Transatlantische Zweiraumwohnung
Bei Ratgebern und in Foren finden sich massenhaft Tipps für Fernbeziehungen: Webcams, Skype und Videotelefonie sind die Mittel der Wahl, wenn der Partner über längere Zeit im Blick bleiben soll. Die massentaugliche Nutzung dieser Mittel in akzeptabler Qualität ist allerdings erst seit ein paar Jahren möglich. Noch vor nicht allzu langer Zeit erinnerte ein Videotelefonat über das Internet eher an eine Livereportage aus einem Krisengebiet als an ein angenehmes, privates Gespräch. Doch die Technologie in diesem Umfeld entwickelt sich rasant; die Megapixel-Schlacht der Digitalkameras und Handys wird nun auch von den Webcam-Herstellern ausgetragen.
Denn das Videotelefonat übers Internet scheint die konsequente Antwort auf die zunehmend globalisierte Welt zu sein: Praktika und Auslandssemester, Billigflüge, multinationale Unternehmen und zufällige Netzbekanntschaften machen es immer wahrscheinlicher, jemanden gerade dort kennenzulernen, wo man selbst nicht lebt. Zu keiner Zeit war der Bedarf an multimedialer Kommunikation größer als heute.
Wenn das Setup die Entfernung betont
Der derzeitige Stand der Technik ist über das Stadium des Experimentierens weit hinaus: Video und Ton können in der Regel in guter Qualität über das Internet transportiert werden und haben ihre Anwendung im Privat- und Geschäftsleben gefunden. Enttäuschend aber sind die eigentlichen Aufbauten: In der Regel sitzen die Gesprächspartner vor ihren Computerbildschirmen und unterstreichen damit die Künstlichkeit der Situation. Zwar gibt es Ausnahmen wie den Laptop auf dem Nachttisch, doch am eigentlichen Problem ändert dies kaum etwas. Das Lüfterrauschen, das durch den Bildschirm stark verkleinerte Gesicht des Gegenüber, Kabel – all dies betont auch bei geschickter Installation die Mittel der Kommunikation und damit die eben doch vorhandene Entfernung.
Dabei ist Raum für konsequentere Installationen vorhanden. Die größte Hürde ist das eigene Vorstellungsvermögen. Wagt man den Schritt auf unbekanntes Terrain, stellt sich die Frage, wie eine Videokonferenz aussehen könnte, die mit dem bekannten Setup bricht. Eine Antwort geben Science-Fiction-Filme: Das Gegenüber sollte in Lebensgröße erscheinen, um einen realen Ansprechpartner zu simulieren. Zugleich fügt sich die Projektion idealerweise ins Interieur ein, um durch einen möglichst nahtlosen Übergang die vermittelnde Technologie auszublenden.
Pioniere
Dieses Szenario ist gar nicht so futuristisch. Bereits vor sechs Jahren gab es durch eine Kooperation von Existart und dem Berliner Kulturprojekt c-base ein "artists breakfast", das mit den damals vorhandenen Mitteln ein transatlantisches Frühstück mit Teilnehmern auf dem Berliner Alexanderplatz auf der einen und Utica in den USA auf der anderen Seite ermöglichte. Technisch handelte es sich um eine Rückprojektion auf eine Leinwand mit einem halbrunden Tisch auf beiden Seiten der Konferenz, so dass ein gemeinsames Frühstück am selben Tisch simuliert wurde. Da beide Parteien in einem jeweils gleichgroßen Container saßen, waren für die Übertragung ideale Bedingungen geschaffen, die noch heute auf der Dokumentation des Projektes(öffnet im neuen Fenster) betrachtet werden können.
Kunstprojekte wie das "artitsts breakfast" haben früh mögliche zukünftige technologische Szenarien und deren Auswirkungen untersucht. Leider gibt die Projektdokumentation keine Antwort auf die selbst gestellte Frage, wie viel menschliche Nähe über eine Entfernung von mehr als 6.000 Kilometern entstehen kann.
Virtuelle Wohngemeinschaften
Und dann bieten sich völlig neue Konzepte des Zusammenlebens an. Lässt man technische und energiepolitische Bedenken außen vor, ist die Bildung virtueller Wohngemeinschaften in greifbare Nähe gerückt. Warum nicht zwei Wohnzimmer zusammenschließen? Je nach Aufwand ließe sich durch geschickte Projektion und Abstimmung des Mobiliars ein dauerhaftes Zusammenleben simulieren. Sicher ersetzt nichts den persönlichen Kontakt, aber der Gedanke, ins Nebenzimmer eine Frage zu rufen und mal eben zu sehen, ob der andere auch schon im virtuellen Daheim angekommen ist, ist durchaus attraktiv.
Ernstzunehmende Kritik an der Machbarkeit dessen lässt sich mit Hinweis auf bereits erfolgte Experimente und die aktuellen Entwicklungen entkräften. Ein lichtempfindlicher Videobeamer ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es um eine dauerhafte Installation geht. Doch bereits vor zehn Jahren zeichneten sich hier Alternativen ab. Golem berichtete etwa 1999 über ein Projekt von Siemens, mittels OLED-Technologie quasi tapezierbare Bildschirme zu entwickeln. Und in den vergangenen Monaten häufen sich die Meldungen über vielversprechende Umsetzungen dieser "TV-Tapete", deren Marktreife wohl in den kommenden Jahren zu erwarten ist. Sie wird schon jetzt als virales Marketing-Element des Landes Sachsen(öffnet im neuen Fenster) eingesetzt. Selbst die taktile Grenze scheint überschreitbar: Kürzlich führten Wissenschaftler eine fühlbare 3D-Projektion vor.
Körperliche Ferne und emotionale Nähe
Doch bei aller Technikeuphorie: Welche Bedeutung und Auswirkung hat die in greifbare Nähe gerückte virtuelle Lebensgemeinschaft? Es mag zunächst schwer fallen, der rein immateriellen Präsenz eines Gegenübers eine ernstzunehmende Rolle in Beziehung und Gesellschaft einzuräumen. Doch bekannte soziale Strukturen sind keine naturgegebene Sache. Im Gegenteil. Richard David Precht vertritt zum Beispiel in seinem Buch "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" die These, Liebe sei ein gesellschaftliches Phänomen, romantische Liebe ein mediales Konstrukt.
Das Thema Beziehung auf Distanz bietet denn auch immer mehr Stoff für Filme und Bücher. Erinnert sei an den AOL-Klassiker "E-Mail für Dich", E-Mail-Romane wie "Gut gegen Nordwind" und Pophits im Sinne Soulja Boy Tell'ems "Kiss Me Thru The Phone", die das Wechselspiel von körperlicher Ferne und emotionaler Nähe in den Mittelpunkt stellen.
Das Zusammensein auf Entfernung rückt näher. Wenn technische Rahmenbedingungen neue gesellschaftliche Modelle ermöglichen und mediale Aufbereitungen den Weg ebnen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese auch versucht werden.
Die Dominanz physischer Nähe über die einer paketvermittelten Fernbeziehung ist schwer zu bestreiten. Trotzdem gibt es Letztere. Und viel konsequentere Formen des digitalen Beieinanders werden bald das Selbstverständnis zwischenmenschlicher Beziehungen neu definieren. [von Caspar Clemens Mierau]
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