Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Klein, billig, leicht: Wie Netbooks den Markt umkrempeln

2008 war das Jahr des Netbooks. Am Anfang wurden sie müde belächelt, doch preisgünstige Mini-Notebooks haben den Markt in weniger als zwölf Monaten erobert. Mittlerweile bedrohen die Mitnahme-Rechner nicht nur das klassische Notebook.
/ Nico Ernst
149 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)

Wer zwischen den Jahren die Prospekte der großen Elektronikmärkte aufschlägt, könnte meinen, Mobilrechner zu einem Preis zwischen 200 und 400 Euro habe es schon immer gegeben. Die Auswahl ist groß. Doch die Klasse der "Netbooks" ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Erst am 24. Januar 2008 brachte Asus mit dem Eee-PC 701 das erste günstige Mini-Notebook auf den deutschen Markt.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Aus heutiger Sicht ist dieses Gerät, das wie viele Rechner seiner Klasse zu Beginn ständig ausverkauft war, eine Lösung mit großen Kompromissen: Der 7-Zoll-Bildschirm kann kaum eine Webseite ohne Scrollen darstellen, der Celeron-Prozessor ist stromhungrig und die Akkulaufzeit von rund zweieinhalb Stunden beim Surfen recht knapp. Dass schon das Modell 701 ein Erfolg wurde, liegt an einer einfachen Rechnung: Ein alltagstauglicher Mobilrechner mit einem Gewicht von weniger als einem Kilogramm war zu Beginn des Jahres 2008 nicht unter 1.500 Euro zu haben – und schon gar nicht für 299 Euro, die Asus für den Eee-PC 701 verlangte.

Knapp ein Jahr später hat der taiwanische Hersteller, der schon seit vielen Jahren Notebooks für die eigene Marke und als OEM fertigt, bei den Netbooks einen Marktanteil von 60 Prozent. Das geht aus einer aktuellen Erhebung der deutschen Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk) hervor.

Dabei ist Asus nur in einem Punkt gescheitert: "Gib mir mal den Eee-PC" sagt niemand, wenn er einen Kleinrechner ausborgen will. Der sperrige Name konnte sich – anders als "Tempo" für das Papiertaschentuch – nicht für diese Gerätekategorie durchsetzen. Schuld ist vor allem Intel, das vom Erfolg der Billigrechner völlig überrascht wurde und auf dem IDF Spring 2008 in Schanghai flugs den Namen "Netbook" aus dem Hut zauberte. Das klingt vertraut wie "Notebook", und ist doch eine klare Abgrenzung: Das Ding ist zum Surfen und Mailen gemacht, alles andere kann es weniger gut.

Dabei hat sich der Chipriese, der sonst lange nach Namen recherchiert, so beeilt, dass die Markenrechte der PDA-Pioniere Psion offenbar nicht beachtet wurden: Das Unternehmen hatte bereits 1999 ein Gerät namens "Psion netBook" vorgestellt, das jedoch zum Flop wurde. Psion mahnt seit kurzem Webseiten ab, die den Begriff "Netbook" verwenden.

Größere Displays und Windows schaffen Massenmarkt

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Beim Eee-PC 701 war das Display mit 800 x 480 Pixeln der größte Schwachpunkt. Asus änderte das mit dem Modell 900 im Juni 2008. Darin rechnete immer noch ein Celeron-Prozessor, obwohl Intel seine Stromspar-CPU Atom längst vorgestellt hatte. In großen Stückzahlen lieferbar war der Winzprozessor jedoch noch nicht. Mit den 1.024 x 600 Pixeln auf 8,9 Zoll des Eee-PC 900 ließ sich das Web aber nun akzeptabel nutzen. Und statt mit einem angepassten Linux war das Gerät auch mit Windows XP zu haben.

Für den Microsoft-Klassiker sollten nach mehrfacher Verlängerung eigentlich am 30. Juni 2008 die letzten Lizenzen verkauft werden. Da Netbooks aber für Windows Vista zu leistungsschwach sind und die günstigen Minirechner ein Überraschungserfolg mit Linux zu werden drohten, ließ sich Microsoft ein neues Lizenzmodell eigens für Netbooks und verwandte Kategorien einfallen.

Wie inzwischen auch auf den Microsoft-Aufklebern neuer Geräte zu sehen ist, arbeiten die XP-Netbooks mit einer "ULCPC-Lizenz". Für "Ultra Low-Cost PCs" schreibt Microsoft dabei eine magere Ausstattung vor: Maximal 1.024 x 768 Pixel darf das Display zeigen, RAM und Festplatte sind auf 1 beziehungsweise 160 GByte begrenzt. Der Plattenplatz war in diesem Modell ursprünglich nur halb so groß. Microsoft hat diese ULCPC-Vorschriften nie bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Diese Vorgaben führen zu der seltsamen Situation, dass Netbooks mit Linux und 2 GByte Hauptspeicher günstiger zu haben sind als mit 1 GByte und Windows XP. Wer schon eine Lizenz besitzt und sie auf einem anderen Rechner nicht mehr nutzt, kauft sich das Linux-Modell, bekommt mehr Hardware für weniger Geld und installiert Windows selbst.

Erst kurz vor Weihnachten 2008 stellte sich heraus, dass Microsoft noch bis zum Mai 2009 XP-Lizenzen vergibt – die ULCPC-Versionen sollen sogar bis zum Juni 2010 zu haben sein(öffnet im neuen Fenster). Dabei handelt es sich nicht einmal um eine abgespeckte Windows-Variante, sondern um ein vollwertiges Windows XP Home.

Aldi-Netbook bringt den Durchbruch

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Während die großen PC-Hersteller Asus' Treiben mit den Netbooks im ersten Halbjahr noch tatenlos zuschauten, setzte ausgerechnet der Lebensmitteldiscounter Aldi voll auf die neue Kategorie. Mit einem von MSI gebauten Rechner samt 10-Zoll-Display, der auch eine Tastatur hat, die zum Zehnfingerschreiben taugt, entfachte Aldi-Lieferant Medion einen wahren Hype. Der Preis von 399 Euro schreckte Käufer nicht, die sich im Markt umgesehen hatten: Noch immer war ein Mobilrechner mit Windows XP bei 1.135 Gramm Gewicht sonst nirgendwo zu haben.

Medion, das sonst restriktiv mit Testmustern umgeht, stellte diesmal mehreren Redaktionen Vorabgeräte zur Verfügung. Folglich war das überzeugende Gerät am 3. Juli 2008 im Handumdrehen ausverkauft. Die Begeisterung war so groß, dass das "Medion Akoya E1210" in den folgenden Tagen bei eBay deutlich über dem Neupreis gehandelt wurde.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Ganz nebenbei hatte Aldi damit auch das erste Netbook mit einem Atom-Prozessor auf den Markt gebracht. Der ist zwar deutlich sparsamer als der Celeron der ersten Eee-PCs, der 945-Chipsatz von Intel blieb jedoch gleich und schluckt gleich ein Mehrfaches des Stroms der CPU. Auch in diesem Punkt stellten die Netbooks die althergebrachten Regeln des Hardwaredesigns auf den Kopf.

Der hungrige Chipsatz und das vergleichsweise große Display sorgten mit dem kleinen 3-Zellen-Akku für Laufzeiten unter drei Stunden. Entsprechend scharf wurde das Medion-Netbook auch in der Publikumspresse kritisiert. Der Unterschied zwischen "Notebook" und "Netbook" zeigte sich hier auch einer breiten Öffentlichkeit deutlich.

Dabei dürfte nicht allein der Preis die Entscheidung für den kleinen Akku begünstigt haben. Da die für fast alle Mobilgeräte nötigen Lithium-Ionen-Zellen 2008 allgemein knapp waren, hatte auch Asus die Kapazität der Eee-Akkus reduziert, um die vom Markt geforderten Stückzahlen der Geräte noch liefern zu können. Kurz nach dem Aldi-Angebot brachte MSI das bauähnliche Wind U100 auf den Markt.

Die Atom-Invasion beginnt, die Schwergewichte spielen mit

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Erst Asus, dann MSI – und wo bleiben die Top 5 der Notebookhersteller? Mitte 2008 war das eine der meistdiskutierten Fragen der Hardwarebranche. Als Erster wagte sich Acer mit dem Aspire One aus der Deckung. Noch bevor der Hersteller selbst das Gerät für den deutschen Markt ankündigen oder Testgeräte stellen konnte, hatten es findige Händler selbst importiert und verkauft. Der Hype um die Netbooks hatte nach dem Aldi-Erfolg iPhone-ähnliche Dimensionen erreicht, die nicht nur den Markt, sondern auch die Vertriebsstrukturen vor Herausforderungen stellten.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Das Aspire One, das es mit Linux und Windows XP und mit kleinen SSD-Modulen wie Festplatten gibt, stellte im Juli 2008 den bis dahin besten Kompromiss aus kompaktem Gehäuse und brauchbarer Tastatur dar. Um einen Preis von deutlich unter 400 Euro zu erreichen, war aber ein 8,9-Zoll-Display nötig, das zudem stark spiegelte. Noch mutiger im Finden von Kompromissen war kurz darauf Gigabyte, das mit dem M912 das erste Netbook mit Funktionen eines Tablet-PC vorstellte. Hier zeigte sich jedoch, dass zu diesen Preisen offenbar noch keine für den Außeneinsatz tauglichen Touch-Displays zu haben sind: Die Digitizer-Folie spiegelt noch stärker als ein Hochglanzbildschirm, obwohl die Oberfläche des Gigabyte-Displays selbst aufgeraut ist.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Derartige Experimente erlaubte sich Asus nicht, als mit dem Eee-PC 901 Mitte August der erste Atom-Rechner des Netbook-Pioniers erschien. Dabei setzte Asus auf ein neues Design mit gerundeten Kanten, änderte aber gegenüber anderen 8,9-Zoll-Geräten nichts an Tastatur und Formfaktor. Dank eines neuen Akkus kam das Gerät im Praxiseinsatz aber auf Laufzeiten um 5 Stunden, was bis dahin kein anderes Netbook schaffte.

Mitte September 2008 betrat mit Dell ein weiteres PC-Schwergewicht die Szene der Netbooks. Das Unternehmen hatte sich für die Entwicklung lange Zeit gelassen und zeigte ganz neue Ansätze für den Spagat zwischen niedrigem Preis und hoher Mobilität. Beim Inspiron Mini 910 gibt zwar auch ein 8,9-Zoll-Display den Formfaktor vor, die Tastatur nutzt die Gehäusebreite jedoch vollständig.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Zudem haben die Tasten eine größere Tiefe als bei den bisherigen Netbooks, da auf die Funktionstasten verzichtet wurde. Deren Möglichkeiten sind durch Tastenkombinationen erreichbar. Ein Akku mit vier statt den meist üblichen drei Zellen und ein cleveres Kühlkonzept ohne Lüfter zeigten, dass für unter 400 Euro durchaus Innovationen möglich sind. Weniger solche Eingaben bewies Asus mit dem Eee-PC 1000H, der zwar auch überzeugte, aber gegenüber den schon verfügbaren 10-Zoll-Netbooks wenig Neues brachte. Auch hier setzte Asus aber auf vergleichsweise hohe Laufzeiten.

Trend 2009: Eingebautes UMTS für alle

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Nach Dell stellten im vierten Quartal des Jahres 2008 andere Hersteller von klassischen Notebooks wie Fujtsu-Siemens, LG und Samsung ihre Netbooks vor. Fast alle setzen dabei auf den Atom-Prozessor. Nur HP tat das bei seinem 2133 Mininote nicht. Dessen schwache VIA-CPU der älteren Serie C7-M ist folglich weder besonders sparsam, noch annähernd schnell genug für moderne Webanwendungen wie Flash-Videos in höheren Auflösungen.

amazon Affiliate

Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

Im Oktober 2008 begann schließlich ein durch große Händler ausgelöster Preiskrieg im Netbook-Segment. Den Eee-PC 1000H, den Asus wenige Wochen zuvor für 429 Euro auf den Markt gebracht hatte, bot beispielsweise Media Markt für 379 Euro an. In der Folge erschienen von vielen Netbooks Sonderausgaben, die in dieser Ausstattung nur bei bestimmten Händlern zu haben waren. In der Preisklasse über 300 Euro verdrängen dabei Festplatten die SSD-Module der ersten Netbooks.

Die Geräte waren sich durch die immer gleiche Ausstattung (Atom-CPU, 1 GByte RAM, drei USB-Ports et cetera) viel zu ähnlich geworden, als dass die Unterschiede sich in der Werbung noch klar herausstellen ließen. Folglich gab es hie und da mal eine größere Festplatte oder Zubehör.

Die wirklichen Unterscheidungsmerkmale brachten aber erst die "Go"-Serie der Eee-PCs von Asus und Geräte wie das X110 von LG. Bei diesen Netbooks ist ein UMTS-Modul im Gehäuse untergebracht, frühere Geräte finden in der Regel nur über einen USB-Stick Anschluss ans schnelle Mobilfunknetz. Dabei kosten auch die UMTS-Netbooks je nach Ausstattung nur um 400 Euro. Weitere Geräte wie das MSI Wind U120 sind für 2009 angekündigt.

Im Jahr 2007 galt ein internes UMTS-Modul noch als Ausstattungsmerkmal von teuren Businessnotebooks. Durch immer günstigere Datentarife wird der drahtlose Internetzugang unterwegs aber auch für Privatanwender attraktiv. Die passenden Endgeräte können nicht mehr nur Smartphones, sondern zunehmend auch Netbooks sein. Die Minirechner werden zudem schon seit dem Eee-PC 701 von den Mobilfunkprovidern ähnlich wie Handys im Paket mit Verträgen subventioniert angeboten.

Im Zuge der allgemein fallenden Preise für Hardware haben die Netbooks auch klassische Notebooks unter Druck gesetzt. Für einen Mobilrechner mit 15,4-Zoll-Display muss man nicht unbedingt sehr viel mehr als 500 Euro ausgeben – schleppt dann aber mindestens ein Kilo mehr mit sich herum.

Wenn Nvidias Plan aufgeht, werden die Netbooks 2009 bedingt spieltauglich und vollständig brauchbar für HD-Video. Nicht nur die Notebooks, sondern auch die noch kaum existente Kategorie der "Mobile Internet Devices" (MID) werden dadurch bedroht. Ob sich die vor allem von Intel seit Jahren propagierten MIDs angesichts des Netbook-Booms durchsetzen können, scheint einmal mehr fraglich.


Relevante Themen