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Microsofts Surface: So macht der Computer Spaß

Tisch mit Multitouch-Touchscreen verbindet reale und virtuelle Welt. Microsofts Surface ist ein Computer in Tischform mit Multitouch-Bedienung und Gestensteuerung - und noch viel mehr. Durch die Integration physischer Objekte verschmilzt mit ihm die virtuelle mit der realen Welt. Das erlaubt eine bislang nicht gekannte Bedienung. Golem.de hat sich Surface auf Microsofts Entwicklermesse Xtopia 08 angeschaut.
/ Ingo Pakalski
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Die technische Arbeitsweise von Surface ist seit der ersten Vorstellung im Mai 2007 in Grundzügen bekannt. Im 107 x 53 x 56 cm messenden Surface-Tisch steckt ein Windows-Vista-Rechner, gesteuert wird das Gerät über einen 30 Zoll großen Touchscreen mit Gesten, auf Maus und Tastatur wird ganz verzichtet. Die Darstellung für den Touchscreen übernimmt ein in den Tisch integrierter XGA-Projektor, Berührungen auf der Bildschirmfläche erkennt Surface mittels Infrarottechnik und ist dabei multitouchfähig.

Aufgrund der Infrarottechnik kann der Tisch sogar sehen, natürlich nur eingeschränkt, aber es genügt zur Erkennung spezieller Markierungen, sogenannter Tags. Objekte mit solchen Tags dienen dann dazu, das Gerät zu steuern. In diesem Punkt unterscheidet sich Surface von herkömmlichen Multitouch-Geräten. Dadurch verschmilzt die virtuelle mit der realen Welt und der Anwender hat weniger das Gefühl, mit einem Computer zu agieren.

Die Tischstruktur sorgt dafür, dass der Surface nicht die Vereinsamung herkömmlicher Computer fördert, sondern zur Zusammenarbeit aufruft. Somit kann er etwa für ein Verkaufsgespräch eingesetzt werden, indem der Verkäufer es zusammen mit dem Kunden bedient. Erfahrungen haben gezeigt, dass die Gestensteuerung für Menschen ohne Computerkenntnisse leicht zu erlernen ist und die Hemmschwelle vor Technik fällt, wenn Surface zum Einsatz kommt.

Als einer der Ersten hat sich die Agentur Vectorform auf die Entwicklung von Surface-Applikationen spezialisiert und bietet bereits eine Reihe von Produkten dafür an. Eines der jüngsten Projekte ist eine Anwendung, die für BMW für den X6 entwickelt wurde. Sie ist für die Verkaufsräume von BMW gedacht und erlaubt einem Kaufinteressenten eine intuitive und komfortable Konfiguration seines Wunschautos.

Die Anwendung nutzt Tags, die Informationen zur Farblackierung des X6 enthalten. Diese Tags befinden sich auf der Unterseite von farbigen Klötzchen und sobald der Nutzer das blaue Klötzchen auf den Surface-Bildschirm legt, wird die Lackfarbe blau. Ein rotes Klötzchen zeigt den X6 mit roter Lackierung. Auch die Inneneinrichtung des X6 oder anderes Zubehör lässt sich auf diese Art verändern. Der Kunde muss sich weder durch Menüs hangeln noch in langen Listen den passenden Punkt suchen.

Für NBC entwickelte Vectorform speziell für die Präsidentenwahl in den USA eine Applikation, die dem Zuschauer die Ergebnisse am Wahltag plastischer als bisher präsentiert. Eine US-Karte zeigt die Verteilung der Bundesstaaten und mit einer Berührung gehört ein Bundesstaat entweder Barack Obama oder John McCain.

Auch dabei kommen Tags zum Einsatz, die sogar Informationen speichern können. Damit ist es bequem möglich, verschiedene Stimmenverteilungen zu sichern und diese wieder abzurufen, indem einfach das Objekt mit dem Tag auf den Surface gelegt wird.

Jenseits der Einbindung von realen Objekten in Surface sorgt die Multitouch-Bedienung für ein neuartiges Bedienkonzept. Der Surface kann gleichzeitig von mehreren Personen bedient werden. Bis zu 52 unterschiedliche Multitouch-Eingaben sind technisch möglich, das entspricht zehn Händen mit allen Fingern sowie zwei Objekten mit Tags, die alle von dem Surface erkannt und interpretiert werden. Die Menge hat Microsoft willkürlich gewählt, sie kann bei Bedarf noch hochgesetzt werden. In Anbetracht der Bildschirmfläche sollten diese 52 Multitouch-Eingaben aber genügen, sonst wird es unübersichtlich.

Die Anwendung Surface DJ von Vectorform zeigt auch ganz neue Bedienmöglichkeiten. Mit der Software lassen sich vorgefertigte Loops abspielen. Die abzuspielenden Loops werden mit dem Finger in einen speziellen Bereich geschoben und das Berühren eines aktivierten Loops sorgt dafür, dass dieser stummgeschaltet wird.

Der Suface unterstützt die drahtlosen Übertragungswege per WLAN nach 802.11b/g oder Bluetooth, so dass sich über das Gerät auch Daten etwa mit einem Mobiltelefon austauschen lassen. Für eine bessere Visualisierung der Übertragung wird das Mobiltelefon auf den Surface-Bildschirm gelegt, was dem normalen menschlichen Verhalten näherkommt als die bisherige Computeranbindung.

Auch der Austausch von Daten zwischen zwei Mobiltelefonen ist denkbar. Im öffentlichen Raum stellt sich allerdings das Problem, dass es nicht erwünscht ist, dass eine andere Person sieht, welche Daten auf dem eigenen Mobiltelefon liegen. Hier müssten Softwareentwickler noch nach passenden Lösungen suchen, um dieses Problem anzugehen.

Surface ist erst einmal für den Einsatz als Verkaufshilfe gedacht, indem Händler ihren Kunden gestatten, ein Auto, ein Motorrad oder das Aussehen von Möbelstücken und Kleidung zu bestimmen. Aber auch bei Banken oder Versicherungen könnte der Beratungsprozess transparenter gemacht werden, indem der potenzielle Kunde besser eingebunden wird. In Unternehmen könnten daran Teambesprechungen abgehalten werden. Bei AT&T in den USA wird Surface bereits verwendet, um Kunden bei der Handyauswahl zu helfen.

Im privaten Umfeld kann Surface die Nutzung digitaler Inhalte deutlich vereinfachen. Anwender können gemeinsam im Internet surfen oder der klassische Diaabend kann am Surface stattfinden. Nutzer könnten sich gemeinsam Bilder ansehen, wobei sich jeder einzelne andere Fotos herauspicken und zurechtdrehen kann, die er genauer ansehen möchte. Surface wird einen normalen Bürocomputer hingegen nicht ersetzen, denn dafür ist das Konzept nicht ausgelegt. Zwar lassen sich Eingaben über eine einblendbare Tastatur über den Bildschirm vornehmen, aber für lange Texte taugt das nicht.

Derzeit kostet ein Surface-Tisch mit den passenden Entwicklungswerkzeugen rund 12.500 US-Dollar. Bis das Gerät breit auf dem Markt verfügbar sein wird, wird es noch eine Weile dauern. Derzeit wird ein Marktstart für Privatkunden Ende 2010 erwartet. Was ein Surface dann für den privaten Nutzer kosten wird, ist nicht bekannt. Aber in Anbetracht der Kosten für ein Entwicklergerät zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Preis unterhalb von 5.000 Euro denkbar.

Surface wurde von der Xbox-Abteilung von Microsoft entwickelt und wird als geschlossenes System mit stabiler Hardwarebasis angeboten. Es ähnelt also dem Konzept von Spielekonsolen. Somit ist nicht davon auszugehen, dass andere Firmen außer Microsoft Surface-Geräte anbieten werden.

Derzeit steckt im Surface ein Core-2-Duo-Prozessor von Intel mit einer Taktrate von 2,13 GHz und einer ATI-Grafikkarte X1650, die alles andere als taufrisch ist. Der integrierte Projektor schafft eine maximale Auflösung von 1.024 x 768 Pixeln und ein Massenmarktgerät könnte bis 2010 noch einige Verbesserungen vertragen.

Bis dahin muss Microsoft aber vor allem noch ein technisches Problem lösen: Einige direkte Lichtquellen können die Infraroterkennung des Surface durcheinander bringen, so dass es sich nicht mehr einwandfrei bedienen lässt. In Verkaufsräumen oder Geschäften kann das Problem mit passenden Filtern vor den Lampen umgangen werden, für den privaten Einsatz ist das aber keine brauchbare Lösung. Alternativ kann bei der Aufstellung in Geschäften auch auf verträgliche Positionierung der Lichtquellen geachtet werden, falls diese Probleme machen.

Mit SecondLight arbeitet Microsoft zudem an einer Ergänzung von Surface, mit der es möglich wird, Bilder durch das Surface-Display hindurch und auch darüber hinaus zu projizieren. Das ergibt einen interessanten Effekt: Wird ein halbdurchsichtiges Stück Kunststoff auf das Display gelegt oder darüber gehalten, zeigt dieses das zweite Bild, das durch das erste hindurch projiziert wird. Diese beiden Bildschichten lassen sich nutzen, um beispielsweise die Darstellung eines Autos mit dessen Innenleben zu kombinieren.

Möglich macht das ein elektrisch schaltbarer Diffusor, der schnell zwischen durchsichtig und undurchsichtig umschaltet. So kann abwechselnd auf die Oberfläche oder darüber hinaus projiziert werden. Für das menschliche Auge wirken beide Bilder stabil. Darüber hinaus erkennt SecondLight Gesten, die oberhalb der Tisches ausgeführt werden, ohne dass der Touchscreen berührt wird. Mit speziellen Materialien lassen sich so auch bewegte Bilder auf bewegte Objekte projizieren, die Schräg über den Tisch gehalten werden.


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