmenhandlungen ist vor allem Masse gefragt – wirklich sinnvoll wirkende, interessant gestaltete Quests sind Mangelware. Das zusätzliche Problem, dass zeitweilig schlichtes Monsterumhauen ohne Missionsbezug mehr Erfahrungspunkte einbringt als Einsätze zu absolvieren, wollen die Entwickler per Update schnellstmöglich angehen. Eine kleine Besonderheit in Aion ist, dass es neben optionalen Feld-, Wald- und Wiesenaufgaben auch sogenannte Kampagnenmissionen gibt – die muss der Spieler absolvieren, um aufzusteigen.

Ab Stufe 25 bekommt der Spieler Zugang zum Abyss; extrem grob geschätzt benötigt ein typischer Spieler rund zwei Wochen bis dorthin, wenn er täglich ein bis drei Stunden online ist. Der Abyss ist die düstere, von Energieströmen durchzogene Zone zwischen den beiden Planetenhälften, in der es im PvPvE-Modus zur Sache geht. Das steht für "Player vs. Player vs. Environment" und meint, dass die beiden von Menschen gesteuerten Fraktionen darum kämpfen, die Festungen der Balaur zu erobern und sich alle drei gegenseitig an den Kragen gehen. Das funktioniert nur in Gilden (die in Aion offiziell "Legionen" heißen) mit teils mehreren Dutzend Spielern, die nach Möglichkeit erst Artefakte in der Nähe der Festungen kontrollieren, um sich mit Buffs und den Feind mit Debuffs zu überziehen, und dann auf mal mehr, mal weniger direkten Wegen in die gut gesicherten Gemäuer einzudringen. Ultimatives Ziel ist eine zentrale Festung – die wie alle anderen ihrer Art auf riesigen, frei schwebenden Felsbrocken auf Besucher wartet.

Auf den ersten Blick erinnert das Kampfsystem an World of Warcraft oder Warhammer Online – beispielsweise bei der Art, wie die Icons angeordnet sind. Aion setzt aber auch eigene Akzente: So ist es wichtig, wie sich der Spieler beim Einprügeln auf einen Gegner bewegt. Wer nach vorne strebt, verstärkt damit die Wirkung seiner Treffer, Schritte zur Seite sorgen für besseres Ausweichen und Schritte nach hinten parieren die feindlichen Schläge. Schon kurz nach dem Start bekommt der Spieler außerdem Zugriff auf Combos. Das sind besonders wirkungsvolle Angriffsketten – die stärksten Attacken bekommt der Spieler erst, wenn er sie mit Standardmanövern aufgebaut hat.

Grafisch lässt Aion kaum Wünsche offen. Die Welt ist abwechslungsreich gestaltet, von Schnee- und Eisgebieten bis hin zu saftig grünen Landstrichen, von kargen Höhenzügen bis zu lavahaltigen Vulkanen ist das gesamte Fantasyspektrum vertreten. Es gibt riesige Städte und kleine Siedlungen, und auch mitten in der Landschaft ist viel zu entdecken. Die Texturen sind größtenteils sehr fein und liebevoll gearbeitet – aber an einigen wenigen Stellen hat NC Soft dann unerklärlicherweise nur sehr grob gestrickte Weltenverkleidungen verlegt. Die Animationen des Spielers, von NPCs und Monstern sind nicht weiter aufwendig, sondern könnten teilweise etwas mehr Detailarbeit vertragen.

Die Verkaufsversion von Aion kostet rund 40 Euro. In der Verpackung befindet sich neben einem gut gemachten Handbuch und den beiden DVDs mit dem Client auch eine Rubbelkarte mit einem Code für 30 Tage Spielzeit. Wer danach weiter Zugang zur Onlinewelt haben möchte, muss ein Abonnement erwerben. Je nach Vertragslänge kostet der monatliche Zugang zwischen 12,99 und 9,99 (bei Abschluss für ein Jahr – dann werden auf einen Schlag 119,88 Euro fällig). Die Zahlung kann über Kreditkarte, Gametime-Karten oder per Paypal erfolgen.

Das Programm basiert auf der ersten Version der Cryengine des Frankfurter Entwicklerstudios Crytek. Mindestvoraussetzung ist ein Windows-PC mit XP, Vista oder 7 sowie einem Hauptprozessor mit 2,8 GHz und 1 GByte RAM. Das Programm belegt rund 15 GByte auf der Festplatte. Es setzt eine Grafikkarte voraus, die über 128 MByte Speicher verfügt und DirectX 9.0c beherrscht – NC Soft nennt als Beispiele die Nvidia 5900 Ultra oder die ATI Radeon x700. Damit läuft das Programm ordentlich – aber nur, solange sich nicht allzu viele andere Spieler in Sichtweite befinden. Wer auch dann noch hohe Bildwiederholraten möchte, sollte mindestens 2 GByte RAM und eine Dual-Core-CPU ab 2,0 GHz besitzen, sowie eine schnelle Grafikkarte mit 256 MByte RAM.

Fazit

Aion hat gegenüber den anderen großen Fantasy-Bezahl-Onlinerollenspielen World of Warcraft, Warhammer Online und Age of Conan ein paar Stärken: die schöne Grafik, Flügel und Luftkämpfe sowie ab Level 25 die Schlachten mit und gegen menschliche und computergesteuerte Gegner. Aion hat aber auch ein paar Schwächen – insbesondere die langweiligen Quests in der ersten Hälfte. So, und jetzt die Frage: Welcher Fan von MMORPGs lässt dafür einen Charakter in einem anderen Onlinerollenspiel im Stich, den er wochen-, monate- oder jahrelang hochgelevelt hat? Vermutlich nicht viele, denn für die Zielgruppe der Veteranen bietet Aion zu wenig Neues, ähnelt es seinen Konkurrenten unterm Strich zu sehr.

Wer hingegen neu im MMORPG-Zirkus mitspielen möchte, sollte dem Werk von NC Soft ruhig eine Chance geben. Immerhin kann er sich hier den Luxus gönnen, die Entscheidung weniger von Feature-Listen oder technischen Details abhängig machen zu müssen – sondern schlicht vom persönlichen Geschmack oder danach, wo der Freundeskreis sich rumtreibt. Wer die Atmosphäre und den Stil von Aion lieber mag als bei den Konkurrenten und deshalb zugreift, trifft jedenfalls eine gute Wahl.


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