Klein, billig, leicht: Wie Netbooks den Markt umkrempeln
Wer zwischen den Jahren die Prospekte der großen Elektronikmärkte aufschlägt, könnte meinen, Mobilrechner zu einem Preis zwischen 200 und 400 Euro habe es schon immer gegeben. Die Auswahl ist groß. Doch die Klasse der "Netbooks" ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Erst am 24. Januar 2008 brachte Asus mit dem Eee-PC 701 das erste günstige Mini-Notebook auf den deutschen Markt.
Knapp ein Jahr später hat der taiwanische Hersteller, der schon seit vielen Jahren Notebooks für die eigene Marke und als OEM fertigt, bei den Netbooks einen Marktanteil von 60 Prozent. Das geht aus einer aktuellen Erhebung der deutschen Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk) hervor.
Dabei ist Asus nur in einem Punkt gescheitert: "Gib mir mal den Eee-PC" sagt niemand, wenn er einen Kleinrechner ausborgen will. Der sperrige Name konnte sich – anders als "Tempo" für das Papiertaschentuch – nicht für diese Gerätekategorie durchsetzen. Schuld ist vor allem Intel, das vom Erfolg der Billigrechner völlig überrascht wurde und auf dem IDF Spring 2008 in Schanghai flugs den Namen "Netbook" aus dem Hut zauberte. Das klingt vertraut wie "Notebook", und ist doch eine klare Abgrenzung: Das Ding ist zum Surfen und Mailen gemacht, alles andere kann es weniger gut.
Dabei hat sich der Chipriese, der sonst lange nach Namen recherchiert, so beeilt, dass die Markenrechte der PDA-Pioniere Psion offenbar nicht beachtet wurden: Das Unternehmen hatte bereits 1999 ein Gerät namens "Psion netBook" vorgestellt, das jedoch zum Flop wurde. Psion mahnt seit kurzem Webseiten ab, die den Begriff "Netbook" verwenden.
Größere Displays und Windows schaffen Massenmarkt
Für den Microsoft-Klassiker sollten nach mehrfacher Verlängerung eigentlich am 30. Juni 2008 die letzten Lizenzen verkauft werden. Da Netbooks aber für Windows Vista zu leistungsschwach sind und die günstigen Minirechner ein Überraschungserfolg mit Linux zu werden drohten, ließ sich Microsoft ein neues Lizenzmodell eigens für Netbooks und verwandte Kategorien einfallen.
Wie inzwischen auch auf den Microsoft-Aufklebern neuer Geräte zu sehen ist, arbeiten die XP-Netbooks mit einer "ULCPC-Lizenz". Für "Ultra Low-Cost PCs" schreibt Microsoft dabei eine magere Ausstattung vor: Maximal 1.024 x 768 Pixel darf das Display zeigen, RAM und Festplatte sind auf 1 beziehungsweise 160 GByte begrenzt. Der Plattenplatz war in diesem Modell ursprünglich nur halb so groß. Microsoft hat diese ULCPC-Vorschriften nie bestätigt, aber auch nicht dementiert.
Diese Vorgaben führen zu der seltsamen Situation, dass Netbooks mit Linux und 2 GByte Hauptspeicher günstiger zu haben sind als mit 1 GByte und Windows XP. Wer schon eine Lizenz besitzt und sie auf einem anderen Rechner nicht mehr nutzt, kauft sich das Linux-Modell, bekommt mehr Hardware für weniger Geld und installiert Windows selbst.
Erst kurz vor Weihnachten 2008 stellte sich heraus, dass Microsoft noch bis zum Mai 2009 XP-Lizenzen vergibt – die ULCPC-Versionen sollen sogar bis zum Juni 2010 zu haben sein(öffnet im neuen Fenster). Dabei handelt es sich nicht einmal um eine abgespeckte Windows-Variante, sondern um ein vollwertiges Windows XP Home.
Aldi-Netbook bringt den Durchbruch
Medion, das sonst restriktiv mit Testmustern umgeht, stellte diesmal mehreren Redaktionen Vorabgeräte zur Verfügung. Folglich war das überzeugende Gerät am 3. Juli 2008 im Handumdrehen ausverkauft. Die Begeisterung war so groß, dass das "Medion Akoya E1210" in den folgenden Tagen bei eBay deutlich über dem Neupreis gehandelt wurde.
Der hungrige Chipsatz und das vergleichsweise große Display sorgten mit dem kleinen 3-Zellen-Akku für Laufzeiten unter drei Stunden. Entsprechend scharf wurde das Medion-Netbook auch in der Publikumspresse kritisiert. Der Unterschied zwischen "Notebook" und "Netbook" zeigte sich hier auch einer breiten Öffentlichkeit deutlich.
Dabei dürfte nicht allein der Preis die Entscheidung für den kleinen Akku begünstigt haben. Da die für fast alle Mobilgeräte nötigen Lithium-Ionen-Zellen 2008 allgemein knapp waren, hatte auch Asus die Kapazität der Eee-Akkus reduziert, um die vom Markt geforderten Stückzahlen der Geräte noch liefern zu können. Kurz nach dem Aldi-Angebot brachte MSI das bauähnliche Wind U100 auf den Markt.
Die Atom-Invasion beginnt, die Schwergewichte spielen mit
Mitte September 2008 betrat mit Dell ein weiteres PC-Schwergewicht die Szene der Netbooks. Das Unternehmen hatte sich für die Entwicklung lange Zeit gelassen und zeigte ganz neue Ansätze für den Spagat zwischen niedrigem Preis und hoher Mobilität. Beim Inspiron Mini 910 gibt zwar auch ein 8,9-Zoll-Display den Formfaktor vor, die Tastatur nutzt die Gehäusebreite jedoch vollständig.
Trend 2009: Eingebautes UMTS für alle
Die Geräte waren sich durch die immer gleiche Ausstattung (Atom-CPU, 1 GByte RAM, drei USB-Ports et cetera) viel zu ähnlich geworden, als dass die Unterschiede sich in der Werbung noch klar herausstellen ließen. Folglich gab es hie und da mal eine größere Festplatte oder Zubehör.
Die wirklichen Unterscheidungsmerkmale brachten aber erst die "Go"-Serie der Eee-PCs von Asus und Geräte wie das X110 von LG. Bei diesen Netbooks ist ein UMTS-Modul im Gehäuse untergebracht, frühere Geräte finden in der Regel nur über einen USB-Stick Anschluss ans schnelle Mobilfunknetz. Dabei kosten auch die UMTS-Netbooks je nach Ausstattung nur um 400 Euro. Weitere Geräte wie das MSI Wind U120 sind für 2009 angekündigt.
Im Jahr 2007 galt ein internes UMTS-Modul noch als Ausstattungsmerkmal von teuren Businessnotebooks. Durch immer günstigere Datentarife wird der drahtlose Internetzugang unterwegs aber auch für Privatanwender attraktiv. Die passenden Endgeräte können nicht mehr nur Smartphones, sondern zunehmend auch Netbooks sein. Die Minirechner werden zudem schon seit dem Eee-PC 701 von den Mobilfunkprovidern ähnlich wie Handys im Paket mit Verträgen subventioniert angeboten.
Im Zuge der allgemein fallenden Preise für Hardware haben die Netbooks auch klassische Notebooks unter Druck gesetzt. Für einen Mobilrechner mit 15,4-Zoll-Display muss man nicht unbedingt sehr viel mehr als 500 Euro ausgeben – schleppt dann aber mindestens ein Kilo mehr mit sich herum.
Wenn Nvidias Plan aufgeht, werden die Netbooks 2009 bedingt spieltauglich und vollständig brauchbar für HD-Video. Nicht nur die Notebooks, sondern auch die noch kaum existente Kategorie der "Mobile Internet Devices" (MID) werden dadurch bedroht. Ob sich die vor allem von Intel seit Jahren propagierten MIDs angesichts des Netbook-Booms durchsetzen können, scheint einmal mehr fraglich.
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