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Spieletest: U-Bahn-Simulator - Fehlerfahrt durch Berlin

Schwächen im Design trüben das Spielerlebnis. Ein U-Bahn-Simulator mit der Strecke U7 in der Hauptstadt? Das konnte sich die in Berlin ansässige Golem.de-Redaktion nicht entgehen lassen. Im Test musste der Simulator zwischen Spandau und Rudow zeigen, wie nah er dem Original kommt.
/ Andreas Sebayang
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Derzeit wird der Simulationsmarkt vor allem von Müll- und ähnlichen Nutzfahrzeugsimulatoren überschwemmt. Echte Simulationsspiele sind selten. Der U-Bahn-Simulator der Erfurter TML Studios erhebt den Anspruch, dazuzugehören. Die U7-Simulation ist der zweite Titel der World of Subways . Er kommt mit einer eigenen Engine aus.

Die U-Bahn-Linie 7(öffnet im neuen Fenster) (kurz U7) ist eine Großprofilstrecke und die längste Linie in Berlin. Die Fahrt von einem Ende (Rathaus Spandau) bis zum anderen Ende (Rudow) dauert fast eine Stunde und führt durch die halbe Stadt – knapp 32 Kilometer, komplett unterirdisch. Viel zu sehen gibt es also nicht.

Die U7 hat eine lange Geschichte und ist mit einigen beeindruckenden und ein paar pompösen Bahnhöfen ausgestattet – zumindest für Berliner Verhältnisse. Das geht bei sehr alten Bahnhöfen wie dem Hermannplatz (1926) in Neukölln los und hört bei modernen Stationen wie Rathaus Spandau (1984) auf, die vom Architekten Rainer G. Rümmler(öffnet im neuen Fenster) gestaltet wurden.

Der U-Bahn-Simulator kommt an die Realität nicht heran. Das liegt auch an den technischen Problemen der eigentlich hübschen Engine: So leuchten Tunnelleuchten durch die Decke der U-Bahn und häufig poppen Teile von Zügen und Tunneln auf oder verschwinden. Davon abgesehen nervte das Spiel im Test mit zahlreichen Abstürzen, verschwindenden Mauszeigern, und es lief nur auf einem von drei Rechnern bei Golem.de. Die anderen beiden Vista-Rechner sollten mit einer aktuellen DirectX-Version aktualisiert werden, so die sinnfreie Fehlermeldung des Spiels. Diese gibt es aber nicht. Mit Windows Vista kennen sich die Entwickler der TML-Studios ohnehin nicht gut aus. Ohne Administratorrechte war es beispielsweise nicht möglich, die Einstellungen dauerhaft festzulegen.

Wer Berlin und die Linie 7 kennt, wird außerdem auch ohne tiefgreifende Kenntnisse der U-Bahn einige Fehler entdecken. Der auffallendste ist die U-Bahn der Baureihe H (Berliner Großprofil). Im echten Berlin wird dieser Zug nur als 6-Wagen-Zug eingesetzt; ein Teilen des Zuges ist betrieblich nicht möglich. Im Spiel wird der Zug hingegen in der Galerie dennoch als 3-Wagen-Zug präsentiert, im Spiel kann er sogar als 2- oder 4-Wagen-Zug gefahren werden.

Auch Signaltafeln sind teilweise falsch oder stimmen nicht mit den Aufforderungen des Streckenmonitors überein. Das betrifft zum Beispiel die Geschwindigkeit: Ob der Spieler zu schnell gefahren ist oder nicht, erfährt er erst, wenn er am Ende der Strecke angekommen ist. Dass außerdem die Einfahrtsschilder etwa im Bahnhof Jungfernheide nicht mit der Anzeige des Monitors übereinstimmen, fällt dann kaum noch auf.

Die Simulation der Züge selbst ist aber gelungen. Der Spieler bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie schwer es ist, aus voller Fahrt einen tonnenschweren Zug auf den Meter genau zum Stehen zu bringen. Dabei muss der Spieler auch immer auf kleine Dinge wie Durchsagen, Schließen der Türen und auf die Strecke achten und dabei die Geschwindigkeiten einhalten. Ein U-Bahn-Fahrer hat zwar nur einige wenige Regler zur Zugsteuerung, doch gerade die perfekte Bedienung ist wichtig beim Fahren.

Neben offensichtlichen Fehlern gibt es im Spiel einige zusätzliche Schwächen, die bei einem solchen Nischenprodukt aber hinnehmbar sind. So funktionieren die Abfertigungsspiegel und -kameras nicht und helfen also nicht dabei, die Bahnsteigsituation zu beurteilen. Außerdem stehen die Fahrgäste auf den Bahnsteigen nur unbeweglich herum, manchmal sind mitten im Berufsverkehr gar keine Menschen zu sehen. Die Ansagen in den U-Bahnen stammen zudem nicht von Originalsprechern, was vor allem Berlinern auffällt, die diese Ansagen anders gewohnt sind.

Spielerisch bietet der U-Bahn-Simulator wenig. Wer einen Fahrplan erstellt, hat nur die Wahl, die gesamte Linie abzufahren. Die Dienstfahrpläne der BVG geben da deutlich mehr her: Es gibt Aussetzfahrten von Verstärkerzügen und die Züge enden auch nicht immer auf demselben Kehrgleis. Im Spiel fehlen obendrein die Züge vor und hinter dem Spieler. Es gibt nur Gegenverkehr und dementsprechend sinnlos ist das Achten auf Signale; ein Rotsignal gibt es ohnehin nur sehr selten. Außerdem bietet der Simulator auch in der Woche einen Nachtverkehr an – Berliner können davon nur träumen.

Für Abwechslung im Spiel sollen zusätzliche Missionen sorgen. Die U-Bahn-Mission "Notarzteinsatz" weckt Assoziationen, die leider zum U-Bahn-Fahrer-Beruf gehören, aber beim besten Willen nicht nachgestellt werden müssen. Zum Glück geht es dann auch nicht um einen Selbstmörder, sondern der Fahrer muss lediglich per Funk Hilfe für einen kollabierten Fahrgast holen. Das ist mit ein paar Tastendrücken erledigt. Auch die anderen Missionen sind ähnlich langweilig: Wer U-Bahn fahren will, möchte eigentlich nicht aus dem Zug aussteigen und alle Notausstiege überprüfen. Immerhin bietet das Aussteigen die Möglichkeit, die Gleis- und Bahnhofsanlagen genauer anzuschauen.

Hier ist dem Spiel die Liebe zum Detail durchaus anzumerken. Bahnhöfe wie Zitadelle oder Paulsternstraße sind bis hin zur Struktur der Wände originalgetreu nachgebildet. Die eigens entwickelte Engine macht hier einen guten Eindruck. Wenn da nicht einige Stellen wären, die aussehen, als hätten die Designer eine zerknüllte Netzspinne entfaltet, fotografiert und anschließend als Textur benutzt. Die Gleisanlagen sind in der Regel korrekt nachgebaut. Nur bei einigen Kehranlagen (wo die Züge die Richtung wechseln) kommt die Frage auf, wie die BVG den Betrieb aufrechterhält.

Die Hardwareanforderungen sind gering: Offiziell benötigt das Spiel mindestens einen Pentium 4 mit 3 GHz. Die Entwickler empfehlen aber eine moderne Dual-Core-CPU. Der Arbeitsspeicher sollte 2 GByte groß sein und die Grafikkarte sollte einer Geforce 6600 entsprechen. Unter Windows nimmt das Spiel etwa 2,5 GByte Speicher auf der Festplatte ein.

Der U-Bahn-Simulator kostet etwa 30 Euro; die USK hat das Programm ohne Altersbeschränkung freigegeben.

Fazit

Der Zugsimulator könnte besser sein, sowohl technisch als auch spielerisch. Wer einen Simulator verkauft, muss sich daran messen lassen, wie nah er an der Wirklichkeit ist. TML Studio hat mit der U7 zwar eine schöne Linie herausgepickt, sich aber angesichts deren Komplexität zu viel vorgenommen.

Immerhin ist das Bahnhofsdesign über weite Strecken gelungen. Das gilt besonders für die schönen Bahnhöfe des Nordastes der U7. Fehler und Schwächen im Spieledesign trüben das Spielerlebnis leider. Wer gerne Zugsimulatoren spielt und nicht unbedingt im Nahverkehr fahren will, ist mit Loksim 3D(öffnet im neuen Fenster) trotz der altbackenen Grafik besser bedient. Der U-Bahn-Simulator ist nur etwas für Nahverkehrsfans oder Spieler, die Berlin nicht kennen und über die Schwächen hinwegsehen können.


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