Die Vorzüge und Besonderheiten von Palms neuer Plattform im Detail. Mit einem Paukenschlag hat Palm das Jahr 2009 eingeläutet und gezeigt, dass der ehemalige PDA-Primus dem Mobilfunkmarkt neue Impulse bescheren kann. Palms neues WebOS ist zusammen mit dem Pre-Smartphone die spannendste Neuentwicklung im Handysegment seit Apples iPhone.
Mehr als ein Jahr hat Palm an WebOS gearbeitet und dabei einen harten Schnitt gemacht. In den Ankündigungen zur Markteinführung des neuen Betriebssystems hieß es, dass PalmOS-Applikationen auf der neuen Plattform laufen. Seit der Bekanntgabe von WebOS steht aber fest, dass Palm dieses Versprechen nicht eingehalten hat. WebOS ist also nicht abwärtskompatibel zu PalmOS. Allerdings soll es ohne großen Aufwand möglich sein, bestehende PalmOS-Daten in WebOS einzubinden.
Mit diesem Schnitt verschaffte sich Palm Freiraum für das neue Betriebssystem und konnte es von Grund auf neu entwickeln. Ganz neue Herangehensweisen bei der Bedienung und im Umgang mit Daten auf einem Mobiltelefon wurden möglich, und der Hersteller hat das genutzt. Zuletzt war Apple in der komfortablen Lage gewesen, mit dem iPhone eine komplett neue Plattform vorlegen zu können und die Konkurrenz alt aussehen zu lassen. Das iPhone brachte erstmals einen nur mit dem Finger bedienbaren Touchscreen, während Touchscreen-Mobiltelefone zuvor mit einem Stift bedient wurden.
Handymarktführer Nokia sprang wie auch Research In Motion (RIM) erst spät auf den Touchscreen-Zug auf. Zwei Jahre hat Nokia daran gearbeitet , die S60-Plattform per Touchscreen bedienbar zu machen. Das Resultat war ernüchternd , denn neue Ansätze in der Bedienung oder neue Impulse waren Fehlanzeige.
Wie viel Zeit RIM für die Entwicklung des Blackberry Storm investiert hat, ist nicht bekannt, das Ergebnis enttäuscht aber auch. Und das, obwohl das Blackberry Storm mit einem klickbaren Touchscreen bestückt ist, den es bislang in keinem anderen Mobiltelefon gibt. Wie auch bei Nokia blieb die grundlegende Bedienung auch beim RIM-Gerät fast unverändert, so dass in beiden Fällen die Touchscreen-Unterstützung aufgesetzt wirkt. Beiden Herstellern fehlte der Mut, die bestehende Plattform umzukrempeln, so dass sie sich mit Altlasten abquälen mussten.
WebOS setzt auf die iPhone-Bedienung
Einige nützliche Funktionen hat sich Palm vom iPhone abgeschaut und dadurch den ersten wahren iPhone-Konkurrenten geschaffen. Die grundlegende Bedienlogik von Apples Mobiltelefon findet sich in WebOS wieder: So werden Webseiten und Fotos durch Kneif- und Spreizgesten vergrößert oder verkleinert und auch das Scrollen in langen Listen funktioniert so flott und geschmeidig wie auf dem iPhone. Alle Berührungen auf dem Touchscreen quittiert das Palm Pre mit kleinen Leuchtpunkten, was dem Ganzen mehr Eleganz verleiht.
Bereits bei der Entwicklung der Treo-Modelle war es für Palm sehr wichtig, dass die Geräte bequem mit einer Hand bedient werden können. Diese Anforderung soll auch der Pre erfüllen und hat deshalb unterhalb des Touchscreens einen speziellen Gestenbereich erhalten. Mit den Gesten sind Befehle möglich, die nur auf einem Touchscreen undenkbar wären. Sie müssen von den Nutzern zwar erst erlernt werden, prägen sich aber leicht ein.
Mit einem Fingerwisch von rechts nach links kann so eine zuvor besuchte Webseite aufgerufen werden, während die umgedrehte Bewegung eine Seite im Browserverlauf vorspringt. Auch der Wechsel zwischen Applikationen ist darüber möglich. Den Programmstarter öffnet der Nutzer, indem er den Finger vom Gestenbereich in den Touchscreen zieht und dann loslässt. Hält er den Finger gedrückt, erscheint eine Liste mit wichtigen Programmen, die der Nutzer häufig benötigt. Sowohl der Gestenbereich als auch der darin integrierte Trackball geben Rückmeldung mit Lichtsignalen.
Automatische Dateneinbindung aus mehreren Quellen
Ein Kernbestandteil von WebOS ist Synergy, um Daten aus unterschiedlichen Quellen auf intelligente Weise in Programme zu integrieren. Synergy kommt im Kalender, im Adressbuch und im E-Mail-Client zum Einsatz. Dabei werden die Daten so integriert, dass keine doppelten Einträge entstehen. Ein Adressbucheintrag kann dann Daten aus Outlook, Google Mail und Facebook enthalten, während im Kalender Termine aus Outlook, Google Calender oder anderen Quellen integriert werden. Dabei wird bei Bedarf auch nur eine der Quellen angezeigt.
Synergy erstreckt sich zudem auf die Funktionen rund um SMS und Instant Messaging. Beide Kommunikationswege werden dabei in einer Applikation gebündelt, so dass Kurzmitteilungen und Chatnachrichten gesammelt in einem Kontakteintrag als eine Unterhaltung aufgeführt werden. Dieser Ansatz ist ungewöhnlich und die Praxis muss zeigen, ob er mehr verwirrt oder nützt.
Neues Multitasking-Konzept
Die Smartphone-Plattformen Windows Mobile und Symbian sind bereits seit langem multitaskingfähig, aber weder Microsoft noch Nokia haben bisher eine anwenderfreundliche Bedienung dafür gefunden. Auch das neue Android-Betriebssystem beherrscht Multitasking, bietet aber gleichfalls keine transparente Bedienlogik. Somit kann der Nutzer nur schwer einen Überblick erhalten, wie viele und welche Applikationen gleichzeitig laufen. Das ist wichtig, weil Mobiltelefone sparsam mit dem Arbeitsspeicher haushalten müssen. Zu viele laufende Programme verlangsamen das Gerät, einzige Ausnahme ist hier derzeit die Android-Plattform.
Während einzelne Applikationen bei PalmOS schon lange im Hintergrund laufen konnten, fehlte ein vollständiges Multitasking noch. Die Plattform verhielt sich also ähnlich wie Apples iPhone, mit dem Unterschied, dass unter PalmOS auch zusätzlich installierte Applikationen im Hintergrund agieren dürfen. Das verbietet Apple beim iPhone.
Mit WebOS wird Palms Betriebssystem ebenfalls multitaskingfähig und schafft dabei das kleine Kunststück, dass der Nutzer den Überblick über die laufenden Programme nicht verliert. Vorausgesetzt, die Menge an offenen Applikationen ist nicht zu groß. Eine spezielle Ansicht zeigt die laufenden Programme in kleinen Fenstern, die Palm als Anlehnung an Spielkarten als Karten bezeichnet. Der besondere Clou daran: In der Kartenübersicht sind die Programme in der Vorschau weiterhin voll bedienbar. Das bedeutet, dass zum Beispiel der Mediaplayer anzeigt, wenn der Musiktitel wechselt.
Die Reihenfolge der Programmkarten kann der Anwender nach Belieben verändern und Applikationen lassen sich sehr intuitiv schließen, indem die betreffende Karte einfach aus dem Display herausgeschoben wird. Das lästige Suchen nach einem Schließenknopf entfällt. Dabei besteht keine Gefahr eines Datenverlustes, denn alle WebOS-Programme speichern ihre Daten automatisch.
Intelligente Benachrichtigungsfunktion
Wie Android bietet WebOS Benachrichtungsfunktionen, die etwas Besonderes machen. Sie sind so integriert, dass sie bei der Gerätenutzung nicht stören und gleichzeitig gut sichtbar sind. Eine SMS, eine Chatnachricht, ein Alarm oder ein Anruf werden unter WebOS als Information sanft im unteren Bildschirmbereich eingeblendet, ohne dass die im Vordergrund laufende Applikation gestört wird. Es erscheinen also keine lästigen Pop-ups, die zwangsläufig die Bedienung unterbrechen.
Der Anwender kann dann entscheiden, ob er auf eine neue SMS antwortet oder sie nur liest. Er kann die Nachricht einfach aus dem Bildschirm schieben und direkt in der Hauptapplikation weiterarbeiten. Programme wie der Mediaplayer können über den Benachrichtigungsbereich sogar bedient werden, um die laufende Applikation nicht verlassen zu müssen.
Suchfunktion startet sofort
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von WebOS ist die intelligente Suche. Ist der Programmstarter aktiv, führt jede Tasteneingabe sofort eine Suche durch, schneller und direkter geht es nicht. Zunächst findet das System Applikationen oder Funktionen auf dem Gerät sowie passende Kontakte. Dabei wird die Kontaktsuche der Treo-Modelle übernommen, die Anfangsbuchstaben, Initialen sowie eine Verbindung aus beiden berücksichtigt. Als weiterer Schritt kann die Recherche nach einem Klick auf das Internet ausgeweitet werden, um Google zu durchstöbern, Einträge in der Wikipedia zu finden oder eine lokale Suche bei Google Maps zu starten.
WebKit-Brower mit Smart Zoom
Palm entschied sich bei WebOS für einen Browser auf Basis von WebKit. Die gleiche Entscheidung fällte Apple seinerzeit für das iPhone und auch Google und Nokia schwören darauf. Für möglichst großen Surfspaß beherrscht der WebOS-Browser alle typischen iPhone-Gesten. Zusätzlich hat sich Palm eine nützliche Funktion namens Smart Zoom einfallen lassen. Wie beim iPhone können mit Kneif- und Spreizgesten sowie einem Doppelklick bestimmte Bereiche einer Seite vergrößert werden. Der Ausschnitt wird immer so angepasst, dass eine Textspalte optimal lesbar oder ein Frame bequem bedienbar ist. Von Haus aus wird auch der Browser von WebOS keine Flash-Unterstützung bieten und teilt damit das Schicksal vom iPhone- und Android-Browser.
Zwischenablage
Besonders iPhone-Nutzer ärgern sich immer wieder darüber, dass das iPhone keine Möglichkeit bietet, Informationen von einer in eine andere Applikation via Zwischenablage zu übertragen. Beim Palm Pre ist es mit der Tastatur möglich, einen Textbereich zu kopieren und so in ein anderes Programm zu integrieren.
Palms Softwareshop
Für das Palm Pre ist analog zum App Store auf dem iPhone und dem Android Marketplace auf dem G1 ein Online-Software-Shop geplant. Er wird den Namen App Catalogue tragen und gibt dem Nutzer die Möglichkeit, bequem vom Gerät aus Applikationen zu installieren und damit neue Funktionen zu erhalten. Während Apple beim App Store bestimmt, ob ein Programm veröffentlicht wird, hat Palm das nicht vor und gewährt den Softwareentwicklern mehr Freiheiten. Der Hersteller will wohl nur darauf achten, dass Software keine Sicherheitsrisiken enthält und stabil läuft. Nähere Details dazu liegen nicht vor.
Fest steht allerdings, dass WebOS-Applikationen in HTML, CSS und JavaScript entwickelt werden. Mit den vergleichsweise geringen Einstiegshürden will Palm viele Entwickler anlocken, um den Palm-Pre-Kunden eine reiche Softwareauswahl bieten zu können.
Ausblick
Nach dem, was Palm mit WebOS vorgelegt hat, kann die nahe Zukunft von Palm als gesichert gelten. Der Smartphone-Hersteller hat mit dem Palm Pre das erste Mobiltelefon gezeigt, das es in Bezug auf die Bedienung mit Apples iPhone aufnehmen kann. Auch die Branchengrößen Nokia, Google und Research In Motion haben das versucht, sind damit aber allesamt gescheitert.
Jenseits der iPhone-artigen Bedienung hat sich Palm viele nützliche Funktionen ausgedacht. Neben der Kartendarstellung für die parallel laufenden Programme und Synergy ist das auch der Gestenbereich unterhalb des Touchscreens. Der Gestenbereich verspricht eine effizientere Bedienung als nur mit einem Touchscreen und eröffnet Softwareentwicklern neue Möglichkeiten. Auch die nach unten aufklappbare Tastatur erlaubt eine Einhandbedienung, was mit allen anderen am Markt befindlichen Smartphones mit Klapptastatur prinzipbedingt ausgeschlossen ist. Der Besitzer eines Palm Pre erhält also mehr als ein iPhone – und das ohne die typischen Nachteile des Apple-Handys.
Auf dem US-Markt hat Palm eine stärkere Marktposition als in Europa. Es könnte für das Überleben des Unternehmens genügen, wenn der Palm Pre im Heimatmarkt des Unternehmens ein Erfolg wird. Vor allem in Deutschland hatte Palm bisher kein glückliches Händchen bei der Zusammenarbeit mit den Netzbetreibern. Für Vodafone, E-Plus und O2 wäre das die Gelegenheit, sich mit einem echten Konkurrenten zum iPhone gegen T-Mobile zu positionieren, das das Apple-Handy nach wie vor exklusiv anbietet.