Spieletest: Tunnel Rats 1968 - der Uwe-Boll-Shooter

Unter Spielefans hat der Regisseur Uwe Boll einen Ruf wie Programmfehler, bayerische Jugendschützer und Games for Windows Live: ziemlich schlecht - aber immerhin kann man prima Witze darüber reißen. Seit Jahren dreht Boll Filme auf Basis von Computerspielen, und immer kommen dabei Machwerke heraus, die bestenfalls auf Desinteresse, schlechtestenfalls auf Ablehnung stoßen. Jetzt geht die Boll KG den anderen Weg: Erstmals ist für Windows-PC ein Ego-Shooter erhältlich, der auf einem seiner Filme basiert. Technisch verwendet er die Replay-Engine des Hamburger Entwicklerteams Replay Studios, das das Spiel produziert hat.
Tunnel Rats 1968 setzt die Handlung des 2008 veröffentlichten Spielfilms Tunnel Rats fort. Im Mittelpunkt steht ein amerikanischer Soldat, der in Vietnam kämpfen muss. Die ersten Schritte in dieser Rolle geht der Spieler als Kriegsgefangener in einem halb unterirdischen Gefängnis des Vietcong: ohne Waffen, um sich herum nur tote Teamkameraden und Feinde. Ziel der Hauptfigur ist es, lebendig in seinen Stützpunkt zurückzugelangen. Im Spielverlauf erzählen immer wieder kurze, im Comicstil gehaltene Einblendungen und Flashbacks ein bisschen über das bisherige Leben des Protagonisten, über seine Angst und seine Sehnsucht nach der Heimat und der Freundin im fernen Amerika.
Der Spieler ist in Tunnel Rats 1968 so gut wie ausschließlich in dichten Wäldern unterwegs, oder er kämpft und schleicht sich durch die berühmt-berüchtigten unterirdischen Tunnelsysteme, die der Vietcong angelegt hatte (und die im echten Vietnamkrieg tatsächlich von westlichen Soldaten - eben den "Tunnel Rats" - infiltriert werden mussten). Die Stollen im Spiel ähneln weitgehend den unterirdischen Gängen, die viele historische Fotos und Filme zeigen: meist etwa einen Meter hoch, manchmal weniger - und fast stockdunkel, voller Fallen und Hinterhalte.
In den Tunnels kommt der Spieler am besten voran, indem er mit der Taschenlampe ein paar Meter im Voraus ableuchtet und sich dann im Dunklen vorwärtsbewegt - so lässt sich die Gefahr minimieren, dass Feinde vorzeitig aufmerksam werden. Allerdings muss der Spieler dabei höllisch auf die Fallen achten: Das sind dünne, über den Gang gespannte Drähte, befestigt etwa an einer Handgranate, oder gut getarnte Bodenplatten. Beide lassen sich meist ohne größere Probleme entschärfen - bei Drahtfallen mithilfe einer Laufleiste, an der man im richtigen Moment eine Maustaste drücken muss.
Falls das doch mal schiefgeht und der Spieler stirbt: Tunnel Rats 1968 bietet keine manuelle Speicheroption, sondern legt automatisch ein einzelnes Savegame an. Im Todesfall muss der Spieler von dort aus neu starten - was auf Dauer enorm stört, weil die Speicherpunkte selten sind und oft an ungeschickt gewählten Stellen liegen.
In den Wäldern lauern ebenfalls sowohl Stolperfallen als auch getarnte Fallgruben, die sich dort genauso wie unter Tage entschärfen lassen. Eine weitere Herausforderung ist die Orientierung: Es gibt keine Übersichtskarte, stattdessen muss sich der Spieler in den linearen Levels entscheiden, welcher von drei oder vier Trampelpfaden der richtige sein könnte - meist führen alle weiter.
Sowohl in Stollen als auch in den Wäldern stehen Schießereien auf der Tagesordnung. Dieses Kernelement eines Ego-Shooters ist die wohl größte Schwäche von Tunnel Rats 1968. Selbst auf schnellen Rechnern springt die Bildwiederholrate, sobald Gegner auftauchen oder sich gar bewegen, und macht es übermäßig schwer, die feindlichen Vietcong ins Fadenkreuz zu nehmen. Das wird noch dadurch verschlimmert, dass das M-16 und die anderen Waffen beim Schießen stark nach oben ziehen. Ergebnis: Manchmal erledigt ein auf gut Glück abgegebener Treffer den Feind, manchmal zeigen aber selbst in Ruhe abgegebene Kugeln keine Wirkung, sondern scheinen irgendwo im Nirgendwo zu landen.
Davon abgesehen macht die Grafik einen durchwachsenen Eindruck: Der erste Level ist mit seinen verwaschenen Farben und groben Texturen schlicht hässlich, aber dann bessert sich das Bild etwas. Später ist der Spieler auch mal in lauschig grünen Wäldern oder schönen Tälern unterwegs - die aktuellen Genrereferenzen erreicht Tunnel Rats 1968 aber an keiner Stelle auch nur annähernd.
Das Programm wurde bislang nicht von der USK geprüft - muss es auch nicht, weil es nur im Internet verfügbar ist. Inhaltlich richtet es sich klar an Erwachsene: Immer wieder enthaupten Schüsse den Feind, Blut spritzt heftig. Außerdem kann der Spieler toten Gegnern - seltsamerweise auch solchen ohne Kopf - als Trophäe ein Ohr abschneiden, was spielerisch ebenso wenig Auswirkungen hat wie das Einsammeln der Dogtags von toten GIs.
Fazit:
Schade, aber in Trash-Regisseur Uwe Boll steckt offenbar kein bislang verborgenes Gamedesign-Genie: Tunnel Rats 1968 ist genauso wie die Filme von Boll eine Enttäuschung. Anfangs wirkt zwar das Schleichen durch die Tunnels spannend und die düstere Hintergrundgeschichte der Hauptfigur weckt Neugier. Dann stellt sich aber heraus, dass das Fallenentschärfen auf Dauer eintönig ist, dass es viel zu wenig Speicherpunkte gibt und dass vor allem die Kämpfe wegen der schlecht programmierten Steuerung nur mäßig Spaß machen.
Die ganz große, zum allgemeinen Auslachen geeignete Katastrophe ist Tunnel Rats 1968 dennoch nicht geworden - beinharte Fans des Vietnamszenarios kommen einen halben Tag lang einigermaßen auf ihre Kosten, zumal der Preis stimmt. Alle anderen Computerspieler sollten trotzdem einen Bogen um das Programm machen.



