EU-Kommission will Open Access fördern
Im Rahmen ihrer i2010-Strategie hatte die EU-Kommission 2005 unter anderem beschlossen, Europas kulturelles Erbe zu digitalisieren und für alle Bürger online zugänglich zu machen. Wirklich vorzeigbare Ergebnisse sind allerdings bis heute kaum produziert worden.
Die Europäische Digitale Bibliothek Europeana hat Ende 2008 erst einmal einen Fehlstart hingelegt. Nicht nur dass die Server unter der Last der Anfragen zusammenbrachen, auch die Ausstattung mit Inhalten war kaum mehr als mangelhaft. Seitdem verharrt die Europeana in einem dauerhaften Demozustand und präsentiert vollmundige Ankündigungen, was sie leisten will, wenn sie denn einmal fertig sein wird. Wann das Versprechen eingelöst wird, bleibt allerdings offen.
Die EU-Kommission will mehr Fortschritt sehen. Aus diesem Grunde hat sie das Ende 2008 ausgelaufene Mandat der Hochrangigen Expertengruppe zu Digitalen Bibliotheken(öffnet im neuen Fenster) um ein Jahr verlängert. Die vom Generaldirektor Binnenmarkt persönlich zu ernennenden Mitglieder der Expertengruppe sollen die Kommission in "Fragen des Urheberrechts und der Bewahrung im Zusammenhang mit digitalen Bibliotheken sowie den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen" beraten.
Freier Zugang zu wissenschaftlichen Informationen
Insbesondere geht es der EU-Kommission um Schrankenbestimmungen im Urheberrecht, um einen verbesserten Onlinezugriff auf urheberrechtlich geschützte Inhalte auf freiwilliger Basis, um nutzergenerierte Inhalte und um Verbesserungen beim "freie[n] Zugang zu wissenschaftlichen Informationen sowie [...] zu Forschungsdaten" . Darüber hinaus sollen die Experten den Umgang mit verwaisten und vergriffenen Werken überwachen.
Die Berufung der Expertengruppe fällt in eine Zeit, in der in den USA und Europa heftig über den richtigen Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen und urheberrechtlich geschützten Büchern gestritten wird. Google Books heißt das Gespenst, das das Publikationswesen fürchtet. Die in den USA erzielte Vereinbarung zwischen dem Suchmaschinengiganten Google und dem Autorenverband Authors Guild weckt vielerorts Befürchtungen vor einem künftigen Google-Monopol für digitale Publikationen.
In Deutschland proben Verlage und prominente Geisteswissenschaftler derweil den Aufstand gegen alle Open-Access-Pläne . Von Enteignung ist da die Rede und von einem Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Dabei geben sich die Protagonisten der Anti-Open-Access-Bewegung keine Mühe, Unterschiede zwischen Googles Aktivitäten und dem freien Zugang zu aus Steuermitteln finanzierten Forschungsergebnissen zu machen. Dem vom Heidelberger Germanisten Roland Reuß initiierten Heidelberger Appell "Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte" haben sich mittlerweile mehr als tausend Unterzeichner angeschlossen.
Der Konstanzer Bibliothekar Uwe Jochum, der zu den Unterzeichnern des Heidelberger Appells gehört, kritisiert die großen deutschen Forschungsorganisationen, die sich für Open Access aussprechen, in der Frankfurter Rundschau(öffnet im neuen Fenster) scharf:
Streit um die Wissenschaftsfreiheit
"Wenn die Allianz nun also meint, sie könne den Wissenschaftlern vorschreiben, unter welchen Bedingungen sie zu veröffentlichen haben, dann zwingt sie die Wissenschaftler zur Preisgabe eines Verfassungsrechts. Im Detail geht das so: Im ersten Schritt fordert die Allianz im Namen der Leser einen entgeltfreien Zugang zu den wissenschaftlichen Publikationen. Im zweiten Schritt erwartet die Allianz von den Wissenschaftlern, 'dass die Autoren der Gesellschaft, die ihre Forschung durch Steuermittel möglich macht, einen einfachen Zugang zu ihren Publikationen eröffnen', indem die wissenschaftlichen Autoren ihre Veröffentlichungen auf Open-Access-Servern bereitstellen."
Darin sieht Jochum einen direkten Angriff auf die verfassungsrechtlich geschützte Wissenschaftsfreiheit: "Deren Freiheit sicherte der Staatsbürger bislang nämlich dadurch, dass er mit seinen Steuern die Wissenschaft finanzierte, um sie unabhängig von wirtschaftlichen Pressionen und staatlichen Bevormundungen zu machen. Die Allianz verkehrt diese Logik, indem sie aus dem Steuertransfer der Bürger ableitet, dass die steuerfinanzierte Wissenschaft Eigentum der Steuerzahler sei und folglich von diesen bestimmt werden könne, was die Wissenschaftler wie zu veröffentlichen haben."
Die Politik hat sich aus der Debatte bisher weitgehend herausgehalten. Das Vorgehen der EU-Kommission dürfte früher oder später auch die deutsche Politik zur Stellungnahme zwingen. Ob sie sich dabei auf die Seite der Verlage und Geisteswissenschaftler schlägt oder sich zu Open Access und damit zu den Positionen der Natur- und Technikwissenschaftler bekennt, bleibt abzuwarten. [von Robert A. Gehring]
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