IMHO: Warum der deutsche HDTV-Irrsinn enden muss
Wenn der knapp zwei Jahre dauernde Formatkrieg zwischen HD-DVD und Blu-ray eines gelehrt hat, dann das: Die Konsumenten entscheiden sich nicht. Sie warten ab. Technische Vorteile wie die höhere Speicherkapazität der Blu-ray sind dem Media-Markt-Kunden egal, das einzige was zählt, sind die Inhalte. Als Warner der HD-DVD die Unterstützung entzog, war das Format erledigt. Seitdem explodieren die Absatzzahlen von Blu-ray-Playern und -Filmen. Die Scheiben für den blauen Laserstrahl sind auch abseits von Sonderangeboten für 15 Euro zu haben. So wird was daraus.
Auch der digitale Empfang von hochauflösendem Fernsehen, in vielen Ländern längst alltäglich, hat jetzt, im Jahr 2009, in Deutschland endlich gute Chancen - gute Chancen für einen kolossalen Fehlschlag. Denn drei verschiedene Formate und Verschlüsselungsstandards stehen sich gegenüber.
ARD und ZDF senden zwar unverschlüsseltes DVB-S2, aber nicht im Format 1080i wie die meisten anderen Sender. Für das von den Öffis bevorzugte Format 720p50 spricht die höhere zeitliche Auflösung, nur stellt sich das Gros der Receiver nicht von selbst darauf ein. Das erinnert ein bisschen an den Farbregler von US-Fernsehern, wo "NTSC" bis in die 1980er Jahre als "never the same color" buchstabiert wurde.
Wenn der Receiver 1080i aus dem 720p50-Signal macht und der Fernseher daraus wieder Vollbilder, ruckelt das Ergebnis unter Umständen erst recht - genau das sollte aber das Format von ARD und ZDF vermeiden. Arte HD sendet ebenfalls in 720p50. Was bisher als Anixe HD und dem Astra-Demokanal frei empfangbar ist, und auch Premiere und Sky, kommt in 1080i daher. Und dieses Format beherrschen die HD-Sat-Receiver, die schon um 100 Euro erhältlich sind, in ihrer Voreinstellung.
Viele dieser Geräte konnten bisher über einen CI-Slot mit einem CAM, dem Entschlüsselungsmodul, auch fit für Premiere gemacht werden. Noch bevor der Sender aber in Sky umbenannt wurde, wechselte er die Verschlüsselung auf das Format NDS , für das es keine CAMs gibt. Für Bezahlfernsehen braucht man also, um legal zu bleiben, einen zweiten Receiver. Und für die Privatsender RTL und Vox, bald vielleicht auch ProSiebenSatKabelEins , einen dritten: Die mögen nämlich den CI-Slot, in den bisherige CAMs passen, gleich gar nicht, sondern wollen 'CI%2B' durchsetzen .
Für den Zuschauer hat das keine Vorteile, aber für die allmächtigen Inhaltsanbieter alias "Hollywood": Mit CI+ kann der Sender nach den Vorgaben der Filmfirmen bestimmen, ob etwas überhaupt aufgezeichnet wird, oder ob der Receiver die Aufnahme nach ein paar Tagen wieder löscht. Das will niemand haben. Man stelle sich vor, in den 1990er Jahren wäre ein RTL-Beauftragter alle paar Tage vorbeigekommen, um die mühsam von Werbung befreiten VHS-Kassetten zu löschen ...
Die Verwirrung ist also komplett. Der Ausweg ebenso: Wer hochauflösende Filme und Serien sehen will, kauft sich Blu-rays oder HD-Downloads. Alles ohne Fernsehen, ohne Werbung - dafür aber mit Spots, die den ehrlichen Kunden verdächtigen, Schwarzkopierer zu sein. Im Zweifel ist das aber das kleinere Übel. Vor allem für die "early adopters" , die schon einen HDTV-Receiver gekauft haben und nun von neuen Standards verprellt werden.
Noch bevor das Thema HDTV in Deutschland so richtig in Schwung kommt, haben die Fernsehsender den potenziellen Kunden vor so viele Wahlmöglichkeiten gestellt, dass dem nicht technophilen Zuschauer wie bei der HD-DVD nur eine Alternative bleibt: abwarten. Für die Industrie bedeutet das: weniger Umsatz mit Geräten, weniger Umsatz mit Abos. Genau das, was eigentlich nicht geplant war.
IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)



