Ersteindruck von Nokias Netbook Booklet 3G
Nokias erstes Netbook, das Booklet 3G, kommt eigentlich viel zu spät. Andere Hersteller haben den fast zwei Jahre alten Netbook-Markt, der mit Asus' Eee PC 701 eröffnet wurde, längst unter sich aufgeteilt. Dennoch wagt es Nokia, dieses Feld zu betreten und hat dabei gute Chancen, denn das Netbook ist von Anfang an für den mobilen Betrieb konzipiert und enthält ein UMTS-Modem. Modelle anderer Hersteller gibt es wenn überhaupt nur mit einer UMTS-Option.
Immerhin: Wer in ein Mobilfunkgeschäft geht, findet meist eine kleine Auswahl UMTS-tauglicher Netbooks. Da Nokia im Mobilfunkbereich sehr viel Erfahrung hat, dürfte es für den finnischen Hersteller ein Leichtes sein, das Netbook im Markt zu platzieren. Zunächst gibt es das Gerät in Deutschland beim Netzbetreiber O2, wie Nokia gegenüber Golem.de auf der Hausmesse Nokia World in Stuttgart angab .
Ein UMTS-Modem hat in einem Netbook aber auch Nachteile. Es kann die Leistungsaufnahme um 2 bis 3 Watt steigern. Beim Booklet 3G mit Intels US15W-Chip und dem Atom Z530 macht das viel aus, denn der Prozessor und sein Einchip-Chipsatz sind für 4,3 Watt TDP spezifiziert. Ohne Modem nimmt das System deutlich weniger Leistung auf und der Akku hält länger durch.
Damit der drastische Anstieg der Leistungsaufnahme durch ein UMTS-Modem nicht zu zu kurzen Akkulaufzeiten führt, hat Nokia den Prototypen mit einem laut Typenschild 57-Wattstunden-Akku ausgestattet. Das ist mehr als viele Notebooks der 12- oder 13-Zoll-Klasse bieten. Zum Vergleich: Ein Macbook Pro mit 13-Zoll-Display muss mit seinem 58-Wattstunden-Akku einen Core 2 Duo, ein größeres Display und eine größere Festplatte versorgen. Nokias Booklet setzt auf 1,8-Zoll-Festplatten. SSDs gibt es vielleicht in der Zukunft, sagt Nokia.
Das Gerät, das im Video zu sehen ist, ist ein Prototyp – das war dem Gerät vor allem wegen des fehlenden Nokia-Logos anzusehen. "Logo" stand als Platzhalter auf dem Deckel. Abgesehen davon hinterließ der Prototyp einen guten haptischen Eindruck. Das Gehäuse wird aus einem Aluminiumblock gefräst. Vergleichbar ist diese Konstruktion mit Apples Unibody-Macbooks. Der Vorteil dieser Bauweise ist ein stabiles und dennoch leichtes Gehäuse. So fühlten sich die 1,25 Kilogramm angenehm an.
Lüfterloses Gehäusedesign
Für die Kühlung eignet sich das Gehäuse offenbar auch, denn einen Lüfter besitzt das Gerät nicht. Auch der Displaydeckel wirkte sehr stabil. Einzig die Akkuhalterung des Prototyps war etwas wackelig. Der SD- und der SIM-Kartenschacht waren hingegen gut verarbeitet. Der SIM-Kartenschacht stellt zudem etwas Besonderes dar, denn er ist frei zugänglich. Selbst Geschäftskundennotebooks mit UMTS verstecken den SIM-Kartenschacht meist im Akkuschacht. Ohne den Rechner herunterzufahren, kann der Anwender bei schwer zugänglicher SIM-Karte diese also nicht tauschen. Das ist beim Nokia-Modell bequem möglich. So kann der Nutzer im Ausland etwa eine Prepaid-SIM-Karte des entsprechenden Landes nutzen, um hohe Roaminggebühren für die mobile Internetnutzung zu umgehen.
Die Rechengeschwindgkeit war beim kurzen Antesten schwer zu beurteilen. Windows 7 fühlte sich flott an, trotz der 1,8-Zoll-Festplatte, die sich zudem nur 4.200-mal pro Minute dreht. Große Anwendungen, die häufig auf die Festplatte zugreifen, dürften also eine Qual sein. Die 3D-Fenster (Aero) von Windows 7 litten ein wenig unter der schwachen Chipsatzgrafik. Der PowerVR-Grafikkern des US15W ist nicht besonders schnell. Gegenüber einem GMA-950-Grafikkern bricht der PowerVR-Kern im 3D-Betrieb auf mehr als die Hälfte ein . Spiele spielt ein Anwender mit dieser Art von Netbook aber ohnehin kaum. Allerdings installierte Nokia noch einen Vorabbuild (7201) von Windows 7 und ein neuer Treiber war vermutlich auch nicht dabei.
Zwei Kritikpunkte könnten die Entscheidung für ein Booklet 3G schwer machen. Zum einen spiegelt das 10-Zoll-Display mit dafür angenehmen 1.280 x 720 Pixeln sehr stark, zum anderen ist die Hintergrundbeleuchtung nicht hell genug, um im Freien die Spiegelungen zu überdecken. Nokia hat sich leider dafür entschlossen, beim Booklet 3G eine zusätzliche Scheibe vor das Display zu platzieren. Hier muss der potenzielle Anwender hoffen, dass sich das bis zum Serienmodell ändert. Das Display passt einfach nicht in das Konzept des Booklet 3G. Mit UMTS-Modem und einem GPS-Empfänger ist es eigentlich für den Außeneinsatz prädestiniert. Lichtblick: Da das Netbook so klein ist, ist die passende Ausrichtung zur Sonne ab und an doch möglich. Außerdem lässt sich das Display sehr weit nach hinten klappen, ohne dass das ganze Gerät nach hinten kippt. Das ist vor allem in engen Flugzeugsitzen sehr praktisch.
Der mit 1 GByte knapp bemessene Arbeitsspeicher reicht für Windows 7 vermutlich aus. Im Test mit dem Release Candidate auf einem Netbook fühlte sich Microsofts neues Betriebssystem jedenfalls recht gut in der Bedienung an. Ob der Anwender den Arbeitsspeicher aufrüsten kann, konnte Nokia nicht sagen. Zumindest der Prototyp bot diese Möglichkeit nicht an. Unter dem Akku war leider kein RAM-Schacht auszumachen und Eingriffsmöglichkeiten unter der Tastatur gab es auch nicht.
Bei den Anschlüssen gibt sich Nokia modern. Für die Grafikausgabe gibt es einen HDMI-Ausgang. Via Adapter lassen sich so DVI-D-Monitore anschließen. DVI-A oder auch analoge Monitore funktionieren darüber nicht. Es gibt leider viele Projektoren, die noch immer auf analoge Anschlüsse setzen. Laut Nokia war für einen VGA-Anschluss kein Platz mehr im Gehäuse. Bei Präsentationen muss der Anwender die Infrastruktur des Präsentationsortes also kennen. Als Alternative kann aber eine USB-Grafikkarte genutzt werden. Nokia selbst will einen USB-VGA-Adapter mit anbieten. Ob dieser dem Gerät gleich beiliegt, konnte Nokia aber noch nicht sagen. Das Booklet bietet zwei USB-Anschlüsse links und einen auf der rechten Seite.
Booklet verzichtet auf Ethernet-Anschluss
Andere Erweiterungen lassen sich nur drahtlos einbinden, etwa via Bluetooth 2.1 oder WLAN. Beim drahtlosen Netzwerk setzt Nokia auch auf die Unterstützung des 802.11n-Entwurfs. Für den UMTS-Empfang sorgt ein Globetrotter MO40x von Option. In dem Prototyp funktionierte das Modem aber noch nicht richtig. Auf einen drahtgebundenen Netzwerkanschluss verzichtet Nokia übrigens ganz – bei Netbooks sehr ungewöhnlich.
Bei der Software hat sich Nokia einiges einfallen lassen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Der Power-Knopf bietet eine ähnliche Funktion wie die Profilverwaltung bei Nokias Mobiltelefonen. Eine Betätigung des Ein-Aus-Schalters öffnet ein Menü, in dem der Nutzer entscheiden kann, in welchen Energiesparmodus das Gerät gefahren werden soll. Außerdem hat er die Wahl zwischen unterschiedlichen Akkueinstellungen.
Besonders nett ist die Möglichkeit, das Booklet mit dem Antippen auf das Gehäuse aufzuwecken. Nokia nutzt dafür den Beschleunigungssensor, der auch die Festplatte schützt. Natürlich geht das nur mit geöffnetem Netbook. Außerdem setzt Nokia ganz auf den Mobilfunk und über einen speziellen Nokia-Knopf erreicht der Nutzer eine SMS-Applikation, mit der sich Kurzmitteilungen versenden und verwalten lassen. Die Einwahlsoftware von Netzbetreibern kann meist auch mit Kurznachrichten umgehen. Außerdem liefern die Finnen das Gerät mit einem Nokia Maps Widget aus.
Für einen Vielschreiber ist die Tastatur das Wichtigste und hier enttäuscht Nokia nicht. Schnelles Schreiben funktionierte auf Anhieb. Einzig die Cursor-Tasten waren ungewohnt angeordnet. Hier muss ein ausführlicherer Test zeigen, wie schnell sich der Anwender daran gewöhnt. Vermutlich kommt der Nutzer nach einer Gewöhnungszeit gut damit zurecht.
Interessant wird, welche Akkulaufzeit das Gerät tatsächlich erreicht. Der 57-Wattstunden-Akku ist jedenfalls beeindruckend groß. Nokia verspricht eine generelle Akkulaufzeit von 12 Stunden. Vor allem die Zeit, in der das Netbook im Stand-by-Modus verweilen kann, dürfte recht hoch sein. Die Kombination aus Atom-CPU und dem US15W-Chipsatz lässt jedenfalls mit dem leider sehr dunklen Display auf lange Laufzeiten hoffen, die auch mit einem eingeschalteten UMTS-Modem erreichbar sein sollten.
Der Prototyp von Nokia ist noch kein fertiges Netbook. Ein Fazit kann nur schwer gezogen werden. Was Golem.de aber bisher sehen konnte, gefiel. Der Mobiltelefonspezialist hebt sich gut von der Netbook-Masse ab. Das Gehäuse, die Tastatur und die versprochene lange Akkulaufzeit sind Pluspunkte für Nokias Erstlingswerk. Wenn Nokia jetzt keinen Fehler in der Serie macht, dürfte das Netbook für viele Anwender interessant sein. Wenn Nokia die vorhandenen Schwachpunkte des Bildschirms ausbessert, könnte sich das Gerät sogar für Außendienste eignen.
Das Booklet 3G soll Ende Oktober oder Anfang November 2009 zu haben sein. Der Preis ohne Vertrag wird wohl bei 700 Euro liegen. Mit Vertrag soll sich dieser auf 200 bis 250 Euro reduzieren. Genaueres wird Nokia später bekanntgeben.
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