Test: Classic 2.0 bringt PalmOS auf das Palm Pre

Classic 2.0 emuliert ein Centro-Smartphone mit PalmOS 5.4.9 und einem Display mit einer Auflösung von 320 x 320 Pixeln. Dabei läuft der Emulator als Applikation innerhalb von WebOS, so dass parallel dazu beliebige andere WebOS-Programme geöffnet sein können. Classic selbst kann unter WebOS immer nur einmal ausgeführt werden.
Unterhalb des Hauptfensters von Classic befindet sich ein spezieller Bereich, der die typischen Knöpfe eines PalmOS-Geräts per Software nachbildet. Neben den vier Knöpfen zum schnellen Programmstart gehören dazu ein 5-Wege-Navigator und eine Menütaste. Denn weder einen 5-Wege-Navigator noch eine Menütaste gibt es auf dem Pre, was die Bedienung von Classic etwas erschwert.
Mit einem Fingertippen lässt sich eine Tastatursteuerung für Classic aktivieren. Seit der Version 2.0 funktioniert das auch kurzzeitig durch Berühren des Gestenbereichs. Dadurch lassen sich auf die Schnelle Befehle mit der Tastatur ausführen und nach dem Loslassen des Gestenbereichs steht die Tastatur wieder für Eingaben bereit. Die Tastensteuerung kennt auch mit Classic 2.0 noch kein Kürzel für den Aufruf des Menüs in PalmOS-Applikationen. Nach Angaben von MotionApps soll das aber noch integriert werden.
Noch ist jedoch unklar, wie der Hersteller das Problem bewältigt, die Tastatur normal nutzbar zu lassen und zugleich PalmOS-Tastenkürzel zu erlauben. Besonders für die Nutzung der PalmOS-Zwischenablage ist die Nutzung von Tastenkürzeln eine große Erleichterung. Denkbar wäre hier, dass der Gestenbereich einmal die Menütaste ersetzt. Ansonsten lässt sich das Bedienproblem wohl nicht lösen.
Noch kein Hotsync für Deutschland
Mit Classic 2.0 wird der Datenaustausch via Hotsync unterstützt, allerdings steht diese Funktion auf deutschen Geräten noch nicht zur Verfügung. Denn dafür wird WebOS ab der Version 1.2 benötigt, ein passendes WebOS-Upgrade für deutsche Pre-Besitzer wird voraussichtlich im November 2009 nachgereicht. Die Hotsync-Funktion kann Daten wahlweise per WLAN oder Bluetooth zwischen Pre und Computer austauschen. Ein kabelgebundener Hotsync-Vorgang ist nicht möglich, weil das Pre-Smartphone keinen passenden Anschluss dafür kennt.
MotionApps empfiehlt für den Hotsync den Einsatz der aktuellen Version 6.2 des Palm Desktops. Darüber lassen sich dann Programme installieren sowie Termine, Adressen, Merkzettel und Aufgaben synchronisieren. Da die Hotsync-Funktion für deutsche Geräte noch nicht zur Verfügung steht, war kein Test möglich. Classic 2.0 weist darauf hin, dass ein Firmwareupgrade erforderlich ist. Leider kann der Hinweis nicht deaktiviert werden, so dass dieser bei jedem Programmstart erscheint und bald nervt.
Aber der Hinweis nervt nicht nur, er hebelt auch eine an sich pfiffige Idee von Classic aus: die immer präsente Alarmfunktion. Denn Classic unterstützt die Alarmfunktion von PalmOS-Software so, dass Classic nicht aktiv sein muss, um auf eine Erinnerung hinzuweisen. Die mit einem Alarm versehenen Einträge sorgen dafür, dass Classic rechtzeitig aufgerufen wird und den Anwender auf einen Alarm hinweist. Diese Option ist standardmäßig deaktiviert und muss in den Classic-Optionen eingeschaltet werden.
Classic ohne deutsches PalmOS
Die verfügbare Classic-Version bietet nur ein PalmOS in englischer Sprache, so dass zunächst die Formateinstellungen auf Deutsch gestellt werden sollten. Auf die Tastaturkonfiguration hat diese Einstellung allerdings keinen Einfluss. Daher lassen sich Umlaute weniger komfortabel als auf einem deutschen PalmOS-Smartphone eingeben. Auch unter Classic gibt der Nutzer Umlaute ein, indem er die zugehörigen Vokale tippt und anschließend die Symboltaste betätigt. Aber in dem daraufhin erscheinenden Pop-up-Menü ist der Umlaut nun nicht mehr vorausgewählt. Stattdessen muss der Nutzer erst den passenden Eintrag in der Pop-up-Liste auswählen. Mit dem Finger ist es gar nicht so einfach, den gewünschten Eintrag zielsicher zu treffen.
Auch ohne Hotsync-Unterstützung lassen sich Applikationen installieren: Dazu werden diese in einem bestimmten Verzeichnis im Pre-Speicher abgelegt. Alle in diesem Verzeichnis enthaltenen PalmOS-Dateien werden dann beim Start von Classic installiert. Während des Betriebs von Classic lassen sich auf diesem Weg also keine neuen Programme einspielen. Im Classic-Verzeichnis simuliert der Emulator zudem einen Speicherkartensteckplatz, so dass auch Programme ohne Probleme funktionieren, die ihre Daten von einer Speicherkarte einlesen.
Classic läuft deutlich schneller als ein echtes PalmOS-Gerät, der Hersteller verspricht doppelte Geschwindigkeit. Das macht sich besonders bei umfangreichen Suchfunktionen oder beim Programmstart bemerkbar. Sehr zügig kann der Nutzer mit Classic arbeiten. Im PalmOS-Emulator liefen im Test neben Datebk 6, Metro und Smartlist To Go auch ZLauncher, PsMemo, Plucker, 4Cast, Resco Viewer, Bejeweled 2, Handy-Stadtplandienst und Pocket Tunes ohne Schwierigkeiten. Einen Absturz quittierte allerdings Tube 2.
Noch mit Classic 1.1 gab es im WebOS-Benachrichtigungsfeld jedes Mal einen Hinweis, wenn eine PalmOS-Software gestartet wurde, die nicht zertifiziert war. Mit Classic 2.0 ist dieser lästige Hinweis verschwunden, der durch die Häufung keine Aufmerksamkeit mehr erhielt. Selbst bei einigen Standard-PalmOS-Applikationen gab es den Hinweis. Ernsthafte Probleme hat im Test aber keine PalmOS-Software gemacht. Es kann natürlich immer Fälle geben, bei denen es (noch) Schwierigkeiten gibt.
Für den Einsatz von Pocket Tunes muss Classic umkonfiguriert werden. Denn normalerweise läuft der Emulator im Fast-Modus, dabei ist die Musikwiedergabe deaktiviert. Wenn Classic im Normalmodus bei aktivierter Soundunterstützung läuft, kann Pocket Tunes statt des WebOS-Musikplayers verwendet werden. Allerdings saugt Classic bei aktivierter Soundunterstützung den Akku ähnlich rasch leer wie der Musikplayer von WebOS , der Akkuwert verringert sich bei laufendem Pocket Tunes und abgeschaltetem Display um rund 15 Prozent.
Ohne Soundunterstützung keine hohe Akkubelastung
Aber auch ohne laufendes Pocket Tunes zehrt ein aktives Classic-Fenster mit Soundunterstützung an der Akkuleistung. In einer Stunde gehen so bei abgeschaltetem Display 12 Prozent Akkuleistung verloren, ohne dass ein Musikplayer läuft. Deutlich besser sind die Werte, wenn auf die Soundunterstützung verzichtet wird. Ohne eingeschaltetes Display sinkt der Akkuwert dann nur um einen Prozentpunkt, so dass sich der Einsatz von Classic nicht ungünstig auf die Akkulebensdauer des Pre auswirkt.
Im Unterschied zu Classic 1.1 wurde der Akkuverbrauch verringert, wenn Classic im Hintergrund agiert. Bei aktivierter Soundunterstützung vermindert sich der Akkuverbrauch um rund 5 Prozent pro Stunde. Noch in der alten Version gab es beim Akkuverbrauch keinen nennenswerten Unterschied zwischen Vorder- und Hintergrundnutzung.
Aus Classic heraus kann der Nutzer ganz normal auf das Internet zugreifen, indem die im Pre aktivierten Verbindungen per Mobilfunk oder WLAN verwendet werden. Mit Erscheinen von Classic 2.0 kennt der PalmOS-Emulator nun einen Vollbildmodus. Dabei lässt sich allerdings nicht der virtuelle Knopfbereich ausblenden, sondern die WebOS-Statusleiste verschwindet und minimierte Benachrichtigungen erscheinen nicht mehr. Das ist insofern hilfreich, als minimierte Benachrichtigungen ansonsten den unteren Teil der Classic-Oberfläche abschneiden. Andere Benachrichtigungen erscheinen hingegen weiterhin auch im Vollbildmodus.
Die Bedienoberfläche von PalmOS ist nicht auf eine Steuerung mit dem Finger optimiert, weil die Touchscreens der PalmOS-Geräte noch mit einem Stift bedient werden. Damit der Nutzer die teils kleinen Knöpfe in PalmOS-Programmen mit dem Finger erwischt, stehen Kneif- und Spreizgesten bereit, um den Bildschirmausschnitt zu vergrößern. Das funktioniert ziemlich gut, aber oftmals empfiehlt es sich, Applikationen in Classic über die Softtasten beziehungsweise die Tastenemulation zu bedienen. Der 5-Wege-Navigator lässt sich über die Tastenemulation gut bedienen, auch wenn sich die zugeordneten Tasten leider nicht verändern lassen.
Ansonsten hilft es generell, in Pop-up-Listen oder Menüs den Finger auf dem Pre-Touchscreen zu lassen, bis der gewünschte Eintrag selektiert ist. Wenn erst dann der Finger vom Display genommen wird, werden Fehlbedienungen vermieden. Nur selten gelingt es, mit dem Finger auf Anhieb den gewünschten Bereich zu treffen, wenn dieser nicht vorher vergrößert wurde.
Was es in Classic nicht gibt
Classic unterstützt zwar die Telefonfunktionen des Pre, aber die Telefon- und SMS-Applikation des Centro sind nicht Bestandteil von Classic, so dass die Funktionen nur mit Zusatzsoftware zur Verfügung stehen. Das dürfte für die meisten Pre-Besitzer allerdings leicht verschmerzbar sein. Anders sieht es mit der fehlenden Zwischenablage zu anderen WebOS-Applikationen aus, so dass sich keine Daten zwischen der WebOS-Welt und der PalmOS-Welt austauschen lassen. Innerhalb von Classic wird zwar die PalmOS-Zwischenablage unterstützt, aber es gibt keinen Datenaustausch nach außen. Dadurch arbeitet Classic in dieser Hinsicht sehr isoliert.
Generell kann Classic den GPS-Empfänger im Pre nicht nutzen, was etwa in Applikationen wie Handy-Stadtplandienst hilfreich wäre. Ebenfalls wird ein per Bluetooth mit dem Pre gekoppeltes Headset von Classic nicht erkannt. Die Musikwiedergabe wird bei aktivierter Soundunterstützung immer nur über die Gerätelautsprecher oder über die Kopfhörerbuchse ausgegeben.
Kompatibilitätsdatenbank online
MotionApps hat eine Kompatibilitätsdatenbank(öffnet im neuen Fenster) eingerichtet, die von Classic-Nutzern befüllt werden kann. Die Anwender bewerten, ob eine PalmOS-Applikation unter Classic vollständig oder nur teilweise funktioniert oder ob es damit Probleme gibt. Zu einem Softwareeintrag zeigt eine Tachonadel, ob die Software eher Probleme macht, und der Nutzer sieht, wie viele Bewertungen abgegeben wurden. Dadurch lässt sich gut einschätzen, wie zuverlässig die Information ist.
Noch nicht vorhandene Programme können von Anwendern eingetragen werden. Mit etwas Glück gibt es bereits einen Eintrag zu den PalmOS-Produkten, die der Anwender mit Classic nutzen will. Dadurch kann er sich vor dem Kauf darüber informieren, ob die jeweilige Software funktioniert.
Classic 2.0 für WebOS gibt es in Palms App Catalog. Die Software steht dort als zeitlich beschränkte Testversion zur Verfügung. Die Vollversion kann direkt beim Hersteller MotionApps(öffnet im neuen Fenster) zum Preis von 30 US-Dollar gekauft werden. Upgrades auf neue Versionen sind im Preis enthalten.
Fazit
Classic bietet eine hohe Kompatibilität mit PalmOS, so dass sich bisherige PalmOS-Software auf dem Pre nutzen lässt. Dabei ist Classic schneller als jedes andere am Markt befindliche PalmOS-Gerät, so dass der Classic-Nutzer im Vergleich zu einem echten PalmOS-Gerät einen deutlichen Geschwindigkeitsschub erhält.
Trotz der guten Idee der Tastensteuerung des Softtastenbereichs lassen sich PalmOS-Applikationen auf dem Palm Pre nicht ganz so komfortabel und effizient nutzen wie auf einem echten PalmOS-Gerät. Unbestrittener Vorteil von Classic ist, dass sich PalmOS-Anwendungen und Daten auf einer modernen Mobiltelefonplattform mit aktueller Hardware nutzen lassen.
Größter Kritikpunkt an Classic ist die mangelhafte Integration in WebOS beim Datenaustausch. Dadurch arbeitet Classic in diesem Punkt vollständig isoliert auf dem Pre, weil sich keine Daten zwischen Classic und anderen WebOS-Applikationen austauschen lassen. Hier sollte der Hersteller schnellstmöglich Abhilfe schaffen.



