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"Hassen, und trotzdem respektvoll sein"

Re:publica 2009
Ein Gespräch mit der arabischen Onlineaktivistin Esra'a al Shafei. Können Araber, Israelis und Kurden, Muslime, Juden und Christen im Nahen Osten respektvoll miteinander streiten? Bei Mideastyouth.com geht das. Gründerin Esra'a al Shafei erklärte Golem.de, wie das funktioniert.
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Freie Meinungsäußerung, Menschenrechte, Minderheitenrechte - jeder kann auf mideastyouth.com(öffnet im neuen Fenster) seine Meinung sagen. Und das in einer Region, in der Zensur die Regel ist und jeder mit jedem verfeindet scheint.

Verantwortlich dafür ist Esra'a al Shafei aus Bahrein, die 2006 im Alter von 18 Jahren die Plattform gegründet hat. Es ist eine bemerkenswerte Plattform, auf der Menschen aus dem Nahen Osten über alle ideologischen und religiösen Grenzen hinweg kommunizieren können. Derzeit gibt es sie hauptsächlich in Arabisch und Englisch. 2006 wurde Bloggen auch im Nahen Osten populär, aber, sagt al Shafei, es war "wie auch im realen Leben bei uns. Hier gab es die kurdischen Blogger, dort die israelischen und dort die arabischen. Jeder isoliert für sich, keiner sprach mit dem anderen." Dem wollte sie etwas entgegensetzen: den unabhängigen Austausch von Ideen.

"Begonnen hat es mit Arabern und Iranern, dann kamen Israelis und Kurden hinzu, Syrier und Türken" , erzählt sie. Mittlerweile zählt die Plattform rund 200 Autoren aus 26 Ländern und aus acht unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Sie bloggen und debattieren - immer in dem Bewusstsein, dass es jeder in der Region mitbekommen kann. Dabei geht es um Hip-Hop, Comics und Videos - und um Politik.

Anfangs wurden die grenzüberschreitenden Aktivisten als Terroristen verunglimpft. "Doch wir haben uns die sozialen Netze wie Facebook, Youtube und später auch Twitter zunutze gemacht, um Menschen, die das anders sehen, anzusprechen, und sie zum Mitmachen zu bewegen." Sie fanden Nutzer, vor allem unter denen, die ohnehin zwischen allen Stühlen saßen - israelische Araber, Angehörige verfolgter religiöser Minderheiten, unterdrückter Ethnien. Oder alleinerziehende Mütter. "In der saudischen Gesellschaft sind alleinerziehende Mütter isoliert. Die Leute halten sie für Prostituierte" , erklärt al Shafei. Eine von ihnen wollte das Urteil arabischer Gesellschaften über alleinerziehende Mütter verändern und bat Mideastyouth, ihr das Bloggen beizubringen.

Von Zensur und Internetsperren ist zwar auch Mideastyouth ständig betroffen, aber nie lange. "Es gibt immer Wege, das zu umgehen" , sagt al Shafei. "In den meisten dieser Länder sind Facebook, Flickr und Youtube natürlich sowieso gesperrt. Aber die Leute wollen sie nutzen. Das tun sie auch. Sie wissen, wie das geht. Es reicht, einem syrischen Blogger mitzuteilen: Mein Freund im Iran hat ein Problem! Und schon bekommt man einen Tipp, wie es sich lösen lässt." Absurderweise gäben die Regierungen im Nahen Osten Millionen für Internetzensur aus. Dabei, so al Shafei, reicht ein Entwickler, damit sich dieses Geld in Nichts auflöst.

Doch die Aktivisten von Mideastyouth zetteln auch Kampagnen jenseits des Internets an. Ein internationales Echo fand die Unterstützungskampagne für den ägyptischen Blogger Kareem Amer(öffnet im neuen Fenster) , der wegen seiner Texte zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Vorgeworfen wurde ihm unter anderem Verunglimpfung der ägyptischen Regierung und Anstachelung zum Hass gegen Muslime.

Mideastyouth organisierte über seine Seite und soziale Netzwerke in 26 Ländern gleichzeitig Demonstrationen vor den ägyptischen Botschaften, um gegen die Inhaftierung Kareems zu protestieren. Das hatte Berichte in vielen etablierten Medien zufolge - "bis hin zum tschechischen Fernsehen" , wie al Shafei betont. Kareem wurde zwar bislang nicht freigelassen, aber in ein Gefängnis für politische Gefangene verlegt und nicht mehr gefoltert. "Die Verantwortlichen wussten, dass die ganze Welt zuschaut. So kann man soziale Netzwerke für eine erfolgreiche Kampagne nutzen."

Dabei stimmen die Unterstützer der Kampagne gar nicht mit den Äußerungen des Bloggers überein, der Muslime scharf kritisiert hatte. Doch sie streiten eben für die Freiheit des anderen, seine Meinung zu sagen. Bezeichnenderweise sind die wichtigsten Unterstützer muslimische Frauen. "Es ist viel wirkungsvoller, wenn ein Araber sich für die Rechte der Kurden einsetzt, als wenn die Kurden für sich selbst kämpfen" , erklärt al Shafei das Prinzip.

Nur Streit bringt Veränderung

"Mideastyouth ist kein Ort, wo sich alle umarmen und Frieden rufen. Denn das bringt keine Veränderung" , sagt al Shafei. Debatten seien viel wichtiger und die Möglichkeit, tausend verschiedene Stimmen zu hören statt nur einer. "Wir streiten uns ständig - und das ist das Schöne!" Lediglich extremer Hass und extremer Rassismus werden nicht akzeptiert. "Einem Volk den Tod wünschen - nein. Aber wenn man sagt: Ich bin nicht einverstanden damit, wie dieses oder jene Volk seine Identität definiert - ok. Man kann hassen, und trotzdem respektvoll sein. Das wollen wir zeigen."

Dafür gehen die Autoren von Mideastyouth ein großes Risiko ein, vor allem für ihre persönliche Sicherheit. Um sich zu schützen, nennen sie nur selten ihre Namen, Autoren in repressiveren Ländern schicken ihre Texte per Mail oder Fax an Mitstreiter in liberaleren Ländern, die sie von dort aus online stellen. "Ich komme aus Bahrein" , sagt al Shafei, die mit ihrem richtigen Namen auftritt, "da kann ich mir viel mehr erlauben als Kollegen in Syrien oder im Iran." . Doch Reisen in diese Länder sind für sie nicht mehr ohne weiteres möglich. Und Kritik am eigenen Land wäre auch für sie zu gefährlich.


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