FDP: "Die Verwirklichung der Internetrepublik Deutschland"
Die FDP präsentiert sich in ihrem Wahlprogramm(öffnet im neuen Fenster) nicht nur wirtschaftsfreundlich, sondern auch ausgesprochen internetaffin. Unterm Strich will die FDP durch eine Kombination aus Technologien, Strukturen und "Arbeitskräftebedarf an... IT-Spezialisten" Deutschland zum "europäischen Vorreiter in Sachen Internetkompetenz" machen, womöglich sogar die "Internetrepublik Deutschland" verwirklichen.
Einer zentralisierten Massendatenspeicherung, erst recht auf Vorrat, stehen die Liberalen ausgesprochen skeptisch gegenüber. Den Datenschutz will die FDP im Grundgesetz verankern; der große Lauschangriff soll abgeschafft werden. Die Partei verspricht, mit ihr werde es "keine... staatliche Zensur im Internet" geben.
Datenschutz ins Grundgesetz
Die Große Koalition hat in den vergangenen Jahren mit dem Argument der Terrorismusbekämpfung Bürgerrechte in großem Umfang eingeschränkt. Der FDP gehen viele der beschlossenen Maßnahmen zu weit. Das gilt nicht zuletzt für die Einschnitte beim Bankgeheimnis. Bei diesem sensiblen Thema setzt sich die FDP für eine Rückkehr zu den alten Wertmaßstäben ein. Die Liberalen fordern "die Wiederherstellung des Bankgeheimnisses durch die Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung und den Verzicht auf heimliche Onlinedurchsuchungen privater Computer" . Alle seit 1998 erlassenen Überwachungsgesetze müssten hinsichtlich ihrer "Wirksamkeit" , ihrer "Verfassungsmäßigkeit" und der durch sie verursachten Kosten überprüft werden.
Die zersplitterte Datenschutzgesetzgebung in Deutschland will die FDP am liebsten durch ein einziges "Datenschutzgesetzbuch" ablösen. Sowohl das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung als auch das Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme sollen ausdrücklich ins Grundgesetz aufgenommen werden, fordern die Liberalen.
"Stiftung Datenschutz"
Die FDP macht sich für Verbesserungen beim Datenschutz sowohl für Arbeitnehmer als auch für Verbraucher stark. Arbeitgeber sollten in Zukunft nur noch Daten verarbeiten dürfen, "die für das Arbeitsverhältnis erforderlich sind" . Weder dürften Informationen zur politischen Einstellung von Arbeitnehmern gespeichert werden noch medizinische Daten, die keine Relevanz "für den jeweiligen konkreten Arbeitsplatz" haben. Gentests am Arbeitsplatz lehnt die FDP ab. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte will die FDP so lange aufgeschoben wissen, bis "hohe Datenschutzstandards... gewährleistet sind."
Um den Verbrauchern angesichts der in Wirtschaft und Verwaltung stetig zunehmenden Verarbeitung personenbezogener Daten bessere Orientierung zu geben, macht sich die FDP für die Einrichtung einer "Stiftung Datenschutz" stark. Ähnlich wie die Stiftung Warentest Kühlschränke und Sonnenschutzmittel untersucht, soll die "Stiftung Datenschutz... Produkte und Dienstleistungen unter Datenschutzgesichtspunkten vergleichen und bewerten" . Auf diese Weise will die FDP den Einsatz "datenschutzgerechter Technik" fördern.
Selbstdatenschutz fördern
Doch nicht allein der Staat und die Unternehmen sind für die Verbesserung des Datenschutzes verantwortlich. Auch die Bürger sollen ihren Teil beitragen, meint die FDP. Die Bürger müssten lernen, "sparsam und verantwortungsvoll" mit ihren persönlichen Daten umzugehen. Der Staat soll sie dabei unterstützen, indem er Regelungen schafft, "die Selbstdatenschutz ermöglichen" .
Einen ganz praktischen Vorschlag präsentiert die FDP für das Problem der unerwünschten Werbeanrufe. In Zukunft soll man schon an der Telefonnummer eines Anrufers erkennen können, ob es sich um einen Werbeanruf handelt. Dazu will die FDP "eine einheitliche Vorwahl für alle Telefonwerber" einführen. Anhand der Vorwahl auf dem Display des Telefons könnte man so noch vor der Annahme des Gesprächs erkennen, ob es sich um einen Werbeanruf handelt.
Keine "anlasslose Gefahrenabwehr"
Die FDP sieht den Staat gut gerüstet, um die Bürger vor Gefahren aller Art zu schützen. Bei der Gefahrenabwehr und der Strafverfolgung sehen die Liberalen jedoch den "Gesetzgeber... sich stets nur an der Grenze des noch verfassungsrechtlich zulässigen... orientieren" . So läuft der Staat leicht Gefahr, unnötig die Freiheit der Bürger zu beschränken. Dem will die FDP einen Riegel vorgeschoben wissen. Aus diesem Grunde lehnt die Partei nicht nur die "anlasslose Gefahrenabwehr" und die "anlass- und verdachtsunabhängige Vorratsdatenspeicherung" ab, sondern auch die Verwendung von "Mautdaten zur Strafverfolgung" , den großen Lauschangriff und die "uferlose Ausweitung der DNS-Datei" .
Mehr Wettbewerb für Ausbau der Breitbandvernetzung
Bei der Breitbandvernetzung setzt die FDP ganz auf Markt und Wettbewerb. Jedwede staatliche Regulierung müsse den Wettbewerb fördern. Um die Lücken bei der Breitbandversorgung zu schließen, vertraut die FDP ganz optimistisch auf "verbesserte Information über die vielfältigen Zugangstechnologien sowie Kooperationen zwischen Unternehmen und Gebietskörperschaften" .
Auf dem Lande will die FDP freiwerdende Rundfunk-Frequenzbereiche "flexibel" nutzen, um die Versorgung mit Internetzugängen zu verbessern. Auf keinen Fall will die FDP "gesetzliche Universaldienstverpflichtungen bei der Breitbandversorgung" . Mit anderen Worten, den großen DSL-Anbietern sollen kostenträchtige Investitionen zur Vernetzung bevölkerungsschwacher Gebiete erspart bleiben.
Selbstschutz und Selbstbestimmung statt Zwang
Anders als CDU/CSU und SPD macht die FDP keinen offenen Wahlkampf mit dem Thema Kinderpornografie. Staatlich verordneten Websitesperren erteilt sie eine Absage. Die Internetdiensteanbieter will die FDP nicht "mit überzogenen Überwachungspflichten" belastet sehen. Um Kinder und Jugendliche vor "für sie ungeeigneten Inhalten" zu schützen, setzt die FDP "auf Filtern zu Hause" als bestes Mittel.
"Online-Spielsüchtigen" will die FDP im Rahmen ihrer Sucht- und Drogenpolitik genau wie Alkohol-, Tabak-, Medikamenten- und Cannabis-Abhängigen "ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben" ermöglichen. Dabei spielt die Frühprävention in der Vorstellung der Partei eine wichtige Rolle. Die "Einrichtung flächendeckender Präventionsgrogramme" steht folglich bei den Liberalen ganz oben auf der Prioritätenliste.
"Three Strikes" statt Kulturflatrate?
Für die FDP hat das Urheberrecht "in der digitalen Welt eine Schlüsselfunktion" . Aus diesem Grunde fordern die Liberalen unter dem Motto der "konsequenten Weiterentwicklung des Urheberrechts" eine weitere Verschärfung des Urheberrechtsschutzes. Von der Einführung einer Kulturflatrate, die die SPD immerhin prüfen will, hält die FDP überhaupt nichts. Stattdessen will die Partei die "Internetpiraterie" , diese "existenzielle Bedrohung für die Kultur- und Kreativwirtschaft" , energisch bekämpfen: "Das Internet darf kein urheberrechtsfreier Raum sein. Die FDP setzt sich deshalb für Lösungen ein, die unter Wahrung des Datenschutzes eine effektive und konsequente Rechtsdurchsetzung gewährleisten." [von Robert A. Gehring]
In den folgenden Teilen unseres Wahl-Spezials nehmen wir die Programme von SPD und CDU/CSU aus IT-Sicht unter die Lupe. Texte zu den Wahlprogrammen der Piratenpartei , der Linken und von Bündnis90/Grüne sind bereits erschienen.
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