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Spieletest: Wolfenstein - schaler Spaß im Schleier

Agent Blazkowicz legt sich in klassischer Art mit "Wölfen" an. Beim Wort "Wolfenstein" erzittern Jugendschützer vor Ärger und Shooterfans vor Freude – bis jetzt. Denn das neue Werk in der legendären Reihe von id Software zieht mit schwächelnder Grafik und Spieldesign von gestern nur traditionsbewusste Actionfans in seinen Bann.
/ Peter Steinlechner
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B.J. Blazkowicz hat ein Problem: Der amerikanisch-polnische Agent nimmt es sonst zwar locker im Alleingang mit ganzen Bataillonen von Nazisoldaten auf – aber nun stehen seine Gegner kurz davor, sich ein besonders mächtiges Artefakt unter den schmutzigen Nagel zu reißen. Also greift Blazkowicz zur Maschinenpistole und macht sich in der – entschärften deutschen – Handlung von Wolfenstein daran, den "Wölfen" das Handwerk zu legen. Und hat bald selbst Kontrolle über Superkräfte, den sogenannten "Schleier". Die Handlung erinnert noch stärker als frühere Serienteile an eine Mischung aus James Bond und Indiana Jones und wird von kurzen, teils aufwendig gemachten Zwischensequenzen vorangetrieben.

Spieler steuern Blazkowicz in der klassischen Ego-Shooter-Manier durch die Handlung. Gelegentlich tritt er zusammen mit computergesteuerten Widerstandskämpfern an, hat es aber meist allein mit einer Übermacht an gegnerischen Soldaten zu tun. Unter anderem durchsucht der Superagent antike Höhlensysteme, kämpft in der Nähe einer alten Kirche und stürmt ein besetztes Hotel.

Ein Großteil der Story spielt in und um die erfundene deutsche Kleinstadt Isenstadt. Dort erweckt das Entwicklerteam von Raven Software stellenweise den Eindruck, dass Blazkowicz sich ganz nach seinen Vorstellungen bewegen, Aufträge annehmen oder ablehnen kann. Tatsächlich aber spielen solche Möglichkeiten so gut wie keine Rolle. Stattdessen scheuchen Rebellen und Handlung den armen Blazkowicz immer wieder vom einen Ende der steril wirkenden Häuserzeile zum anderen. Die Freiheit beschränkt sich auf sehr wenige Zusatzaufträge sowie darauf, früher oder später die Waffen beim Schwarzmarkt mit Upgrades auszustatten – das Spielgefühl in Wolfenstein entspricht dem eines linearen Shooters.

Nach den ersten heftigeren Schusswechseln bekommt Blazkowicz ein Artefakt, mit dem er den sogenannten "Schleier" verwenden kann. Das ist eine Parallelwelt, die sich mit einem schicken Grafikeffekt über die 3D-Landschaft legt. Allerdings nur kurze Zeit, denn der Superagent benötigt dafür eine Art Mana. Je nach Modus erkundet der Spieler mit dem Schleier weitere Gebiete des Levels, indem er durch vorher undurchdringliche Mauern geht. Er verlangsamt auf Knopfdruck die Zeit, schützt sich mit einem Schleierschild vor feindlichen Geschossen oder verstärkt seine eigenen Kugeln mit magischer Energie.

Das ist allerdings nur bedingt nötig, denn die KI macht einen schwachen Eindruck: So schaltet Blazkowicz seine Gegner oft in aller Ruhe aus der Distanz aus, ohne dass die feindlichen Soldaten sich für einen Gegenangriff nähern. Im Zusammenspiel mit der automatischen Heilung, dank derer sogar feindliche Granaten meist einfach egal sind, lässt sich zu oft tricksen.

Auch die Grafik schwächelt: Das Programm nutzt die inzwischen in "id Tech 4" umbenannte Doom-3-Engine von id Software und erreicht damit längst nicht die Qualität aktueller Spitzentitel. Die Levels wirken oft steril und eng, Animationen und Spezialeffekte erinnern bis auf einige Schleierspielereien frappierend an frühere Wolfeinstein- und id-Titel – nett, aber heutzutage alles andere als spektakulär.

Im Multiplayermodus tritt der Spieler mit bis zu zwölf anderen auf derzeit acht Maps an. Es gibt drei Klassen: Soldaten verfügen über die schwersten Waffen, Sanitäter können heilen und wiederbeleben und Techniker Leitern oder montierte MGs errichten. Neben Team-Deathmatch gibt es noch einen Modus namens "Ziel", in dem sich zwei Teams um die Erfüllung von Zielen streiten, sowie Stoppuhr, in dem das unter Zeitdruck geschieht. Je nach Server, Klasse und gewählter Spielart haben Wölfe und Widerständler auch im Mehrspielermodus Zugriff auf die Schleierkräfte.

Wolfenstein kostet in der Version für Xbox 360 und Playstation 3 rund 65 und für Windows-PC rund 55 Euro. Für die PC-Fassung empfiehlt die Packungsrückseite neben Windows XP oder Vista einen Hauptprozessor mit mindestens 3,2 GHz. An Speicher muss 1 GByte zur Verfügung stehen, auf der Festplatte belegt das Programm 8 GByte. Die Grafikkarte sollte eine Nvidia Geforce 6800 GT, eine ATI x800 oder etwas Besseres sein. Der Kopierschutz verlangt, dass die DVD im Laufwerk liegt, weitergehende Anmeldeschritte sind nicht nötig. Lediglich im Multiplayermodus muss sich der Spieler mit einem Code von der Handbuchrückseite registrieren.

Das Spiel erscheint hierzulande vollständig lokalisiert mit deutscher Sprachausgabe. Nazisymbole hat Publisher Activision Blizzard entfernt, andere Details wie Blut und brennende Gegner sind enthalten. Die USK hat Wolfenstein eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Wolfenstein ist rund neun Monate jünger als das letzte Call of Duty – aber im Vergleich der beiden Ego-Shooter haben die neuen Abenteuer mit B.J. Blazkowicz fast schon so etwas wie Retrocharme. Und das liegt nicht daran, dass Wolfenstein irgendwie noch klassischer ist. Sondern daran, dass die Entwickler keine zeitgemäße Grafik hinbekommen haben, die Umgebungen steril und die Einsätze leblos wirken – vor ein paar Jahren wäre das Gebotene okay gewesen, heutzutage sind Spieler viel mehr gewohnt. Zugreifen sollte nur derjenige, der eine besondere Vorliebe für lineare und – trotz aller Schleierspielereien – unkomplizierte Ego-Shooter hat.


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