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Interview: Selbermachen statt kaufen - Rapid Prototyping

Warum Heimwerken mit Rapid Prototyping subversiv ist. In den USA gibt es derzeit einen Boom, Gegenstände selbst herzustellen: Der technische Fortschritt macht Rapid-Prototyping-Maschinen auch für Normalbürger erschwinglich. Aktivist Bre Pettis erklärt Golem.de die Faszination des Selbermachens.
/ Werner Pluta
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Rapid Prototyping nennt man Verfahren, mit denen sich Musterbauteile schnell und einfach herstellen lassen. Die Teile werden am Computer entworfen und dann direkt an Maschinen exportiert, die sie aus Kunststoff, Metallstaub oder aus Porzellan aufbauen.

Gedacht war diese Technik für Designer und Entwickler in Unternehmen oder Forschungseinrichtungen. Doch inzwischen gibt es sogenannte 3D-Drucker, die für Privatleute erschwinglich sind. Im Internet haben sich Enthusiasten zusammengefunden, die diese Technik nutzen. Einer von ihnen ist Bre Pettis.

Pettis war früher Lehrer. Heute produziert und veröffentlicht er Videokurse zum Selbstherstellen von Gegenständen. Golem.de traf den Rapid-Prototyping-Aktivisten am Rande des vom Chaos Computer Club veranstalteten 25. Chaos Communication Congress.

Rapid-Prototyping - Interview mit Bre Pettis
Rapid-Prototyping - Interview mit Bre Pettis (06:43)

Golem.de: Jahrhundertelang haben Menschen mit Sägen, Messern, Nadeln und anderen Werkzeugen Gegenstände hergestellt. Was ist das Neue an Rapid Protoyping?

Bre Pettis: Natürlich ist Heimwerken nichts Neues. Menschen haben das praktisch schon immer getan, weil sie immer etwas gebraucht haben. Aber in letzter Zeit sind wir davon abgekommen. Wenn die Leute heutzutage etwas brauchen, dann kaufen sie es. Sie gehen lieber einkaufen, als es selbst herzustellen. Das wird mit Rapid Prototyping anders.

Golem.de: Ist das eine neue Qualität des Rapid Prototyping, dass ich nicht mehr einkaufen gehe?

Pettis: Rapid Prototyping hat mehrere Aspekte. Der eine ist, sich zu entscheiden, Dinge nicht zu kaufen, sondern sie selbst herzustellen. Aber Rapid Prototyping bedeutet auch, sie schnell herzustellen. Heute gibt es tolle Werkzeuge, die es ermöglichen, Gegenstände sehr schnell herzustellen. Das Spannende ist, dass heute ein Gegenstand sofort zu Hause entsteht, der früher von einem Unternehmen, das viel Geld damit verdienen wollte, in einer weit entfernten Fabrik hergestellt wurde.

Golem.de: Ist Geschwindigkeit das Entscheidende?

Pettis: Geschwindigkeit ist wichtig, denn wenn man etwas haben möchte, will man es normalerweise sofort. Deshalb gilt: schneller ist besser.

Golem.de: Was habe ich davon, wenn ich mit Rapid Prototyping einen Gegenstand selbst herstelle?

Pettis: Zum einen stelle ich das her, was ich haben will. Zum anderen kann ich den Maschinen dabei zuschauen, wie sie mein Produkt machen. Das kann ein Dremel sein, der etwas aus Holz ausschneidet, ein Laser, der Acryl schneidet, oder ein Schneideplotter, der ein Ornament aus Vinyl schneidet. Das ist sehr faszinierend - viel besser als Fernsehen!

Golem.de: Was brauche ich für Rapid Prototyping?

Pettis: Das Wichtigste ist eine Idee, das ist aber auch das Schwierigste. Vielleicht brauche ich einen Ball, weil mein alter gerade kaputtgegangen ist. Oder ich habe eine Idee für einen neuen Brieföffner oder für einen Papierschredder. Was immer es auch sein mag: Ich entscheide selbst, dass ich etwas haben möchte, dass ich bereit bin, es selbst herzustellen, und dann mache ich mich daran.

Das mit den Werkzeugen ergibt sich dann schon. Man fragt einen Freund, leiht oder mietet sie. Man stellt nicht nur etwas Tolles her, sondern lernt dabei auch noch Leute kennen und gründet mit ihnen eine Selbermachen-Community. Das macht zufrieden.

Golem.de: Ich habe also eine Idee. Was kommt danach?

Pettis: Wenn ich die Idee im Kopf habe, muss ich daraus ein digitales Design erstellen, sie also in den Computer transferieren. Dafür gibt es Programme wie Inkscape, Blender und andere. Welches man nutzt, ist egal. Ich zum Beispiel nutze Inkscape, um Gegenstände mit meinem Laserschneider herzustellen.

Ist das Design fertig, exportiert man es in das entsprechende Dateiformat für das Werkzeug. Für meinen Laserschneider nehme ich das .svg-Format, das ich in Coral Draw lade, weil dieses Programm einen Treiber für meinen Laserschneider hat. Dann klicke ich auf Drucken, und der Laserschneider legt los.

Golem.de: Rapid Prototyping ist eigentlich dazu gedacht, es Designern und Entwicklern zu ermöglichen, schnell und günstig ein Werkstück herzustellen. Sie haben diese Technik auf dem Kongress aber als zugänglich für jedermann angepriesen. Was ist geschehen?

Pettis: In der Tat hat Rapid Prototyping in Labors oder Forschungseinrichtungen angefangen. Aber wir können alle unsere eigene Forschungseinrichtung haben, wir können selbst Techniker sein. Diese Geräte sind inzwischen günstig genug, dass man zusammen mit ein paar Freunden tolle Maschinen kaufen kann, um zu Hause coole Produkte herzustellen.

Golem.de: Die Geräte sind kleiner, schneller und günstiger geworden. Trotzdem sind ein 3D-Drucker oder Laserschneidegeräte immer noch recht teuer.

Pettis: Es kann natürlich sein, dass man sich für 3D-Designs interessiert, aber der 3D-Drucker zu teuer ist. Oder dass man denkt, ein Lasercutter ist schon toll, man ihn sich aber nicht leisten kann. Aber wenn man mit Rapid Prototyping anfangen will, braucht man nicht unbedingt viel Geld. Die meisten haben einen Drucker zu Hause. Damit kann man auch eigene Gegenstände herstellen: Die Programme Blender und Pepakura machen zum Beispiel aus 3D-Objekten Papierbastelbögen, die man nur ausschneiden und zusammensetzen muss. Das ist ein guter Anfang. Schneideplotter sind eine andere günstige Möglichkeit für den Einstieg in Rapid Prototyping.

Man sollte sich von dem Finanziellen nicht abhalten lassen. Es gibt immer Möglichkeiten, zum Beispiel Zeit auf großen Maschinen mieten. Dann kann man sehen, ob einem das Spaß macht, bevor man sich selbst in eine große Investition stürzt. Außerdem gibt es inzwischen eine große Gemeinschaft von Enthusiasten. Wer wirklich in das Thema einsteigen will, kann mit ihnen Kontakt aufnehmen. Die helfen dann weiter.

Golem.de: Heißt das, ich schicke ihnen meine 3D-Datei per E-Mail und bekomme nach ein paar Tagen ein Päckchen mit dem Gegenstand?

Pettis: Ja, es gibt Anbieter, denen man eine Datei schicken kann und die das Produkt herstellen. Aber ich empfehle, es lieber lokal zu lösen, sich in seiner eigenen Stadt umzuschauen, etwa nach Schilder- oder Trophäenherstellern, die haben meist die notwendigen Maschinen. Geht hin, freundet euch mit ihnen an, bringt ihnen Kekse, bestecht sie, tut, was immer notwendig ist, damit sie so nett sind, euch an die Maschinen zu lassen.

Golem.de: Was kann Rapid Prototyping bewirken - in Bezug auf die Gesellschaft oder die Wirtschaft?

Pettis: Die wirtschaftliche Situation im Moment ist genau richtig, um mit Rapid Prototyping anzufangen. Heute sind viele Menschen von einem System abhängig geworden, das zusammenbricht. Das Modell einer zentralisierten Produktion durch große Unternehmen versagt, weil es nicht möglich ist, Produkte individuell für Kunden herzustellen, wenn man Millionen davon produziert. Deshalb ist jetzt die Zeit, das Paradigma der zentralisierten Produktionsweise zu untergraben und Gegenstände selbst zu machen. Ihr könnt sie herstellen, an eure Freunde oder über das Internet verkaufen. Ihr könnt die Pläne weitergeben oder auf die Website Thingiverse, die ich mit betreibe, hochladen und sie anderen zur Verfügung stellen.

Das ist der Beginn einer Revolution: Wir stellen die Gegenstände, die wir brauchen, selbst her und zwar jetzt. Heimwerken klingt nicht besonders bedrohlich. Aber man stelle sich eine Welt vor, in der alle Gegenstände statt sie zu kaufen selbst machen oder sie sich von einem Freund machen lassen. Ich arbeite daran, dass wir in so einer Welt leben.

Golem.de: Aber die Maschinen für das Rapid Prototyping liefern doch immer noch die großen Unternehmen.

Pettis: Natürlich werden viele der Rapid-Prototyping-Werkzeuge kommerziell hergestellt. Aber es gibt auch die Möglichkeit, sie selbst herzustellen. Es gibt zum Beispiel das RepRap-Projekt . Das ist ein 3D-Drucker, mit dem man einen eigenen 3D-Drucker für weniger als 1.000 US-Dollar bauen kann.

Golem.de: Wie sind Sie zum Rapid Prototyping gekommen?

Pettis: Über eine Videoshow, die ich produziert habe. Darin habe ich jede Woche etwas hergestellt. Am Anfang der Woche habe ich zum Beispiel entschieden, ein Luftkissenfahrzeug zu bauen, auch wenn ich davon überhaupt keine Ahnung hatte. Am Ende der Woche war das Video fertig, in dem ich gezeigt habe, wie das geht. Seitdem bin ich geradezu besessen davon, Dinge so schnell wie möglich und so gut wie möglich zu bauen.

Außerdem hat mich Faszination, diesen Maschinen bei der Arbeit zuzusehen, dazu gebracht. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, hat es bei mir klick gemacht. Ich dachte: Wow, das ist etwas Besonderes. Das hat mir eine neue Welt eröffnet.

Golem.de: Was haben Sie denn schon alles gebaut?

Pettis: Ich mache alles Mögliche mit meinem Laserschneider. Mein Lieblingsprodukt sind kleine, flache Spielfiguren.

Ich mag zwei Aspekte an Rapid Prototyping. Zum einen stelle ich Gegenstände her, die ich brauche. Ich möchte zum Beispiel einen großen Roboter, der Sperrholzplatten schneidet, weil ich gern meine Wohnung mit selbst gestalteten Möbeln ausstatten möchte. Ich denke, das werde ich 2009 angehen. Einer meiner Freunde hat mal eine Gabel gemacht, weil er gerade eine brauchte.

Zum anderen baue ich Sachen, die keinen praktischen Wert haben, eine Art Kreuzung aus Kunst und Technik. Mein Traum ist es, eine Rapid-Prototyping-Maschine zu bauen, die riesige Sphären aus Bauschaum macht. Das Zeug ist nur unglaublich giftig - ich hoffe, ich finde noch einen anderen Stoff. Diese Sphäre würde ich auf dem Dach einen Hauses bauen, hinunter fallen und auf dem Pflaster zerplatzen lassen - natürlich nachdem ich erst sichergestellt habe, dass keiner unten steht. Dann würde ich die Maschine eine weitere Sphäre bauen lassen. Das hat natürlich überhaupt keinen praktischen Nutzen - aber es wäre toll!

Golem.de: In den USA grassiert derzeit das Heimwerker-Fieber. Woran liegt das?

Pettis: Die Menschen erinnern sich, dass es gut ist, Dinge selbst zu machen. Sie können stolz darauf sein, sie hergestellt zu haben. Sie wissen, wie sie funktionieren. Sie können sie reparieren, wenn sie kaputtgehen. Daraus ziehen sie eine große Befriedigung. Über das Konsumdenken und das kapitalistische Konzept, zu arbeiten, um sich Güter kaufen zu können, haben wir das handwerkliche Können, die Fähigkeit, Produkte, mit unseren eigenen Händen herzustellen, vergessen. Jetzt kommen wir einfach darauf zurück.

Golem.de: Und wo wird das hinführen?

Pettis: Überall auf der Welt sehen Stühle irgendwie gleich aus. Ich mag Stühle, die anders sind. Sie sind vielleicht nicht so bequem, aber jemand hat sie selbst gebaut, sie haben eine Verbindung zu diesem Menschen. Die Zukunft ist voll von Möglichkeiten für diejenigen, die Sachen selbst bauen wollen, die sich Dinge vorstellen und sie dann Realität werden lassen. Es lässt sich nicht aufhalten. Man muss es nur wollen.


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