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Interview: Extreme Spieler sind süchtig und einsam

Psychologe der Mainzer Ambulanz für Spielsüchtige im Gespräch mit Golem.de. Onlinespielesucht ist gar keine Sucht, sagt Keith Bakker . Es ist eine Sucht, entgegnet Kai Müller im Interview mit Golem.de. Der Psychologe arbeitet in der einzigen deutschen Ambulanz für Spielesüchtige in Mainz.
/ Peter Steinlechner
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Der Psychologe Kai W. Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der bislang einzigen ambulanten Anlaufstelle für Spielsüchtige an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Behandlung eine spezielle Form der Gruppentherapie anbietet. Golem.de sprach mit ihm über die Thesen des niederländischen Suchtexperten Keith Bakker.

Golem.de: Wie schätzen Sie die Suchtklinik The Smith & Jones Centre in Amsterdam ein?

Kai W. Müller: Das ist eine recht teure Privatklinik. So weit ich weiß, ist Keith Bakker kein Psychologe, sondern Pädagoge mit Schwerpunkt Erlebnispädagogik. Er folgt prinzipiell einem etwas anderen Ansatz in Bezug auf Therapie.

Golem.de: Deckt es sich mit Ihren Erfahrungen, wenn Bakker sagt, Onlinespielesucht sei eigentlich keine Sucht, sondern eine Folge fehlender Kommunikation?

Müller: In der Fachwelt ist die Diskussion, ob es sich bei pathologischem Onlineverhalten nun um eine Sucht handelt oder nicht, inzwischen beendet. Es sprechen einfach zu viele empirische und klinische Aspekte dafür, dass es sich eindeutig um einen Vertreter aus dem Suchtspektrum handelt. Von daher empfinde ich Herrn Bakkers Statement als überholt. Allerdings ist er, wie gesagt, kein Psychologe und beschäftigt sich von Haus aus wohl weniger mit psychologischer Diagnostik, die ziemlich kompliziert sein kann.

In Bezug auf die zentrale Bedeutung von defizitärer Kommunikation hat er im Grunde schon recht, nur ist das nicht die alles entscheidende Ursache. Sozialkommunikative Defizite sind bei Patienten mit Onlinesucht absolut gegeben, tragen aber eher indirekt und zusammen mit vielen weiteren Aspekten zur Ausbildung onlinesüchtigen Verhaltens bei.

Golem.de: Wenn man Jugendliche mit problematischem Computerspieleverhalten unter dem neuen Bakker-Ansatz behandelt und eben keine klassische Suchttherapie macht: Was könnten die Folgen sein?

Müller: Wir gehen in unserer Therapie von Anfang an auf die sozial-kommunikativen Defizite der Patienten ein - genauso wie oft bei der Therapie substanzbezogener Störungen. Konkret bieten wir soziales Kompetenztraining und kommunikative Verhaltensübungen an. Zudem beruht ja ein grundlegender Gedanke bei unserem Therapiedesign darauf, dass die Patienten eine Gruppentherapie durchlaufen. Das bedeutet, dass sie von Anfang an mit realen Mitpatienten konfrontiert sind, mit denen sie sich auch kommunikativ auseinandersetzen müssen.

Dieser Aspekt ist aber nur ein kleiner Teil aus der therapeutischen Intervention. Therapien, die sich ausschließlich auf die Behandlung kommunikativer Defizite beschränken, sind unvollständig und vernachlässigen viele zentrale Punkte des Störungskomplexes Onlinesucht. Insbesondere fehlen Themen wie Stressbewältigung, Exposition, Kompetenzerwartung und depressive Symptomatiken.


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