Ein Kulturkampf um das Wissen
In einem vor knapp zwei Wochen in der Onlineausgabe der Frankfurter Rundschau erschienen Artikel(öffnet im neuen Fenster) über Google Books hat Reuß den Politikern heftige Vorwürfe gemacht. Sie würden nicht angemessen auf Googles "gewaltsamen Versuch" reagieren, "ein in einem langen Prozess erstrittenes Verfügungsrecht durch einfaches Verfahren in ein bloßes Einspruchsrecht zu transformieren und dabei entstehende Kollateralschäden durch ridiküle finanzielle Zahlungen abzugelten."
Reuß weiter: "Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Sektor der literarischen Produktion von Regierungsvertretern (und zwar EU-weit) so gering geschätzt wird, dass sie es nicht der Mühe wert finden, eine scharf umrissene Position in dieser Angelegenheit auszubilden und dann auch in Verhandlungen durchzusetzen. Diese Haltlosigkeit ist nicht hinnehmbar."
Briefsammlungen bei Google Books
Reußens Zorn erregte, dass er die von ihm mit herausgegebene Ausgabe von Kleist-Briefen bei Google Books entdeckt hatte. Diese Ausgabe wurde unter anderem dadurch möglich, dass das Urheberrecht an den Briefen schon vor langer Zeit abgelaufen ist. Noch nicht ganz so lange abgelaufen ist das Urheberrecht an Kafkas Schriften, an deren Herausgabe Reuß ebenfalls beteiligt ist. Ob Kleist oder Kafka mit der Verwertung ihrer Werke durch Reuß einverstanden gewesen wären, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.
Nicht nur Google und die tatenlosen Politiker griff Reuß in seinem FR-Beitrag an, sondern auch jene Verlage, die mit Google "peinliche Verträge" geschlossen hätten, "die teilweise marodierenden nationalen Bibliotheken" und die Open-Access-Bewegung. Ein Rundumschlag, für den sich schnell Unterstützer fanden. Rudolf Walter(öffnet im neuen Fenster) sekundierte vor einigen Tagen in der tageszeitung: "'Open Enteignung' durch Google Books" .
Walther sieht in Open Access eine "Erpressung und Entrechtung der Autoren" , eine unmittelbare Bedrohung der abendländischen Kultur. Schuld daran seien die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Universitäten wie die in Zürich, die ihre angestellten Autoren "auf kaltem Weg enteignet" .
Gemeint ist, dass Wissenschaftler, deren Arbeit – Forschung, Lehre und Publikationen – durch die öffentliche Hand gewährleistet wird, ihre Ergebnisse künftig auch eben dieser öffentlichen Hand kostenlos zur Verfügung stellen. Daraus schließt Walther: "Die Google-Piraterie und der 'Open-acces'-Schwindel sind gefährlicher als die Piraterie entlang der somalischen Küste." Und so geht es fast täglich Schlag auf Schlag weiter. Von Kritik in Foren und Blogs lassen sich die echauffierten Google-/Open-Access-Gegner nicht anfechten.
Heidelberger Appell
Reuß und seine Gefährten haben mittlerweile auf den Seiten des gemeinnützigen Heidelberger Instituts für Textkritik einen Heidelberger Appell(öffnet im neuen Fenster) "Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte" veröffentlicht. Dort heißt es unter anderem:
"Autoren und Verleger lehnen alle Versuche und Praktiken ab, das für Literatur, Kunst und Wissenschaft fundamentale Urheberrecht, das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Presse- und Publikationsfreiheit zu untergraben. Es muss auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen. Jeder Zwang, jede Nötigung zur Publikation in einer bestimmten Form ist ebenso inakzeptabel wie die politische Toleranz gegenüber Raubkopien, wie sie Google derzeit massenhaft herstellt."
Geisteswissenschaftler gegen Naturwissenschaftler
Die Liste der Unterzeichner des Appells umfasst mittlerweile eine stattliche Zahl von Verlegern, Gelehrten, Literaten, anderen Kreativen und Aspiranten. Bei den Wissenschaftlern dominieren unübersehbar die Geisteswissenschaftler. Die abwesenden Naturwissenschaftler hingegen haben schon 2004 die " Göttinger Erklärung zum Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft(öffnet im neuen Fenster) " unterzeichnet. Sie fordern, "im Urheberrecht faire und ausgewogene Bedingungen gesetzlich so zu regeln, dass die Nutzung von geschützten Werken angemessen vergütet, aber gleichzeitig deren Zugänglichkeit für Zwecke der Bildung und Wissenschaft nicht behindert wird" . Das ist auch heute noch nicht gewährleistet.
Die meisten Autoren werden von den Verlagen dazu gedrängt, sogenannte Total-Buy-Out-Verträge (TBO) zu unterzeichnen, in denen sie alle Verwertungsrechte abtreten. Im Gegenzug erhalten sie ein meist lächerlich geringes Entgelt für die allumfassende Verwertung ihrer Werke, wenn überhaupt. Allenfalls Bestsellerautoren können daher von ihren Büchern leben – und natürlich die Verleger. Das geltende Urheberrecht unterstützt diese für die meisten Autoren hoffnungslose Situation.
Dazu der Übersetzer und Autor Ilja Braun: "Wenn der Urheber seine Rechte per Total-Buy-Out-Vertrag an den Verlag abgetreten hat, hat er von seinem Urheberrecht sowieso nichts mehr. Der Ruf nach einem stärkeren Urheberrecht hilft dann immer nur denen, die ohnehin schon stärker sind. Was wir bräuchten, wären Urheberrechtsreformen, die entweder solche Rechteübertragungen zeitlich begrenzen oder Nutzungsrechte und Vergütungsansprüche entkoppeln." Doch Protest gegen die für die Verlage so profitablen Knebelverträge mit den Autoren kommt von den Google- und Open-Access-Kritikern nicht.
Als besonders profitabel hat sich in der Vergangenheit der Markt für wissenschaftliche Publikationen erwiesen. Profitraten von 20 bis 40 Prozent sind dort die Regel statt die Ausnahme. In einer Untersuchung kam die EU-Kommission 2006 den Ursachen(öffnet im neuen Fenster) auf die Spur. Der Markt für wissenschaftliche Publikationen sei nicht durch ausreichenden Wettbewerb geprägt, wurde festgestellt. Die wenigen großen Verlagskonglomerate verfügten über Marktmacht, die es ihnen erlaube, die Preise einseitig zu gestalten. Darüber hinaus verknappten sie den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und behinderten den Markteinstieg für mögliche Konkurrenten strategisch.
Eine Empfehlung der Studie lautet konsequenterweise: "Auf europäischer Ebene vorschreiben, dass Artikel, die im Ergebnis von mit EU-Mitteln geförderten Forschungen publiziert werden, innerhalb einer festgelegten Zeitspanne in Open-Access-Archiven verfügbar gemacht werden." Darüber hinaus solle der Wettbewerb im Markt für wissenschaftliche Publikationen mit verschiedenen Mitteln in Schwung gebracht werden.
Kampf der Wertvorstellungen
Open Access und Google Books haben nur eine Gemeinsamkeit: Sie verbessern den Zugang zu Wissensressourcen auf elektronischem Wege. Dann ist aber auch Schluss mit Gemeinsamkeiten. Die zielgerichtete Verwischung der Unterschiede in der gegenwärtigen Kampagne könnte reiner Ahnungslosigkeit geschuldet sein.
Die Tatsache aber, dass es eine Lagerbildung auf der einen Seite durch Geisteswissenschaftler, Literaten und Verleger kontra Open Access gibt, und auf der anderen Seite durch Natur- und Technikwissenschaftler, Forschungsgemeinschaften und Bibliotheken pro Open Access, verweist auf einen grundlegenden Konflikt.
Hier prallen kulturell geprägte Wertvorstellungen vom Charakter und der Bedeutung von Wissen und Kulturgütern aufeinander. Das gegenwärtige Urheberrechtsregime genügt den Vorstellungen beider Seiten nicht mehr. Google schafft derweil Fakten. [von Robert A. Gehring]
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